Kritik Biografie: Italo Svevo, von François Bondy, Ragni Maria Gschwend (1995) – 6 Sterne


François Bondy und Ragni Maria Gschwend diskutieren zunächst die schwierige Quellenlage und führen ins Triest des 19. Jahrhunderts ein. Dann liefert die dünne, aber doch faktenreiche Italo-Svevo-Biografie Kapitel über Svevos Großeltern, Eltern, Svevos frühe Kindheit und die Zeit im deutschen Internat. Vieles ist nicht präzise belegbar. Ab der späteren Jugend – noch in Deutschland, dann zurück in Triest – bringen Bondy/Gschwend viele Querbezüge zwischen Svevos Leben, seiner Lektüre und seinem Werk und verarbeiten dabei auch Tagebücher des Svevo-Bruders Elio und Familienbriefe.

Bondy und Gschwend schreiben sehr ernsthaft, interessiert und haben Svevosche Schauplätze erkennbar selbst besucht. Zu kurz kam mir Svevos Rolle als Firmenlenker, Chef und Familienvater und das Schicksal von Svevos jüdischer Frau im Faschismus (also nach Svevos Tod).

Die Autoren bringen viele interessante SW-Fotos von Svevos Familie, Umfeld und aus Triest in sehr guter Qualität, dazu Autografen, aber keine Typoskripte (ergiebiger als die verwaschenen, allgemeinen Triest-Fotos in der Wagenbach-Ausgabe von Der alte Herr und das schöne Mädchen).

Sprache:

Doch die Sprache ist umstandskrämerisch, alles andere als flüssig, mitunter bleiben Bezüge zwischen Pronomina und gemeintem Gegenstand unklar. Lesegenuss geht anders. Ein Beispiel für den Stil (S. 77):

Was Livia bei ihrer Schilderung nämlich verschweigt, ist, daß es sich bei der Hochzeit am 30. Juli 1896 um eine reine Ziviltrauung handelte…

M.E. könnte man das leicht verflüssigen, z.B.:

Livia verschweigt nämlich bei ihrer Schilderung, daß die Hochzeit am 30. Juli 1896 nur eine Ziviltrauung war…

Lange kursivierte Buchpassagen zeigen schon äußerlich, dass die Autoren viel zitieren – aus Svevos Belletristik ebenso wie aus Briefen und der Svevo-Sekundärliteratur. Immer wieder werten sie Svevos (1861 – 1928) Romane wie eine Autobiografie, u.a. sei Zeno Cosini Svevos „Doppelgänger“ (S. 73), dann wieder orten sie im Zeno-Roman einen „dreifachen Zeno“, u.a. den „Svevo-Zeno“ (S. 108); die Figur Angiolina aus Ein Mann wird älter (Senilità) sei 1:1 Svevos erste Geliebte, Guiseppina Zergol. Andererseits halten sie selbst Svevo-Briefe teils nicht für vertrauenswürdig (die zitierten Svevo-Briefe klingen so ironisch-kauzig wie seine Ich-Erzähler).

Endnoten:

367 Endnoten für knapp 130 Seiten Haupttext (inkl. vieler Fotos) beweisen ebenfalls die Ernsthaftigkeit der Autoren. Diese Endnoten liefern indes nicht nur bibliografische Hinweise, sondern gelegentlich auch inhaltliche Vertiefungen zum Haupttext. Wer also nichts verpassen will, muss auf gut Glück nach hinten blättern, um nachzusehen, ob Endnote 122 nur den 17. Verweis auf irgendeine Primärquelle enthält oder doch interessantes Hintergrundwissen.

Dieses Nach-hinten-Blättern ist sogar dann lästig, wenn man bei den Endnoten schon ein Lesezeichen stecken hat und das Buch in der Hand hält; und es ist noch lästiger, wenn das Buch in einem Leseständer steht; ja, noch einmal lästiger wirkt das Nach-hinten-Blättern, wenn nicht nur das Buch im Leseständer steht, sondern der Leser auch in der einen Hand ein Glas Sangiovese, in der anderen einen Remmel Ciabatta con alter Bergkäse und in der dritten natürlich das Handy hält – wer mag da noch ans Buchende zu Endnote 122 blättern? Aber wer will auch riskieren, ein interessantes Detail zu verpassen? Kurzum, inhaltlich vertiefende Endnoten gehören nicht en bloc ans Buchende, sondern direkt unter die jeweilige Seite oder mittenmang in den Lauftext.

Übrigens wird dieses Nach-hinten-Blättern noch öfter als nötig erforderlich, weil der Lauftext wiederholt (nicht immer) Zitate bringt, ohne den Urheber zu nennen. Wer sagte also diesen Satz – das steht nur hinten in Endnote 122. Und dort erscheint als Urheber: „LmM“. Da hat man also ganz ans Ende zu Endnote 122 geblättert und muss dann wieder zwei Seiten vorblättern, um die Bedeutung von „LmM“ zu entschlüsseln. Zitaturheber gehören generell in den Lauftext, und zwar mit vollem Namen (ebenso wie inhaltliche Vertiefungen).

Der Anhang hat eine Bibliografie und eine detaillierte Zeittafel, aber keinen Stammbaum (der interessant und platzsparend wäre, weil Svevo eine Verwandte heiratete). Etwas überraschend folgen dann noch „Zeugnisse“ – kurze persönliche oder literarische Erinnerungen an Svevo u.a. von Elias Canetti, Günter Blöcker, Claudio Magris und dem ersten Übersetzer Piero Rismondo. Die Bekanntschaften mit James Joyce und Eugenio Montale erhalten eigene Kapitel.

Livia Veneziani Svevos Memoiren, Das Leben meines Mannes Italo Svevo

Ich hatte auch die Memoiren von Livia Veneziani Svevo da, Das Leben meines Mannes Italo Svevo (Frankfurter Verlagsanstalt, ca. 224 Seiten). Das Buch liefert auch lange Briefzitate von Svevo und James Joyce, zwölf Seiten SW-Familienfotos sowie ein knapp achtseitiges Vorwort von Eckard Henscheid voll aufdringlich origineller Ausdrücke.

Livia Veneziani Svevos Stil wirkt jedenfalls in der Übersetzung blass, Dinge wie „irredentistisch“ oder „ein Glas Marsala“ werden nicht erklärt. Auch Henscheid vernimmt bei Veneziani Svevo „zuweilen etwas Schulmäßiges, Steifleinernes und auch Gouvernantenhaftes“ (S. 12). Bondy/Gschwend entdecken bei Livia Veneziani Svevo „äußerst subjektive, vieles verklärende und manches verschweigende Erinnerungen“ (S. 7f) – wie bei der Biografie einer Angehörigen erwartbar, aber trotzdem für den Leser unschön.

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