Kritik Biografie: Fidel Castro, von Volker Skierka (2002) – 6 Sterne

Top-Journalist Volker Skierka recherchiert tief und zitiert ausführlich auch Quellen aus der einstigen DDR, so in Havanna stationierte DDR-Diplomaten und das DDR-Außenministerium. Skierka interessiert sich mehr für Zeitgeschichte und weniger für Persönliches. Skierka berichtet ausführlich auch über das Kennedy-Attentat in USA, über Che Guevara in Afrika, die Entwicklung kommunistischer Parteien in Kuba und COMECON-Beziehungen. Das Buch endet etwa im Jahr 2000.

Skierka zitiert Castro immer wieder sehr ausführlich. Das klingt aber alles staatstragend. Lebendig werden Land und Líder nie, auch wenn man einiges über Castros Eloquenz und Impulsivität erfährt; in kleinen Exkursen berichtet Skierka über Castros Frauen und Zigarren; gegen Buchende folgen lange Exkurse zu Kirche und Religion sowie zum Demokratieverständnis. Wir hören gelegentlich von Castro-Bruder Raúl in Staatsämtern, aber das Binnenverhältnis der Brüder und der weiteren Castro-Geschwister beleuchtet Skierka ebensowenig wie Castros Alkoholkonsum, Geldsituation oder die wahre Rolle von Celia Sanchez. Der scheinbare Widerspruch zwischen dem einerseits gebildeten, sozial und kulturell aufgeschlossenen, aber doch brutal totalitär herrschenden Castro bleibt ebenso unerklärt wie Castros verblüffende Talente als Dschungelrebell. Der Biograf betont aber auch, dass Castro sein Privatleben bewusst verbarg.

Über Skierkas Verhältnis zu Castro mag man ebenfalls rätseln. Skierka schildert gute und schlechte Seiten des Maximo Lider scheinbar neutral, nur das US-Embargo gegen Kuba verurteilt er offen. Er zitiert Castro oft kritiklos, gibt aber auch Amnesty International wieder. Sicherlich beurteilt Skierka Castro milder als manche US-Autoren – er wollte ja gezielt aus europäischer Perspektive schreiben.

Skierka nimmt sich auch sonst zurück: Persönliche Erlebnisse und seine Castro-Begegnungen schildert er nicht, es gibt auch im Anhang keinen Recherche-Bericht. Deswegen hat das Buch – anders als in Rezensionen behauptet – keinen Reportagecharakter (nur dass UPS einen Dokumentenbrief wegen des Embargos nicht von Hamburg zur kubanischen Botschaft nach Berlin expedieren wollte, enthüllt Skierka).

Skierkas nicht gänzlich spröder, aber doch glanzloser Stil mit teils zu langen, zu passivischen Sätzen und ständig wechselnden Tempi dämpft den Lesespaß: Skierka erzählt in der Gegenwart, wechselt aber häufig zu Futur, Perfekt und Vergangenheit. Neue Absätze beginnen häufig nach einer Leerzeile und nur gelegentlich ohne vorgeschaltete Leerzeile – ein irritierendes Layout, umgekehrt wäre es leichter. Gelegentliche Ausrutscher wie „Referenz erweisen“ (sic, S. 455) oder „Transition“ (S. 464, 467 etc.) kommen hinzu.

Mitunter produziert Skierka Exkurse, die jedoch nicht als Exkurse gekennzeichnet werden etwa über Fidel und Schriftsteller; Skierka springt dann in der Chronologie manchmal um Jahre vor und beim nicht ausgewiesenen Exkurs-Ende wieder zurück; das wirkt unübersichtlich v.a. in den letzten, Fazit- oder Leitartikel-artigen Kapiteln.

Mein rororo-TB hat etwa 488 Seiten Haupttext, dazu etwa 49 Seiten Anhang samt nicht kommentierter Bibliografie, Stichwortverzeichnis und 764 Endnoten sowie 16 nicht paginierte SW-Fotodruckseiten mit teils nicht datierten Abbildungen (je eine ganze Seite für ein Martí-Denkmal und einen Palast in Havanna). Keine Zeittafel. Die Endnoten liefern zumeist reine Quellenangaben – gelegentlich aber auch inhaltliche Hintergründe, welche direkt auf der zutreffenden Seite stehen sollten.

Kurzvergleich mit Robert E. Quirks Castro-Biografie:

Volker Skierkas Biografie reicht bis ins Jahr 2000, also weiter als Quirks Buch. Trotzdem ist Skierkas Buch deutlich kürzer. Skierka schreibt weitaus unpersönlicher, wie ein historisches Lehrbuch. Lebendig werden Land und Líder nur bei Quirk, nicht bei Skierka; Skierka zitiert Castro nur mit langen, staatstragenden Sätzen, Quirk auch mit viel persönlichem O-Ton; durch die (tendenziöse?) Wiedergabe von Begebenheiten und Zitaten, die alle eine ähnliche Richtung gehen, signalisiert Quirk unmissverständlich seine Meinung über Castro, ohne dass er sie explizit äußern müsste – bei Skierka hat Castro eine andere und auf jeden Fall blassere Persönlichkeit.

Quirk schreibt sehr lange streng chronologisch und später mit übersichtlichen Rückblenden zu Schwerpunktthemen wie Schriftstellern und Afrika-Engagement; Skierka liefert gelegentlich etwas verwirrende Zeitsprünge. Quirk schreibt zudem viel flüssiger (ich kenne von Quirk nur das englische Original) und teils richtig spannend, davon kann bei Skierka keine Rede sein. Nur Skierka geht jedoch auf die Rolle der Mafia vor 1959 ein und zitiert DDR-Quellen. Quirk bespricht viel ausführlicher den US-kubanischen Austausch und Vorgänge in US-Stellen. Nur Skierka bietet Zusammenfassungen und Resümees etwa zu Castros Verhältnis zu Demokratie oder Religion; dies wird bei Quirk teils implizit deutlich.

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