Kritik Biografie: Emin Pascha, von Patricia Clough (2010) – 4 Sterne

Die englische Journalistin Clough liefert in unschönem Deutsch (s.u.) viele verwirrende Zeit-, Orts- und Milieusprünge sowie Themenverfehlungen, zum Beispiel zu lange Exkurse zu König Leopold, Carl Peters, Junkers, englischer Kolonialpolitik, Henry Morton Stanley, deutscher Kolonialpolitik (teils interessant, aber ohne Bezug zu Emin Pascha). Bei jedem Kapitelanfang rechnet man mit einem Zeit-Ort-Milieusprung – und es gibt 27 Kapitel.

Cliffhanger:

Die Biografenunsitte mit Zeitsprüngen und Rückblenden betreibt Journalistin Patricia Clough besonders aufdringlich, es wird unübersichtlich:

  • Abschnitt 1: Vorwort Faszination Afrika allgemein
  • Abschnitt 2: Kapitel 1, Emin Pascha bereits Herrscher von Äquatoria, mit dramatischem Cliffhänger endend
  • Abschnitt 3: Beginnt mit „Neunzehn Jahre zuvor…“ (S. 31), dicke Rückblende, der weitere Hin- und Herblenden folgen

Auch bei weiteren Kapitelenden lebt die Autorin ihre Neigung zu Cliffhangern aus. So endet ein Kapitel über Carl Peters‘ chaotische Ostafrikaexpedition auf Seite 187:

…er las sie, und der Himmel brach ein.

Man weiß nicht, was Peters in diesen Briefen las, welche Katastrophe sich anbahnt. Doch mehrere anschließende Kapitel fokussieren auf Stanley und Emin; Carl Peters und seine dramatische Brieflektüre geraten fast in Vergessenheit. Erst auf S. 268 kommt Clough auf die Briefe zurück. Sie nutzt sie aber lediglich für den nächsten Cliffhanger, verrät den Absender und spannt den Leser erneut auf die Folter:

„schrieb Stanley noch einen Brief… Dieser Brief war es, der Carl Peters am 13. Februar 1890 derart erschütternde Nachrichten brachte.“

Sofort danach neues Kapitel, anderes Thema. Die Auflösung begegnet erst auf Seite 297 mitten im Kapitel:

Die Briefe, die Peters am 13 Februar desselben Jahres damals in Kawirondo…

Deutlich wird das Zeit-Ort-Hin und Her auch durch eingeschobene Phrasen wie „müssen wir ein Jahr zurückspringen“ (S. 125) oder durch Kapiteltitel wie „In der Zwischenzeit…“ (mit Pünktchen, S. 100).

Es ginge anders:

Man reminisziert dann verträumt Churchill-Biografien, die über jeder zweiten Seite eine Jahreszahl zeigen – und die steigt in ruhiger Chronologie weiter an, so übersichtlich kann eine Biografie sein. Bei Clough weiß man dagegen nie, ob man sich zu Beginn des nächsten kurzen Kapitels in London, Berlin, Istanbul, Kairo, Khartum, Äquatoria, Sansibar oder sonst wo in Ostafrika wiederfindet, und in welchem Jahr.

Besonders lästig wird das, weil Clough Kapitelanfänge gern mal mysteriös beginnt, Ort, Zeit und Figuren im ersten Absatz gar nicht benennt.

Englische und deutsche Kolonialpolitik schildert Clough möglicherweise zu ausführlich – für sie und uns interessant, aber teils ganz ohne Eminpaschabezug. Andererseits berichtet sie praktisch nichts über Emin Paschas (1840 – 1892) junge Jahre in deutschsprachigen Landen und nur wenig über seine Zeit in Albanien und der Türkei.

Gelegentlich bleibt auch unklar, ob Clough zu einem Thema nur eine erste Übersicht liefert, die noch vertieft wird, oder ob sie schon media in res ist.

Ausstattung:

Das Buch liefert zwei detaillierte und gut ablesbare, je doppelseitige SW-Karten von Gesamtafrika damals und heute (in denen allerdings die großen Seen nicht deutlich genug hervortreten) mit einer eingeklinkten Detailkarte von Äquatoria damals, dazu einige historische SW-Fotos und -Zeichnungen direkt auf Textdruckpapier. Clough zeigt keine Routengrafiken einzelner Expeditionen.

Im Anhang bringt Clough eine knappe Zeittafel und eine knappe Bibliografie. Stichwortverzeichnis und Endnoten mit genauen Quellenangaben gibt’s gar nicht. Der Recherchebericht besteht aus ein paar Lektüretipps.

Übersetzung:

Clough schrieb offenbar auf Englisch und wurde dann vom vielbeschäftigten Übersetzer Peter Torberg ins Deutsche übertragen. Auf Englisch ist das Buch offenbar nicht veröffentlicht (indirekter Beleg, gesehen August 2019). Die Übersetzung klingt nicht gefällig. Viele Ausdrücke störten mich, Satze waren oft zu lang, zu verschachtelt, zu umgangssprachlich, voller Hilfsverben, Grammatik- und Logikschwächen.

Teilweise klingt Emin Paschas altes Deutsch besser als Torbergs Clough-Eindeutschung (vlg. Emin-Zitate S. 85 und S. 247f). Ich hätte Clough ja auch lieber im englischen Original gelesen, aber das gibt’s offenbar nicht zu kaufen.

Beispiele für das Deutsch des Buchs von Seite:

  • 16: „schafften Sie eine Gesellschaft wie zu Hause“ (m.E. „schufen“)
  • 25: Produkte einer „Ziegelbrennerei“ werden als „Bausteine“ synonymisiert
  • ebf. S. 25, hier nur der Kern eines 44-Wörter-Satzes voller Hilfsverben und Wiederholungen: „…geschützt wurde, waren auf sein Geheiß hin Zitronenhaine und Plantagen angelegt worden, die die…
  • 81: „zylinderbewehrte Gentlemen“
  • 83: „Sie sollten nie mehr zurückkehren.“ – Befehl oder Futur? Das kann man klarer formulieren, ohne dass es schlecht klingt.
  • 106: „meist nie genügend“
  • 144: „hinsichtlich einer Übereinkunft“
  • 155: „krankte die DOAG darunter“ (richtig „daran“)
  • 157: „die immer noch mehr Gebiete für die DOAG horteten“ (richtig „annektierten“, „einnahmen“, „verpflichteten“ o.ä.)
  • 169: „gewillt, sein Ziel um jeden Preis zu errreichen oder lieber unterzugehen. Wir sehen…“ („lieber“ muss weg)
  • 178: „nahe des Äquators“ (richtig „nahe dem“)
  • 190: „solle ihn in einem seiner Dampfboote dorthin entgegenkommen“ (richtig „ihm“)
  • 205: „hatte schon seit langem erkannt“ (richtig „seit langem gewusst“ oder „vor langer Zeit erkannt“)
  • 214: „Vorgeschmack auf das, was auf sie zukam“ (unschön)
  • 263: „Desertierungen“ (zwar soll’s das Wort geben, aber „Desertion“, „Fahnenflucht“ oder ein nicht-substantivischer Ausdruck sind allemal besser)

Drei Eminpaschiaden im Vergleich:

  • Hans-Otto Meissner (1969): Erzählt lebhaft, gut nachvollziehbar, klar fokussiert, ohne Sprachfehler, wenn auch dezidiert altmodisch; sehr Emin-Pascha-freundlich; auch über Paschas Jugendjahre, wenig Analyse von Zeitgeist oder Psyche, kaum europäische Kolonialpolitik außer zu König Leopold; nur hier ein paar Farbfotos (unergiebig); sehr ausführlich über Stanleys Pascha-Expedition; gute Detailkarten zu einzelnen Routen
  • Patricia Clough (2010): Unerfreuliches Deutsch, verwirrende Zeit-Ort-Sprünge, Emins junge Jahre äußerst knapp, wenig Analyse von Zeitgeist oder Psyche, jedoch sehr/zu ausführlich über dt. und engl. Kolonialpolitik, zu lange Exkurse über andere Figuren; 2 gute Gesamt-Afrika-Karten, keine Detailkarten zu Routen
  • Christian Kirchen (2014): Laut Eigendarstellung einzige Eminpaschografie im Testfeld auf Basis von Primärquellen; sehr wissenschaftlich; ausführliche Zitate, sehr viele interessante SW-Fotos, gute SW-Karten auch mit Routen, teils professoraler Ton, aber noch lesbar, einige störende Sprachfehler; weitaus die meisten Fakten samt Korrekturen früherer Darstellungen, aber nichts über Stanleys Kongomarsch vor Zusammentreffen mit Emin; am ausführlichsten über Mahdi-Aufstand; weitaus teuerstes Buch auf Gebrauchtmarkt

Keins der Bücher hat eine Synopse für die parallelen Abläufe in England, Deutschland und an verschiedenen afrikanischen Orten um ca. 1888.

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