Kritik Biografie: Tania Blixen, von Judith Thurman (1982, engl. The Life of a Storyteller bzw. Isak Dinesen The Life of Karen Blixen) – 7 Sterne – mit Videos

Thurmans Blixen-Biografie beleuchtet viele der betont vagen Passagen in Blixens Memoiren Jenseits von Afrika (noch genauer tut dies die spätere Blixen-Biografin Linda Donelson). Judith Thurman schreibt insgesamt ein sehr ausführliches, mir teils zu ausführliches Werk, das mit Tania Blixens Großeltern beginnt (Tania Blixen, 1885 – 1962, ist auch als Karen Blixen und Isak Dinesen bekannt). Thurman schildert Blixens Jugend mit literarischen und intellektuellen Einflüssen (u.a. Nietzsche, Georg Brandes, Shakespeare etc.). Thurman misst Blixen an Walter Benjamins Ansprüchen – weit entfernt von Afrika und glühender Liebe unter dito Äquatorsonne.

Ungute Geister:

Historische Geistergeschichten, die Blixen als 20jährige schrieb und teils veröffentlichen konnte, diskutiert Thurman auf vielen Seiten – Inhalt, Qualität und Bezug zu Blixens Leben. Es gibt ein eigenes Kapitel über „Aunt Bess“ (in dem dann ausführlich vor allem Georg Brandes erscheint) und später ein weiteres über den Blixen-Bruder „Thomas“ (wiederum nicht nur von Thomas berichtend).

Thurman will ernsthaft in Blixens Philosphie und Seele eindringen, muss aber eingestehen, dass Blixen oft abhängig von Launen und Gegenüber argumentierte. Erstmals etwas Leben ins Buch kommt etwa auf Seite 100, wenn Tania Blixen als 24jährige einige Monate in Paris verbringt (ohne zu schreiben oder viel zu malen). Ich gebe zu, dass mich vor allem Blixens interkulturelle und romantische Seiten interessierten, ihre Literatur viel weniger – Adels- und Geistergeschichten aus verflossenenen Jahrhunderten sind nicht mein Ding, und Thurman hat nachgezählt: sie fand nur „two Dinesen tales set in the modern age“ (S. 251); Blixen-Biografin Donelson ergänzt: „Out of Africa is superior to her ((Blixens)) other writing, both in its lyricism and in its clear portraits“ (Donelson S. 337). Außerdem galt Blixen laut Thurman als „bad-tempered, selfish, hypersensitive“ (S. 300), also wiederum nicht genau mein Typ.

Ich habe darum nach Blixens Rückkehr aus Afrika 1931 nur noch ausgewählte Teile der Thurmanschen Biografie gelesen: das Verfassen von Out of Africa 1937; eine Journalistenreise nach Berlin 1940 (bei der Blixen Einladungen zu Nazigrößen ausschlägt); eine gefeierte USA-Reise 1958 und die wenigen verstreuten Absätze zu Shadows on the Grass 1960; insgesamt las ich vielleicht dreieinhalb Fünftel der Biografie.

Recherchen:

Thurman sprach seit etwa 1975 mit allerlei Zeitzeugen in Dänemark und Afrika wie auch mit der früheren Kenia-Autorin Errol Trzebinski, liefert jedoch kaum Live-Eindrücke von ihren Begegnungen und Entdeckungen. Mit einer Ausnahme: Den Besuch beim Afrikaner Kamante, Star aus Blixens Buch Jenseits von Afrika, erwähnt Thurman mehrfach; u.a. kocht er für die Biografin „clear soup“, die mit Eierschalen geklärt wird und die vor Jahrzehnten schon Blixen und Finch Hatton beglückte.

Thurmans Buch inspirierte den 1985er Film Out of Africa mit Meryl Streep und Robert Redford, bei dem Thurman Koproduzentin wurde. Meine Buchausgabe jedoch erschien erst nach dem Film, und ich hätte mir gewünscht, dass sie etwas über den Film und die Dreharbeiten schreibt und in eine Neuauflage packt. Vielleicht untersagt das jedoch ihr Vertrag. Thurmans Buch endet ohnehin hart an Blixens Todestag – es gibt kein Wort über Nachwirkung oder das Schicksal überlebender Zeitbegleiter.

Stilfragen:

Die Kulturjournalistin Thurman schreibt immer gut lesbar, teils ausgesprochen literarisch, mit lyrisch gekräuselten Überschriften und feuilletonistischen Sätzen wie (S. 45):

There is in Dinesen’s work and thinking a frontier – more of a fixed circle, like an embroidery hoop – that separates the wild from the domestic. Within it there is firelight and women’s voices (…)

Thurman könnte wirklich mehr O-Ton bringen, doch oft erzählt sie Briefwechsel in indirekter Rede nach. So erwähnt Thurman einen hitzigen Telegramm-Brief-Wechsel („critical… and bitter“) zwischen Blixen in Afrika und den dänischen Miteigentümern der in Not geratenen Blixen-Farm, doch sie verweigert wörtliche Zitate (Blixen-Biografin Donelson bringt etwas mehr O-Ton).

Wie andere US-Biografen nennt auch Thurman ihre Hauptfiguren beim Vornamen, für Tania Blixen verwendet sie eine verwirrende Zahl unterschiedlicher Namen.

Lateinische, französische, deutsche oder dänische Ausdrücke druckt die New Yorker-Redakteurin Thurman gelegentlich unübersetzt. Namen und Begriffe wie Fenimore Cooper, Natty Bumppo, Bastille, Petit Trianon, Scheherazade, in loco parentis oder „gemütlichkeit“ muss der Thurman-Leser kennen. Auch Blixens Leben sollte der Leser schon grob kennen, denn Afrika, Denys Finch Hatton und Bror Blixen führt Thurman ein, ohne die spätere Beziehung zu Tania Blixen zu erwähnen.

Meine Ausgabe:

Meine englische Penguin TB-Ausgabe von 1986 hat über 450 reine Textseiten, dazu viele Fußnoten, Endnoten, Stichwortverzeichnis, Literaturverzeichnis, Literaturabkürzungsverzeichnis, Stammbaum, Danksagung, Bildteil und eine Gliederung mit drei Ebenen; meine Ausgabe erschien erst nach dem Film Out in Africa, zeigt die Hauptdarsteller auf dem Titel und heißt Isak Dinesen The Life of Karen Blixen.

Zu einigen verblüffenden Zitaten nennt Thurman im Lauftext keinen Sprecher, sondern nur eine Endnote – man muss den Urheber dann hinten in den Endnoten nachschlagen (besonders lästig ist das, wenn das Buch in einer Lesestütze klemmt, aber das sage ich nun seit Jahren).

Die Unterschiede zwischen den Blixen-Biografien von Judith Thurman (1982) und Linda Donelson (1995):

Die Kulturjournalistin Judith Thurman beschreibt gleichmäßig Blixens gesamtes Leben bis zurück zu den Großeltern. Die Ärztin Linda Donelson schildert dagegen hochdetailliert – genauer als Thurman – Blixens afrikanische Zeit ab ihrem 28. Lebensjahr, und die Fakten unterscheiden sich in einigen Einzelheiten; Blixens frühere Lebensjahre, ihre Eltern und Großeltern sowie Blixen nach 1931 erscheinen bei Donelson nur stark gerafft.

Thurman schreibt feuilletonistisch-elegant, dabei stets gut lesbar, sie will Psyche und Philosphie Blixens ergründen und behandelt Sexuelles diskret. Donelson schreibt deutlich direkter, ebenfalls gut lesbar, aber nicht so gefällig, teils fast zupackend; sie interessiert sich wenig für Philosophie und Psychologie allgemein, äußert sich aber weit deutlicher zu Ehedynamik, Sexuellem und Blixens Gesundheit, vor allem die vermeintlichen Syphilis-Symptome.

Thurman sieht die großen Linien, während die fast protokollartige Schilderung bei Donelson teils ermüdet. Beide Biografinnen ziehen Parallelen zwischen Blixens Leben und den Erzählungen, die sie neben Out of Africa schrieb – dabei ist Thurman ausführlicher und wohl auch tiefgründiger, während Donelson viele kurze, schnelle Parallelen anführt. Beide Biografinnen nennen ihre Hauptfiguren beim Vornamen. Donelson zitiert etwas mehr O-Ton aus Blixens Briefen.

Donelson schrieb später als Thurman und erklärt, ihre Biografie korrigiere frühere Falschdarstellungen. Wen oder was sie damit meint – vielleichtThurman -, sagt sie nicht, und Thurmans Buch spielt bei Donelson kaum eine Rolle (es erscheint als Quelle).

Keine Biografie blickt auf die Zeit nach Blixens Tod. Beide bringen einen Stammbaum und ein paar schlechte Fotos; nur Donelson hat eine Zeittafel für Blixens afrikanische Jahre mit/ohne Finch Hatton.

Freie Assoziation:

  • Mehr über Kolonialismus in Kenia insgesamt, samt ein bisschen Tania Blixen, liefert Nicholas Bests Happy Valley
  • Der Schmachtfilm Jenseits von Afrika beruht auch auf Thurmans Blixen-Biografie, Thurman arbeitete am Film mit und erscheint auch im Beifilm Song of Africa auf der Bluray

Biografin Thurman in der engl. Wikipedia

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