Kritik Biografie: Emin Pascha – Arzt – Abenteurer – Afrikaforscher, von Christian Kirchen (2014) – 6 Sterne

Wer sich nüchtern und ausführlich über Emin Pascha informieren will, braucht dieses teure Buch. Ein Lesevergnügen ist es nicht, aber eine reichhaltige, noch lesbare Faktensammlung auf Primärquellenbasis, streng chronologisch, mit vielen interessanten SW-Bildern.

Die Manuskriptfassung der Dissertation wurde 2012 an der Uni Bayreuth eingereicht, sie erschien 2014 im Schöningh-Verlag. Autor Kirchen besuchte viele Emin-Orte auf drei Kontinenten – Schauplätze und Archive. Im Gegensatz zu anderen Eminpaschografen wertet Christian Kirchen laut Eigenaussage Primärquellen in vielen Sprachen und Archiven aus, auch in Arabisch, Kairo, Khartum und Daressalam.

Faktenreich

Im Vergleich zu anderen Biografen bringt Kirchen viel mehr Zitate vor allem von Emin Pascha (1840 – 1892) und mehr Fotos von dessen Nachkommen und Wirkungsstätten damals und heute. Kirchen liefert auch mehr Fakten oder Mutmaßungen – etwa zu einer „nicht nachvollziehbaren Reise über vier Monate“ in den Jemen (S. 57). Ebenfalls ungeklärt bleibt die interessante Frage, warum Emin sein Medizinstudium nicht ganz abschloss und deshalb keine Praxis in Preußen eröffnen konnte, sondern auswandern musste.

Kirchen rückt auch frühere Darstellungen zurecht, liefert Neues zum Beispiel zu Emin-Pascha-Nachwuchs, zur Behandlung der Sklavenhändler, die Emin zu seinem Verhängnis früheren Sklaven übergab, zu Emins Charakterwandlung ab 1890 und zu von Emin verhängten Todesstrafen.

Die Dissertation beginnt mit einigen Seiten zur Stellung des Biografiegenres in der Geschichtsschreibung. Vor jedem Kapitel erörtert Kirchen die Quellenlage.

Kirchen zeigt im Buch eigene, flaue SW-Fotos etwa von Emin Paschas früheren Wirkungsstätten – darunter nur vorübergehend genutzte Orte wie Ionnina, aber auch der heutige Zustand des tansanischen Hauses, aus dessen Fenster Emin 1890 fiel. Kirchen liefert hochinteressante Emin-Familienfotos, die sich in anderen Biografien nicht finden, bis hin zu Bildern von historischen Emin-Pascha-Brettspielen, -Lebensmitteletiketten und -münzen.

Trotz seiner Vor-Ort-Recherchen flicht Kirchen kaum Live-Atmosphäre ein, das leisten allenfalls seine (oft menschenleeren) Bilder heutiger Verhältnisse. Ausnahmen: Über den heutigen deutschen Friedhof in Bukoba gibt’s ein paar Worte („im Herbst 2009 in sehr schlechtem Zustand“, S. 166); dem folgen noch Erkenntnisse über die karge Emin-Rezeption im heutigen Afrika.

Zweiteilung

Nur grob 162 Seiten schildern Emins Leben chronologisch. Ihnen folgen grob 50 Seiten allgemeine „Annäherungsversuche an eine schillernde Persönlichkeit“ – Gesamtbetrachtungen zu Emins Außenwirkung, seine Religiosität, imperialistische Tendenzen und naturwissenschaftliche Beiträge.

Diese Darstellung mit zwei verschiedenen Sichtweisen führt – anders als kritisiert wurde – nicht zu auffälligen „Redundanzen“, aber zu ein paar Vertröstungen („dies soll jedoch an späterer Stelle geschehen“, S. 132). Außerdem stirbt so die Hauptfigur schon am Ende des ersten Teils, und dann steht sie in Teil 2 wieder auf. Zudem liefert Kirchen auch schon im ersten, chronologischen Teil eher analytische Unterkapitel wie „Emins Verhalten“ oder „Spannungen im Umgang zwischen Stanley und Emin“ (die er dann im zweiten Teil beim Vergleich verschiedener Persönlichkeiten wieder aufgreift).

Es ist immer schwierig, aktuelles Tagesgeschehen einerseits und zum anderen zeitübergreifende Analysen übersichtlich und ohne Doppler zu präsentieren. Vielleicht wäre die Struktur der dicken Kohl-Biografie von Hans-Peter Schwarz besser gewesen – nach jedem Buchteil eine übergreifende „Betrachtung“, die sich analytisch mit dem zuletzt Geschilderten, aber auch mit ganz anderen Dingen befassen kann. Also nicht alle Beschau en bloc im zweiten Buchteil; gleichwohl aber Chronik und Kommentar klar separiert.

Ein paar Dinge im zweiten Teil könnte man auch ganz streichen, so etwa die Vergleiche mit anderen Persönlichkeiten wie Richard Francis Burton; der gehört zwar wie Emin (oder Baker) zu den heute eher leichter verdaulichen Kolonialentdeckern, beide ähneln sich etwas in punkto Interkulturalität, religiöse Flexibilität und Sprachentalent, und doch gibt die Burton-Parallele ebensowenig her wie der Vergleich mit weiteren Akteuren.

Parallele Ereignisse

Etwa ab 1888 irrt Emin Pascha durch Zentralafrika, weil Mahdisten seine südsudanesischen Stellungen einnahmen. Zugleich formieren sich mindestens in Deutschland und England Rettungsexpeditionen mit kolonialen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Hintergedanken. Diese parallelen Entwicklungen sollte man in einer Synopse darstellen, auf die Kirchen jedoch verzichtet – ebenso wie auf eine Karte, die alle Expeditionen zugleich anzeigt und Daten dazu nennt.

An diesem Buchabschnitt wunderte mich noch mehr. Während Kirchen seinen Stoff sonst sehr übersichtlich in Kapitel und Unterkapitel gliedert, gibt es hier das Kapitel „Rettung aus dem Wald? Entsatz und Entsetzen“ mit dem Unterkapitel „Deutsche Reaktionen auf das Schicksal Emins“. Behandelt wird dort jedoch auch mehrfach die Entwicklung in England – sie gehört freilich zwingend in ein separates Unterkapitel, nicht in „Deutsche Reaktionen“. Die Vermischung der Schauplätze unter einem zudem unpassenden Titel zwingt Kirchen zu unschönen Rückblenden, Überleitungen und Durcheinander wie „Zurück zu den Entwicklungen im Empire“ (S. 120).

Die Überschrift „Rettung aus dem Wald?“ spielt vermutlich auf Stanleys strapaziöse Durchquerung des furchterregenden Ituri-Walds im Kongobecken an – doch Stanleys qualvolle Expedition von der Kongomündung bis zum Emintreffen am See erzählt Kirchen gar nicht. Sie gehört zwar nicht zwangsläufig in ein Emin-Buch, ist aber spannend und Teil anderer Eminografien.

Kirchen sagt in dem Zusammenhang auch, dass die deutschen und englischen Rettungsexpeditionen bereits wissenschaftlich aufgearbeitet seien, so dass er „nur einige Eckpunkte, sowie weniger beachtete Quellen“ zitieren werde (S. 115). Dieses Kriterium führt m.E. nicht zu einer runden Biografie – eine Biografie beschränkt sich doch nicht auf neue und unbeachtete Quellen.

Resultat bei Kirchen: Nicht nur Stanleys Kongo-Expedition fällt erzählerisch unter den Tisch; auch der Einfluss des belgischen Königs Leopold auf Stanley kommt nicht zu Wort, dieser scheint sich bei Kirchen auf einer rein englisch initiierten Mission zu befinden (nur ganz flüchtig auf S. 124 lässt Kirchen Stanley eine belgische Option erwähnen).

Andere Biografen wie Clough betonen dagegen Stanleys Verwicklung in belgische Interessen weit stärker. Sollte Belgien jedoch bedeutungslos sein, müsste Kirchen das Thema zumindest aufgreifen und wider-/ad acta legen.

Erzählweise

Bei den Eminpaschiaden etwa von Clough oder Meissner redet Doktorand Christian Kirchen u.a. von „nacherzählten Abenteuern kolonialgeschichts-begeisterter Autoren“ (S. 14) oder von „Abenteuer-Biographie“. Kirchen selbst schreibt nüchtern und meist strikt chronologisch, verzichtet auf Zeitsprünge, Cliffhänger, Vergeheimnissung, Psychologisierung und andere dramatisierende Pyrotechnik aus dem biografischen Zauberkästlein.

Um so mehr verblüffen gelegentliche Zeitdreher. So kehrt Emin Pascha auf S. 79 von König Mutesa zurück, und überrascht lesen wir:

Erfolgreicher war die Reise zu Kabarega von Bunyoro verlaufen, die Emin bereits vor seinem zweiten Besuch bei Mutesa im September 1877 unternommen hatte.

Details folgen. Warum Kirchen hier nicht chronologisch zuerst die Kabarega-Mission referiert, verstehe ich nicht. Kurz darauf eine weitere Zeitschleife, die Kirchen zudem mit einer überflüssigen rhetorischen Frage anmoderiert (S. 90, „Was war geschehen?“).

Französische, englische und nach meiner Erinnerung auch italienische Zitate bringt Kirchen unübersetzt. Historische Bilder, aktuelle SW-Fotos und viele deutlich abgesetzte Zitate lockern die großen, eng bedruckten Seiten auf; man denkt also nicht sofort an „Bleiwüste“, sondern erst etwas später. Allerdings erscheinen Karten und viele Hintergrundinformationen erst im Anhang – ein Mangel.

Der Schreibstil ist noch knapp lesbar, auch wenn Kirchen akademische Wortklötze und Rumpeldeutsch einstreut (exuliert, präferierte, Verpopularisierung, Suzeränität, mit den hier getätigten Aussagen, indolent (als deutsches Wort), Myrioramas, Superiorität, Suprematie); gegen Ende des ersten Teils grassiert zudem plötzlich das Dativ-e (u.a. „zum Entsatze Emins“, S. 154 (kein historisches Zitat)).

Die Kapitelüberschriften veranschaulichen meist die angenehm klare Gliederung des komplexen Materials, verblüffen aber gelegentlich durch gewollt klingenden Freistil wie „Emins Kopfverletzung stößt das Empire vor den Kopf“ oder „Entsatz und Entsetzen“ (letzteres auch variiert im Lauftext S. 114: „das legendäre Zusammentreffen von Entsatzer (Stanley) und „Entsetztem (Emin)“).

Der Satzbau verschachtelt zumeist nicht exzessiv, bereitet aber keinesfalls Genuss. Gelegentlich staffelt Kirchen zu lang und zu tief (S. 127):

Emin lehnte das Angebot jedoch ab, weil ein weiteres Schreiben den Zusatz erhielt, die Gefolgsleute des Mahdi hätten in einem weiteren Brief behauptet, Emin habe sie eingeladen, in seine Provinz zu kommen.

Dazu kommen einige sprachliche, den Lesefluss störende Fehler, u.a. Seite

  • 56: „ehedem“, wo „ohnehin“ stehen müsste
  • 86: „prententious“ in Zitat ohne die sonst übliche „(sic)“-Fehlerkennzeichnung
  • 93: „und den den Sklavenhandel“
  • 94: „noch weitwehend ruhig geblieben“
  • 137: „Ballustrade“
  • 163: „Von größerer Tragweite entpuppte sich“ (richtig „Als von größerer Tragweite entpuppte sich“, kompakter „Schwerer wog“)
  • 171: „Interessenspähre“
  • 181: „Bis zur seiner Trennung“
  • 199: „Stellen wir Emins Äußerungen über Stanley gegenüber“ (richtig „Stellen wir dem Emins Äußerungen…“)
  • 200: „sich nicht würdig erwiesen habe“ (richtig „sich als nicht würdig…“)

Ausstattung

Das relativ große, dabei eng bedruckte Buch endet auf S. 343, gefühlt hat es deutlich mehr Inhalt. Dabei umfasst der Haupttext (einschl. vieler eingeklinkter SW-Abb.) nur grob 230 Seiten. Dem folgen über 100 Seiten wissenschaftlicher Anhang und fünf Seiten Karten.

Über 60 Anhang-Seiten belegen allein die Endnoten – nicht nur bibliografische Angaben, sondern ausführliche inhaltliche Vertiefungen. Es ist lästig, immer wieder dort hin zurückzublättern (sogar ohne zu wissen, ob man nur auf eine Quellenangabe oder auf eine lesenswerte Hintergrundinformation stößt). Solche Vertiefungen gehören direkt auf die Lauftextseite – als Fußnote, als Klammerbemerkung oder als regulärer Lauftextteil.

Gelegentlich nennt Kirchen die Verfasser interessanter Zitate nicht im Lauftext, so dass man schon nach hinten blättern muss, um nur den Urheber einer schönen Formulierung in Erfahrung zu bringen. (Der Schöningh-Verlag hätte dem Buch nicht ein, sondern drei Lesebändchen gönnen können, um das ständige Hin- und Herblättern zwischen Hauptgeschichte, Endnoten und Landkartenteil zu erleichtern. Ich kenne ja ein schönes Buch mit drei Lesebändchen.)

Starker Stoff, trocken präsentiert

Dieses Buch könnte weitaus spannender sein, ohne geschichtswissenschaftliche Substanz aufzugeben. Der Autor müsste nur anders orientiert sein und einem skrupellosen Lektor freie Hand geben: Einige wissenschaftliche Meta-Seiten oder unergiebige Vergleiche und Übersichten aus dem zweiten Teil etc. könnten rausfallen, ebenso wie lange Nacherzählungen Emin-inspirierter rassistischer Romane der Kaiserzeit und die lange Würdigung seiner ornithologischen und botanischen Leistungen; betonen könnte man Live-Atmosphäre von Emin-Schauplätzen heute und Erlebnisse bei Archivbesuchen in Khartum (ohne dass sich der Autor mit Irrelevantem selbst in den Vordergrund stellt wie die Biografen Conrad (zu Paula Fox), Sherry (zu Graham Greene) oder Spinnen (Unternehmerbiografie); das Deutsch entrümpeln; Stanleys Kongo-Durchquerung zur Eminrettung mit aufnehmen; Verzicht auf die Zweiteilung, die Emin Pascha schon am Ende des ersten Teils den Tod bringt; stattdessen die Gesamtbetrachtungen des zweiten Teils gekürzt über das Gesamtbuch verteilen; nichtdeutsche Zitate eindeutschen.

Insgesamt würde das Buch weniger systematisch, aber lebendiger und lesefreundlicher, bei gewahrtem wissenschaftlichem Anspruch. Und der Autor hat ja schon viele interessante historische und heutige Fotos, die den Text beleben, ebenso wie interessante O-Töne und Karten.

Man hätte die Doktorarbeit also vor dem Buchdruck stärker überarbeiten und deutlich ansprechender machen können. Vielleicht bestand Interesse an einer lebendigeren, leichter lesbaren Schilderung mit hohem Änderungsaufwand aber schon deswegen nicht, weil Patricia Clough soeben erst ihre eigene (viel schwächere) Paschografie vorgelegt hatte (für Kirchen „eine auf wenigen Memoiren basierende, gut lesbare und spannende Abenteuer-Geschichte ohne Anspruch auf neuen Erkenntnisgewinn“, S. 208).

(Dass lesbares Deutsch in der Geschichtswissenschaft nicht goutiert wird, weiß ich aus eigener Erfahrung. Ein Professor fragte mich zu einer Hausarbeit mit angewidertem Ton: „Sagen Sie…, sind Sie… Journalist?“)

Als Beispiel für eine lebendige, dabei ausführliche Biografie mit zugleich wissenschaftlichem Anspruch nenne ich das Magellan-Buch von Laurence Bergreen. Dieser Autor schildert zudem auch allgemeine Lebensverhältnisse seiner Hauptfiguren aufgrund von allgemeinen Studien, die nicht Einzelpersonen, sondern Milieus oder Epochen untersuchten.

Drei Eminpaschiaden im Vergleich:

  • Hans-Otto Meissner (1969): Erzählt lebhaft, gut nachvollziehbar, klar fokussiert, ohne Sprachfehler, wenn auch dezidiert altmodisch; sehr Emin-Pascha-freundlich; auch über Paschas Jugendjahre, wenig Analyse von Zeitgeist oder Psyche, kaum europäische Kolonialpolitik außer zu König Leopold; nur hier ein paar Farbfotos (unergiebig); sehr ausführlich über Stanleys Pascha-Expedition; gute Detailkarten zu einzelnen Routen
  • Patricia Clough (2010): Unerfreuliches Deutsch, verwirrende Zeit-Ort-Sprünge, Emins junge Jahre äußerst knapp, wenig Analyse von Zeitgeist oder Psyche, jedoch sehr/zu ausführlich über dt. und engl. Kolonialpolitik, zu lange Exkurse über andere Figuren; 2 gute Gesamt-Afrika-Karten, keine Detailkarten zu Routen
  • Christian Kirchen (2014): Laut Eigendarstellung einzige Eminpaschografie im Testfeld auf Basis von Primärquellen; sehr wissenschaftlich; ausführliche Zitate, sehr viele interessante SW-Fotos, gute SW-Karten auch mit Routen, teils professoraler Ton, aber noch lesbar, einige störende Sprachfehler; weitaus die meisten Fakten samt Korrekturen früherer Darstellungen, aber nichts über Stanleys Kongomarsch vor Zusammentreffen mit Emin; am ausführlichsten über Mahdi-Aufstand; weitaus teuerstes Buch auf Gebrauchtmarkt

Keins der Bücher hat eine Synopse für die parallelen Abläufe in England, Deutschland und an verschiedenen afrikanischen Orten um ca. 1888.

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