Kritik Biografie. Günter Müchler: Napoleon, Revolutionär auf dem Kaiserthron (2019) – 8 Sterne

Günter Müchler erzählt fast atemlos, wie ein Freund, der aufgeregt Erlebtes berichtet, gelegentlich mit sprunghafter Chronologie, wie ein Formel-1-Reporter im Radio (nicht im TV). Dabei klingt Müchler meist gut lesbar, gelegentlich salopp-umgangssprachlich, aber nie anbiedernd; momentweise dachte ich an Spiegel-Artikel in den 1980er Jahren. Die Verlagswerbung „fesselnder Geschichtskrimi“ wirkt nicht völlig abwegig.

Wie ein Reporter:

Ex-Radio-Mann Müchler produziert kurze  Schüsse  Sätze in kurzen  Salven  Kapiteln. Zackzack feuert der Autor einen Satz nach dem andern ab:

Murat requiriert die dort gelagerten Geschütze und bringt sie in die Stadt. Das schnelle Handeln ist entscheidend. Noch eine wichtige Maßnahme geht auf Napoleons Konto. Er überzeugt Barras davon, dass ((…))

Ein weiteres Beispiel für Müchlers Hauptsatz-Stakkato, S. 161:

Dort ist die Grundstimmung an sich friedfertig. Doch Napoleon verdirbt beinahe alles. Er redet konzeptlos und konfus. Die Parlamentsbühne ist für ihn Neuland. Am liebsten würde er die Abgeordneten kommandieren wie seine Soldaten.

Boygroup und Sommermärchen

Günter Müchler (*1946) delektiert sich an Bonmots, Zynismen, Pannen und erotischen Verstrickungen und plaudert routiniert in schnellen Metaphern wie „Wiederholt bestürmt Finanzminister Malchus den Kaiser, die Steuerschraube zu lockern“ (S. 327) oder „Es zischt eben, wenn Feuer und Wasser zusammengeraten“. Das Kapitel über Napoleons vertikal begrenztes Äußeres heißt „Klein mit Hut?“

Fachsprache und Französisches wird oft (aber nicht durchgängig) erklärt. Fast immer schreibt Müchler binsenfrei auf den Punkt oder die Pointe, nur ganz selten wird’s hohl wie auf Seite 154:

Davor fürchten sich besonders diejenigen, die am meisten zu verlieren haben.

Oder S. 409:

((…)) ist richtig und falsch zugleich.

  • Beispiele für saloppes Deutsch: „durch die Weltgeschichte zu surfen“, S. 11; „wer auf welche Schwester abfährt“, S. 68; „Kavalleriehauptmann Murat, Mitglied der ‚Boygroup‘ von Toulon“; „im Verhau der Pariser Politik“; „die Orient-Expedition kein Sommermärchen gewesen“; „Häuptling der Bedenkenträger“; „von Napoleon verdroschen“, S. 285; „Beifang des Todes“, S. 308; „der konservative Staaten-Dino“ (S. 354 über das Habsburgerreich); „das Heilige Römische Reich gibt den Geist auf“, S. 279
  • Ausdrücke, die Müchler unerklärt bringt (Auswahl): Sansculotten, S. 12; Kontinentalsperre, S. 13; das Bac; Mediatisierung; junger Törless, S. 32; avant la lettre; Kirchenkampf; Valmy; Prosélyte (mehrf. dt. u. frz.); Vendée; den Hahn krähen lassen, S. 67; Girondisten; Hébertisten; Zensuswahlrecht; Vedette; forte in re; die Bagnes; Depossedierten; Jünger der Klio; Inferioritätsbewusstsein; Insurrektion; eine Festung entsetzen; venerische Erkrankungen; Réfractaire; Panegyrik; Austerlitz; der Train; promulgiert; Bulle (kein Paarhufer); Tantaliden; nommé; bellikose Kreise; diluvisch; byzantinistisch; prohibit; Drôle de guerre; Sacre; Linienschiffe (Teil e. Kriegsflotte); Bojaren; Sapeur (nicht im Kongo); horribel; kontrahieren (i.S.v. unterzeichnen); Bartholomäus-Nacht; Argonauten-Zug; Condottieri; Albine; borussisch

Bei all der Schnodderschnauze verwundert gelegentliches Dativ-e (Seite 195, „Auszeit vom Kriege“; S. 250, S. 251, jew. „bei Hofe“; S. 257, „auf halbem Wege“).

Erfahrender:

Sprachlich und historisch falsch zitiert Müchler ein englisches Flaggensignal (bei ihm „England expects, every man will do its duty“, sic, S. 273).

Ich sah nicht mehr als etwa zehn übliche Deutschfehler, ein toller Wert, u.a. „erfahrender“ auf S. 286, „er nimmt Teil“ (sic, S. 331), „die fruchtbaren Bilder des Rückzugs“ (S. 437, gemeint ist „furchtbaren“), „die befreunde Besitzerfamilie“ (sic, S. 565).

Menschliche Leichname sind wiederholt „Kadaver“ (z.B. S. 426, „mit den Kadavern Tausender Kameraden“), irritierend.

Verständnisvoll:

Über Napoleons junge Jahre und seine Verstrickung in die korsische Innenpolitik huscht Müchler angenehm schnell hinweg. Napoleons Brutalitäten sieht er relativ verständnisvoll, etwa beim Erschießen von 2400 Gefangenen („die meisten Militärhistoriker haben ihm recht gegeben“, S. 141) oder beim eiligen Verlassen Ägyptens („so einfach liegen die Dinge nicht“, S. 146). Für Müchler ist Napo „keine Lichtgestalt und kein Dämon“ (S. 223) und im letzten Absatz des Haupttexts „der große Modernisierer“ (S. 585).

Müchler kümmert sich dezidiert um deutsche Themen, würdigt die Begegnung Napoleon-Goethe, erwähnt Wieland, Hegel, Fichte, Kleist, Beethoven, Klenze, Ernst Moritz Arndt, Friedrich Cotta und Heine sowie „die Flussmündungen von Trave, Elbe und Weser“ (S. 301, S. 385). Er liefert die Kapitelüberschriften „Westphalen: Ein Königreich zum Vorzeigen“ sowie „Deutsche Spuren“ und grübelt, „was die Nation sein soll – Preußen oder Deutschland“ (S. 394).

Müchler bringt nur zwei jeweils eine Seite große Landkarten, Europa 1789 und 1812 – zu wenig. Die zwei Karten erscheinen zwar nebeneinander, doch die Ausschnitte sind unglücklich versetzt, das erschwert den Vergleich.

Vergleich der Napoleografien von Johannes Willms (2005, 848 Seiten) und Günter Müchler (2019, 624 Seiten):

Im direkten Vergleich klingt Willms (ein-)gebildet-elitär, Müchler lebhaft-eingängig bis umgangssprachlich. Müchler schreibt weit kürzere Sätze und Kapitel als Willms. Müchler klärt Wunderliches und Fremdsprachliches besser (nur er erklärt z.B. Monatsnamen wie Fructidor oder Brumaire) und bringt Dinge kompakt auf den Punkt.

Nur Willms bringt ein langes Extrakapitel über Napoleons „Kriegskunst“ samt Grafik und Karten mit Truppenbewegungen (Müchler schreibt mehrere Seiten allgemein über „Kriegskunst“ direkt unter der Überschrift „Der Erfinder der politischen PR“ ab Seite 116, aber weit weniger ausführlich). Nur Müchler hat ein Extrakapitel über Napoleons Lesen und Schreiben (kurz).

Willms beleuchtet die korsische Innenpolitik der frühen Napoleonjahre weit ausführlicher und bringt mehr lange, zeitgenössische Zitate – aus Memoiren oder Briefen. Müchler zitiert eher und knapper Urteile heutiger etablierter Historiker (u.a. mehrfach Gueniffey, Roberts, Golo Mann, aber nicht Willms). In Historikerurteile kleidet Müchler scheinbar auch seine Meinung über Napoleon – weitaus milder als Willms.

Müchler bespricht deutsche Themen weit ausführlicher und sagt mehr über den Code civil/Code Napoléon (ich hätte mir bei beiden Autoren mehr dazu und zu den Auswirkungen bis heute gewünscht). Müchler erwähnt eher als Willms die Jahrzehnte und Jahrhunderte nach Napoleon. Im Russlandfeldzug 1812 wird Napoleon laut Willms bewusst in die Tiefe des Raumes gelockt, bei Müchler nicht.

Beide Bände zeigen ein paar historische SW-Abbildungen. Willms hat viele zu kleine SW-Landkarten, Müchler zu wenig, wenn auch große (zwei, SW). Jeweils kein Stammbaum, keine Zeittafel, keine Jahreszahlen als Kolumnentitel.

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