Kritik Biografie: Myself & the Other Fellow. A Life of Robert Louis Stevenson, von Claire Harman (2005) – 7 Sterne – mit Presse-Link

Harman schreibt ein lebendiges, fast schon bezwingendes Englisch, das stets fesselt, ohne  angestrengt unterhalten zu wollen. Sie verwendet jedoch auch mehr mir unbekannte englische Wörter als andere Autoren.

Harman scheut weder (als solche deklarierte) Spekulationen noch robuste Urteile. Das gilt nicht nur für literarische Kommentare – einige Stevenson-Bücher nennt sie „perfect duds“ (S. 110) – sie stuft auch Persönlichkeiten immer wieder ein, hier über einen schmachtenden Liebesbrief der Hauptfigur (S. 106):

This is neurotic, but also very intimate; the clearest glimpse we get of Stevenson’s feverishly unbalanced love (…)

Oder über Stevensons langjährige Ehefrau (S. 346):

Fanny was a humourless and self-deluding woman: wrong, certainly; mad, possibly – but not bad.

Ausstattung:

Der Haupttext hat in meiner Harper Perennial-TB-Ausgabe etwa 470 üppig bedruckte Seiten, dazu kommen etwa 34 Seiten Fußnoten, Stichwörter und Bibliographie, aber kein genauer Recherechebericht. Die Fußnoten enthalten weitestgehend nur Quellenhinweise, keine allgemeineren Hintergründe; man braucht also kein zweites Lesezeichen für den Anmerkungen-Teil. 16 nicht paginierte Seiten auf Textdruck-Papier zeigen SW-Fotos; die Bilder präsentieren alle wichtigen Personen in noch passabler Qualität – obwohl nicht auf Kunstdruckpapier.

Das Buch enthält auch eine Südseekarte mit Stevensons Routen. Im Vergleich dazu zeigt die entsprechende Karte in der Penguin Classics-Ausgabe von Stevensons In the South Seas zwar kleinere Inseln und die Bewegungen dazwischen genauer, aber einige Reisen fehlen ganz (oder sie sind bei Harman überflüssig).

Religion und Zipperlein:

Je nach Interesse des Lesers sind 470 Seiten Haupttext vielleicht zu viel: Die bizarren religiösen Ideen von Stevensons Eltern und Kinderfrau erhalten sehr viel Raum, ebenso seine vielen diffusen Krankheiten – er nannte sich selbst einmal „professional sickist“ und Harman macht daraus eine Kapitelüberschrift; eigentlich passt der Titel auf mehrere Kapitel, und in seinen letzten Lebensjahren wird auch Fanny Stevenson verwirrt.

Zu ausgedehnt erscheint vielleicht auch Stevensons (1850 – 1894) absehbar vergebliches Schmachten nach Frances Sitwell. Bei einigen weiteren Nebenfiguren hätte Harman ebenfalls straffen können. Andererseits hat Harman hier genug Platz, um auch das Nachleben der wichtigsten Nebenfiguren noch über Jahrzehnte hinweg zu skizzieren – andere Biografien enden schlagartig mit dem Tod der Hauptperson. Vielleicht erscheint mir Harmans Biografie auch deshalb als etwas lang, weil mich Stevenson als Mensch nicht begeistert: Er stolpert eher als großer Kindskopf über den Planeten.

Wildwest:

Richtig interessant wird es erstmals ab Seite 130, mit dem abenteuerlichen Vorleben von Stevensons späterer Frau Fanny Osbourne im amerikanischen Wilden Westen. Und was mich wirklich an Stevenson interessierte – seine Reisen in Frankreich und später bis in die Südsee – beginnt auch in dieser Zeit mit einer Kanutour, über die er später schreibt. Unterwegs hat Robert Louis Stevenson laut Harman ganz ähnliche Interessen wie ich (S. 143):

Not tourist sites, but sights of ordinary life, hardships, rebuffs, oddity, humour, moments of human sympathy.

Doch die Reisen werden wieder unterbrochen durch lange Monate im Krankenstand – genau beschrieben von Harman – mit literarischen Projekten, die Stevenson selbst später für „vomitable“ erklärt und häufig abbricht.

Stevensons bekanntestes Buch Dr. Jekyll and Mr. Hyde – für das er jedoch nur wenig Zeit benötigte – behandelt Harman etwas ausführlicher als andere wichtige, heute kaum bekannte Werke. Mal rafft sie scheinbar stark, dann wieder zitiert sie ausführlich und aufschlussreich aus Stevensons Briefen (in den 1990ern erschienen Stevensons Briefe in acht Bänden, damit hatte Harman einen wichtigen Vorteil gegenüber anderen Biografen). Meist schreibt Harman chronologisch, gelegentlich bringt sie zusammenfassende Rückblenden, ganz zum Schluss auch eine ausnahmsweise verwirrende Vorausblende.

Ich kenne auch die fiktionalisierte Stevenson-Biografie Under the Wide and Starry Sky von Nancy Horan (2014). Im Vergleich zu Horan schreibt Harman weniger freundlich über Stevensons Frau und mehr über seine dauernden Krankheiten, seine platonische Liebe Fanny Sitwell, seine Bücher und über sein politisches Engagement in Samoa.

Smoothly-assembled and readable…“ – die Kritiker:

New York Times:

Her shrewd and sparkling biography…

Kirkus Reviews:

His thorough and opinionated biographer spares him no criticism, at times blasting what she views as Stevenson’s incompetence in writing

Publishers Weekly:

Harman doesn’t delve too deeply into the psychologyreadable narrative of his kaleidoscopically colorfulgap

Observer:

What is missing is any sense of how the life relates to the writer. Most damagingly, the book refuses to engage with Scotland. It presents data…

Guardian:

Very good…  A good letter-writer in an age of good letter-writers, Stevenson is a gift to biography… Sex, love affairs, clothes, underlinen, quarrels

London Review of Books:

Harman does not, herself, seem to have set out to write a great or definitive biography, but she understands what it takes to write a book

Independent, Ian Thompson:

the first biography of Stevenson to make use of the complete Yale correspondence. Yet, astonishingly, it adds very little to recent lives of Stevenson

The Telegraph:

both the life and the writing are irresistibly entertaining… Her commentaries on his famous works are intelligent


Independent, Mark Bostridge:

Excellent… She skilfully weaves an understanding of Stevenson’s literary borrowings, from his use of Scottish dialect to his interest in new scientific developments

Washington Post:

Claire Harman’s judicious, witty and insightful life is as gratifying as it is poignant. ·

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