Kritik Biografie: The Interior Castle, A Life of Gerald Brenan, von Jonathan Gathorne-Hardy 1992) – 7 Sterne – mit Video


Biograf Gathorne-Hardy (*1933) war mit Gerald Brenan (1894 – 1987) bekannt und sah ihn in Brenans späten Jahren öfter; er hält sich aber bewusst, wie er sagt, weitgehend aus der Biografie heraus (er versteckt seine durchaus längeren Brenan-Begegnungen seit jungen Jahren gern in Fußnoten, z.B. S. 419, S. 573; seine Frau portraitierte Brenan für die Schutzumschlagrückseite). Gathorne-Hardy schrieb selbst eine ganze Reihe von Büchern, auch Romanen, und sein Brenan-Text klingt einigermaßen subjektiv mit deftigem Psychologisieren, gelegentlichen Flachereien und ein paar überflüssigen Altklugheiten („the writer’s key to a woman’s heart (or bed) is not dancing but the promise to get her novel or poems published“, S. 255).

Gathorne-Hardy schreibt aber jederzeit lebendig, für einen Biografen fast schon etwas zu belletristisch. Spannend klingt die Geschichte natürlich auch wegen des unruhigen Protagonisten, der wild herumreist, im ersten Weltkrieg kämpft, im beginnenden spanischen Bürgerkrieg unter Bomben gerät und sich in abstruse Liebeshändel verstrickt.

Man fragt sich, wie objektiv und kritisch Gathorne-Hardy angesichts der – nie näher erklärten – Bekanntschaft zu Brenan sein kann. Er klingt nicht kritisch. Öfter lobt der Biograf die gut geschriebenen Briefe von Brenan und vor allem seiner Geliebten Dorah Carrington; der Autor liefert jedoch kaum einmal mehr als drei Worte Zitat. Nur ein einziges Mal zitiert er mehr als zwei Sätze am Stück und rückt das Zitat dafür ein, S. 571. Schade, auch wenn die kurzen Brenan-Schnipsel vor allem in den späteren Kapiteln immer wieder durch knappe, ungewöhnliche und markante Formulierungen erfreuen. Aus Brenans zahlreichen Veröffentlichungen zitiert Gathorne-Hardy ebenfalls kaum, lieber gibt er spanische Reime wieder. (Ich lese Schriftstellerbiografien durchaus auch, um etwas O-Ton der Wortschmiede mitzubekommen, dann muss ich nicht langwierig die ganzen Originale lesen.)

Viel zu ausführlich schildert Gathorne-Hardy dagegen das langsame Ende von Brenans Frau Gamel und, einige hundert Seiten später, Brenans eigenen Verfall – ein Kapitel dort heißt treffend „The Endless End“. Auf den ersten Zeilen dieses Kapitels rechtfertigt sich der Biograf ausdrücklich für die hochdetaillierte Beschreibung von Brenans Kontrollverlust (S. 596).

Generell klingt Gathorne-Hardy so, als ob er für Leute schreibe, die Brenans Leben schon kennen, auf jeden Fall für Engländer. Die offenbar jahrzehntealte Vertrautheit des Biografen mit dem Stoff und die persönliche Bekanntschaft führt jedenfalls dazu, dass er gelegentlich beiläufig Personen oder Ortsnamen nennt, die noch nicht eingeführt wurden – Bloomsbury und Slade werden als bekannt vorausgesetzt, ebenso einige B-Künstler weit weniger berühmt als Virginia Woolf, J.M. Keynes, V.S. Pritchett und E.M.Forster, denen Brenan mehrfach begegnet; Hemingway und Graham Greene haben Mikroauftritte. (Vielleicht nimmt Gathorne an, dass die Leser seiner Biografie Brenans eigene, oft autobiografische Bücher bereits kennen; ich selbst habe aber zuerst bewusst die Brenan-Biografie Gathorne-Hardys gelesen, so dass ich anschließend Brenans Autobiografisches wie South from Granada mit mehr „objektiven“ Hintergrundkenntnissen lese. In der Tat widerspricht der Biograf gelegentlich den Darstellungen aus Brenans South from Granada auf Basis von Briefen, Tagebüchern, Interviews, unveröffentlichten Manuskriptteilen oder anderen Brenan-Veröffentlichungen).

Ich hatte die Sinclair-Stevenson-Hardcover-Ausgabe von 1992:

  • Ca. Gesamtseiten: 662 inkl. Danksagung
  • Ca. Seiten Haupttext: 608 (also ohne Anhänge, Quellenverzeichnis, Endnoten)
  • SW-Fotodruck-Seiten: 2×16 in passabler Qualität
  • Gewicht: 1030 g
  • Höhe: 58 mm

Löblich: In den zahlreichen Endnoten vermerkt Gathorne-Hardy ausschließlich Quellenhinweise, die man in der Regel nicht hinten nachschlägt. Inhaltliche Randbemerkungen schreibt er als besternte Fußnoten direkt auf die zugehörige Seite – zeitweise zu viele zu klein gedruckt. Wie andere englische Biografen nennt Gathorne-Hardy für damalige Pfund-Beträge den heutigen vergleichbaren Gegenwert; er tut dies aber in einigen Buchpassagen zu selten, bringt dafür im Anhang eine lange Liste mit Kaufkraftäquivalenzen von 1894 bis 1990; eine kurze Umrechnung im Lauftext wäre besser. Keine Zeittafel, kein Organigramm oder Stammbaum.

Lesenswerte, durchweg positive Rezensionen zur Biografie fand ich im Independent, in Publishers Weekly, LRB (mit Klarstellung von Gathorne-Hardy) und NYT.

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