Kritik Biografie: Keiner blickt dir hinter das Gesicht. Das Leben Erich Kästners, von Sven Hanuschek (1999) – 6 Sterne

Anders als Kästner-Biograf Klaus Kordon erzählt Sven Hanuschek Kästners Leben nicht nur nach dessen eigenen Veröffentlichungen – Hanuschek spricht auch mit Nachfahren, sichtet Archive und Melderegister, findet Fehler und Auslassungen in den Memoiren von Kästner und Kästner-Gefährtin Luiselotte Enderle (S. 176, S. 268 meiner Hardcover-Hanser-Ausgabe von 1999). Hanuschek entdeckt auch eine überraschende Verbindung zwischen Goebbels und Kästner (S.296).

Sven Hanuschek schreibt nicht streng chronologisch, sondern nach Themen: So erhält die achtjährige Beziehung zu Ilse Julius ein eigenes Kapitel, der Roman Fabian/Gang vor die Hunde ein anderes. Die Frage, wer tatsächlich Erich Kästners Vater war, diskutiert Hanuschek in einem weiteren Kapitel – ohne klares Ergebnis.

Chronologieschlingern:

Dabei schlingert gelegentlich die Chronologie: Auf Seite 194 endet ein allgemein biografisches Kapitel mit Hitlers Machtübernahme am 31.1.1933. Danach auf Seite 195 beginnt die Fabian-Niederschrift – „etwa Ende September 1930“, es geht also zweieinhalb Jahre retour. Auf Seite 374 befinden wir uns im Jahr 1952, nach einer Leerzeile auf derselben Seite geht es im Jahr 1947 mit einem anderen Thema weiter. Diese etwas unchronologische Aufteilung nach Themen führt auch dazu, dass Hanuschek die Erwartung zeitlich passender Themen gelegentlich vertrösten muss, so etwa mindestens zweimal Drei Männer im Schnee (u.a. „den Verwandlungen dieses Stoffs bleibt das nächste Kapitel reserviert“, S. 213).

Bei diesen Drei Männern im Schnee dachte ich wieder, Hanuschek interessiert sich für Kästners literarische Produktion mehr als für dessen Leben und Haltung in Nazideutschland. Hanuschek stellt den Unterhaltungsroman genauestens vor und präsentiert allerlei Ableger – Theaterstücke, Verfilmungen. Der pompöse Münchhausen-Film aus den Kriegsjahren bekommt ebenfalls mehrere Seiten. Auch weitere heute kaum bekannte Kästner-Schnurren behandelt Hanuschek ausführlich, ebenso wie Kästners Arbeit unter Pseudonym und seine Teamarbeiten. Bemerkenswert: auch in all seinen zitierten Privatbriefen erweist sich Kästner als selbstironischer Wortkasper (nicht auszuschließen, dass Hanuschek speziell solch funkelnde Zitate auswählte).

Sehr ausführlich schildert Hanuschek Kästners Arbeit als Journalist und Redakteur, rekapituliert Kästner-Artikel und beauftragte Autoren. Umso verblüffter liest man, Kästners Arbeit als PEN-Präsident „kann in diesem Rahmen nur marginal behandelt werden“. Und tatsächlich gibt es über Kästner beim PEN nur ein paar kurze Erwähnungen von Kongressreisen; „eine umfangreiche Geschichte des bundesdeutschen PEN (1951 – 1990) ist in Vorbereitung“, verspricht der Biograf (jew. S. 461); sie erschien als eigenes Buch 2005.

Außerfamiliäre Vorbilder:

Interessant auch: Erich Kästner  (1899 – 1974), der immer wieder herzensgute Strebertypen, herzensgute Muttchen und unauffällige Väter nach eigenem Erleben beschrieb, bildete seine Romanfiguren nicht nur der eigenen Familie nach. Hanuschek entdeckt vielmehr und zitiert immer wieder literarische Kästner-Vorbilder:

  • u.a. einen Romancier aus Dresden, Kästners Heimatstadt, der wie ein Kästner-Vorläufer klingt und den der jugendliche Kästner verschlungen haben soll
  • gleich zwei Lyriker, die Kästners Gedichte vorwegnahmen („könnte in (fast) jeder Hinsicht von Kästner sein“, S. 129, s.a. S. 131)
  • für Plot-Elemente von Emil und die Detektive hat Kästner eine andere Veröffentlichung „kräftig geplündert“ (S. 142, mit detailliertem Vergleich)

Leicht kopfschüttelnd reportiert Hanuschek den Nach-Ilse-Frauenreigen in Kästners Leben und erwähnt pikiert „die von ihm verursachten Leiden der Frauen“. Um das Jahr 1952 herum redet Hanuschek vom „100. Todestag“ Goethes (S. 374), gemeint ist sicher der 150. Wenn das Raddatz gelesen hätte.

Textkörper:

Kästner schrieb unterhaltsam, charmant, redundanzfrei. Auch die Leser einer dicken, akademischen Kästner-Biografie erwarten wohl keine staubtrockene Philologie. Und in der Tat textet Hanuschek nie glanzvoll, doch halbwegs flüssig, nur gelegentlich schwiemelt es („die Sprache selbst destruiert“, S. 67; „gewissermaßen anthropologischer Pessimismus“ und „Rückbindung an geschichtliche Veränderungen“, S. 129); die FAZ redet von einer „manchmal etwas lahmen Ausdrucksweise“.

Aber der Satz des großen, eher eng bedruckten Hanser-Hardcovers (nicht zu verwechseln mit Hanuscheks kurzer 2004er-Kästner-Monografie bei rororo) erschwert die Lektüre:

  • Manchmal gibt es seitenlang keinen Absatz, so etwa auf den Doppelseiten 20/21, 336/337, 350/351 und 376/377 nur einen Absatz und auf den Doppelseiten 70/71, 174/175 und 254/255 nur je zwei Absätze
  • zu selten lockern Hanuschek oder Setzer die langen Kapitel durch Zwischentitel oder Leerzeilen auf, selbst bei harten Themenwechseln innerhalb eines Kapitels (vor allem in den ersten drei Buchfünfteln)
  • selbst ein langes, 12,5zeiliges Kästner-Zitat wird nicht eingerückt und herausgehoben, sondern versinkt unsepariert in der Bleiwüste des Lauftexts, S. 19; ebenso ergeht es knapp 17 Tucholsky-Zeilen auf Seite 161 und rund 44 Zeilen auf Seite 350f

Auflockernd immerhin:

  • längere Gedichte erscheinen umbrochen (kurze Gedichtauszüge dagegen in Blocksatz-Zeilen, den Umbruch per Schrägstrich annonciert, z.B. S. 19)
  • direkt im Lauftext auf Textdruckpapier streut der Verlag gelegentlich SW-Fotos in passabler Qualität ein

Andere Grummeleien:

Auch die Form der Quellenangaben irritiert. Teils arbeitet Hanuschek mit hochgestellten Ziffern und Endnoten, teils entstellt er seinen Text mit Kryptischem, oft mehrfach pro Seite wie hier (S. 22):

((…)) sie richtete „das linke Vorderviertel des Schlafzimmers“ (VII: 84) als Frisierecke ein.

Selbst wenn es eine Systematik hat, verblüffen mich auch Quellenangaben und Zitierweisen wie diese auf Seite 158:

Der Titel des Gedichtbandes stand seit März 1930 fest (25.3.1930, MB), Mitte September erhielt Kästner seine Belegexemplare (13.9.2030, MB).

Oder S. 182 (eckige Klammern und hochgestellte Ziffern wie vorgefunden):

sie habe Kästners Werk „paketweise nach Hollywood schaffen“ lassen, mit ihm „Hollywood sozusagen verseucht [.]“.31

Erich Ohser erscheint bei Hanuschek generell nicht mit seinem weit bekannteren Pseudonym e.o. plauen, nicht mal bei den Vater und Sohn-Geschichten (S. 283; auch das Register hilft nicht weiter); umgekehrt erscheint M.C. André nur unter diesem Pseudonym, nicht mit ihrem Klarnamen Martha Douglas(-André).

Auf S. 123 zitiert Hanuschek Kästner, der sich gegen Übervorteilung schützen will:

„Es sind nette Leute, wenn’s nichts kostet. Alles Juden.“

Das lässt Hanuschek völlig unkommentiert.

Freie Assoziation:

  • Die Kästner-Biografie von Klaus Kordon ist knackiger, fast romanhaft, formuliert, und liefert viele eindeutige Befunde, wo Hanuschek behutsam abwägt. Auffällig: beide Biografen zitieren teils dieselben Gedichte und Zeitzeugenaussagen. Kordon verlässt sich scheinbar glatt auf die Memoiren von Kästner und dessen Lebensgefährtin Enderle, während Hanuschek Enderle und Kästner Schönungen nachweist und viel Quellenforschung betreibt; Hanuschek zitiert ein Zeitzeugeninterview Kordons (Hanuschek, S. 216) und geht sogar auf Kordons Biografietitel ein (S. 299)
  • HansBlog-Liebling Billy Wilder hat einen Auftritt bei der Emil-Verfilmung, noch kürzer gastiert Thomas Mann, dessen Sohn Klaus Mann wird mit einem Kästner-Verriss zitiert

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