Kritik Biografie: Pablo Picasso. Eine Biographie, von Patrick O’Brian (1976) – 5 Sterne

Biograf Patrick O’Brian schrieb viele erfolgreiche historische Romane. Auch seine Picasso-Biografie liest sich wie eine genüssliche, geruhsame Erzählung – recht lebendig, sprachlich solid, nie dramatisierend. Zwar berichtet O’Brian chronologisch, doch gern schweift er auch ab, greift voraus und verallgemeinert ein bisschen:

Being a father is generally acknowledged to be an ungrateful trade; being a son is another…“, S. 68

The she-bear is often held up as the type of possessive affection; but neither the she-bear nor yet the tigress can compare with the average artist protecting his patron. S. 211

…just as celibates often dream of the marriage state, imagining strange joys, so some part of the outsider longs at times for the integration. S. 208

It is very useless to inquire why a man should like a particular woman; the spectator can only wonder and exclaim.

Der letzte Satz bezieht sich auf Picassos Frau Olga. O’Brian schreibt wenig über Picassos Frauen, aber wenn, dann unfreundlich, und das besonders über Olga.

Ausführlich dagegen schildert O’Brian (1914 – 2000) die Situation in den Orten, an denen Pablo Picasso lebte – und das war schon in jungen Jahren Malaga, La Coruña, Barcelona, Paris. Kommt Picasso nach Barcelona, schreibt O’Brian etwa (S. 43): „This is not the place for a detailed history of Catalonia and its capital…“ – um sogleich vier dichtbedruckte, plastisch ausmalende Seiten genau zu diesem Thema folgen zu lassen (ich kenne nur das englische Original in der W.W.Norton-TB-Ausgabe und kann die Eindeutschung nicht beurteilen; ich habe auch nur die erste Buchhälfte bis 1917 gelesen). Sogar ein entlegenes Bauernkaff wie Horta de Ebro lässt O’Brian über mehrere Seiten lebendig werden, samt Tierherden und Olivenäckern.

Den Charakter der Picasso-Begleiter leitet O’Brian oft aus Picasso-Gemälden ab. Kritik, Analyse und Interpretation wagt O’Brian erklärtermaßen nicht. Er spottet sogar über andere Picasso-Interpreten: sie litten an der „assumption that the interpreter knows more about Picasso than ever Picasso knew“ (S. 121).

Manchmal weiß O’Brian jedenfalls definitiv weniger als andere Picassografen. So datiert er Picassos Erstbegegnung mit Marie-Thérèse Walter auf „probably in 1931“ (S. 285). Diese Muse traf Picasso jedoch schon 1927.

Kunsthistorische Übersicht strebt O’Brian auch sonst nicht an: Es gibt keine Zeittafel, keine Jahreszahlen als lebende Kolumnentitel und selbst die Kapitelüberschriften lauten „Chapter XIII“ etc. – ohne jede Angabe von Ort, Zeit oder Thema, also ohne jede Orientierung für den Leser.

Meine englische Ausgabe hat kein einziges Bild – weder Picasso-Gemälde noch Fotos der Hauptfiguren und -orte; doch O’Brian beschreibt viele Gemälde sehr genau – so entstehen präzise Vorstellungen, wenn auch nicht unbedingt die richtigen. Eine erste farbige Picasso-Übersicht liefert der günstige Picasso-Band von Ingo F. Walther. Halbwegs übersichtlich sind auch pablo-ruiz-picasso.net, art-picasso.com und und artsviewer.com. Keine dieser Quellen zeigt jedoch alle Bilder, die man passend zum Buch sehen möchte, und speziell die Onlinequellen nennen teils abweichende Bildtitel und Jahreszahlen.

Pablos Nachbar:

Im südfranzösisch-katalanischen Collioure war O’Brian eine Zeitlang Nachbar des späten Picasso. Diese persönliche Bekanntschaft erwähnt der Biograf zunächst nicht, flicht auch keine privaten Erlebnisse ein. Das erste Mal erfährt der Leser auf Seite 100 von der privaten Beziehung – anlässlich einer kleinen privaten Erinnerung von Freunden des Biografen („friends of the present writer“, S. 100) an den späten Picasso, eingeflochten in ein Kapitel über Picassos junge Jahre.

Bei den verblüffend genauen Schilderungen aus Picassos Jugend meint man oft, dies habe der Maler dem Biografen erzählt – aber wir kennen die Quelle nicht: O’Brian verzichtet nonchalant auf Fußnoten, Endnoten, genaue Quellenangaben und ein Literaturverzeichnis. Einmal zitiert er „an eminent authority“, ohne den Namen zu nennen (S. 204).

Schreibt Patrick O’Brian wegen der einstigen Nachbarschaft freundlicher, wohlwollender, kritisicher? O’Brian will Picasso dezidiert nicht als „paragon of all virtues nor indeed of any“ präsentieren (S. 80). Er lobt zwar viele Picasso-Bilder und hält den Maler offenkundig für ein Genie, wird dabei jedoch nie euphorisch oder ehrfürchtig. Picasso liefere jedoch auch „dull pictures… thoroughly bad.. horrid lapses… vulgar, silly romanticism rendered with a sickening virtuosity“ (ebf. S. 80) – bei dieser Verallgemeinerung fällt der für das Buch ungewöhnlich harsche Ton auf.

Vergleich der Picasso-Biografien von Patrick O’Brien (1976) und John Richardson (1991, 1996, 2007)

Beide Autoren kannten Picasso in den 1950er Jahren in Südfrankreich aus dem täglichen Umgang, erzählen aber wenig davon. John Richardson schreibt salopper, teils spöttisch und kritisch, Patrick O’Brian getragener und mit breiterer Hochachtung für Picassos Kunst. Kein Autor klingt weitschweifig oder professoral, auch wenn O’Brian ein paar überflüssige Verallgemeinerungen ausstößt. Insgesamt wirkt Richardson moderner. O’Brian will Bilder explizit nur beschreiben, nicht deuten; Richardson interpretiert fleißig und stellt viele Bezüge zu anderen Bildern her.

Beide Biografen schreiben für ein gebildetes Publikum, das Figuren und Begriffe der Kunst- und Kulturgeschichte ebenso erkennt wie unübersetzt eingestreutes Französisch. Richardson ist besonders polyglot. Doch nur O’Brian bringt viele Picasso-Briefe erst im ursprünglichen fehlerhaften Französisch, dann englisch übersetzt; Richardson liefert nur die englische Übersetzung oder einzelne Sätze nur auf Französisch oder Spanisch, dazu gelegentlich eine Handschrift-Repro, schwer zu entziffern, aber mit zauberhaften Zeichnungen. (Von beiden Biografien kenne ich nur die englische O-Fassung, nicht die Eindeutschung; von O’Brian dabei nur die erste Hälfte bis 1917.)

Ich kann die inhaltliche Qualität überhaupt nicht beurteilen, doch zumindest in einem Punkt liegt O’Brien offenbar grob falsch: Marie-Thérèse Walter und Picasso trafen sich bei ihm „probably in 1931“ (S.285). John Richardson terminiert die Erstbegegnung dagegen so wie alle anderen Historiker auch: „1927… At six o’clock in the evening of January 8…“ (Bd. III, S. 323). Hier sieht O’Brien nicht gut aus,

Der auf mindestens vier Bände angelegte Richardson hat scheinbar weit mehr Platz als der einbändige O’Brian, doch Richardson benötigt auch viel Fläche für eine breite Randspalte (nur in Teil I und II), für den Anhang und für viele SW-Repros und -Fotos in ordentlicher Qualität. Doch in der Tat erzählt Richardson deutlich mehr, u.a. über Picassos Zeitgenossen, insonderheit Künstlerkollegen, Mäzene und Picasso-Sammler und Händler. Nach dem coolen, bebilderten Richardson und seinen Klatschgeschichten fällt es schwer, wieder im getragenen, etwas allgemeineren und bilderlosen O’Brian zu lesen.

O’Brian zeigt kein einziges Bild und bringt kaum Quellenangaben. O’Brian erwähnt Richardson nur einmal. Richardson widerspricht einer O’Brian-Behauptung und sagt an anderer Stelle, O’Brians Buch sei für „the intelligent but unspecialized reader“ (Nachwort Bd. I), zudem bevorzuge O’Brian aus persönlichen Gründen katalanische Gefilde.

Ich kenne auch die Picassografien von Wilfried Wiegand und Ingo F. Walther – die sind jedoch weitaus kürzer und haben ein anderes Ziel.

Persönliche Erklärung des Besprechers:

Ich habe zuerst den halben O’Brian gelesen, bis zum Jahr 1917. Dann habe ich den 2. Richardson-Band gelesen, also die Jahre 1907 bis 1917. Danach wollte ich O’Brian weiterlesen, ab 1918. Doch es ging nicht mehr: Nach Richardsons cooler illustrierter Strecke und all dem lässigen Parlando wirkte O’Brian zu altbacken und in seiner Bilderlosigkeit absurd.

Ich musste mir also auch den ersten und dritten Richardson-Band beschaffen, gebraucht, dennoch unter finanziellen Schmerzen. Die Preise für Band III im Mai 2020: E-Buch Amazon-Kindle 16 Euro, E-Buch Epub 20 Euro, neue TB-Ausgabe bei Amazon.de 27 Euro, neue TB-Ausgabe bei buecher.de 32 Euro, gebraucht bei diversen Händlern ab 27 Euro plus Versand (sic). Soll ich Geld sparen und ein E-Buch von Amazon auf einem Mobilgerät lesen? Wird dort achtsam mit meiner Privatsphäre hantiert? Welch ein Dilemma, welch ein Schmerz, aber ein Picasso Life III von Richardson musste her.

Danach habe ich auch Band I angeschafft – nicht nur Picassos wegen, sondern auch, weil mich die Beschreibung der spanischen Zeitumstände interessiert. Hier gab’s die deutsche Ausgabe gebraucht günstiger und schneller als die englische – doch wie immer hatte ich letztlich zuviel Angst vor einer Übersetzung.

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