Kritik Biografie: Die Zeit ist kaputt. Die Lebensgeschichte von Erich Kästner, von Klaus Kordon (1995) – 7 Sterne

Klaus Kordon schreibt meist sehr eingängig und lebendig, teils fast romanhaft, auf nur rund 300 luftig bedruckten Seiten Haupttext (plus kurzer Anhang), ohne dass es aufdringlich nach Jugendbuch klingt. Und Kordon flicht – prima – viele unterhaltsame Kästner-Zitate ein, darunter Gedichtzeilen (als Lyrik umbrochen, nicht in langen Prosazeilen). Dass Kordon im Präsens textet, macht den Text lebendiger, führt aber öfter auch zu Wunderlichkeiten (S. 29 meines Beltz-TBs):

Erich begleitet die Mutter oft ((…)) Noch als erwachsener Mann wird er das Ziehen in seinen Armen spüren, wenn er an diese Zeit zurückdenkt.

Im Präsens und Futur über lang Zurückliegendes – das überzeugt begrenzt. Seltsam auch Konstruktionen wie (S. 23):

Ursache dieses frühen Berufswunsches war ein Zufall. Der „Zufall“ hatte Gründe:

Meine Beltz-Ausgabe hat acht Seiten mit blassen SW-Fotos auf gestrichenem Papier. Die bedeutsamen Kästner-Illustrationen von e.o. plauen zeigt Kordon nicht. Dazu kommen eine Zeittafel und Endnoten mit Quellenangaben.

Historisch:

Klaus Kordon (*1943), Autor vieler historischer Bücher, schreibt seitenlang auch ohne Kästner-Bezug etwa über die Hintergründe des ersten Weltkriegs. Er zitiert dort bissig den Industriellen Thyssen mit der Forderung nach „Schaffung neuer aufnahmefähiger Absatzgebiete“ (so Thyssen) und sieht darin „die wahren Kriegsziele“ (so Kordon, jew. S. 50). Auch Hitlers Machtübernahme schildert Kordon ausführlicher ohne Kästner-Bezug („Das Kapital macht Diebe“, S. 124; „es sind nicht ‚die Arbeitslosen‘, die Hitler wählen“, S. 135), er widmet sich Nazimitläufern und Altnazis nach 1945 wie auch der Wiederbewaffnung.

Bei Erich Kästners Leben (1899 – 1974) stützt sich Kordon laut Quellenangaben weitgehend auf Kästner-Memoiren, Kästner-Belletristik und Kästner-Gefährten wie Luiselotte Endlerle – eine kritisch fragende Biografie ist das also nicht (im Lehrerbegleitheft zur Biografie aus dem selben Verlag heißt es auch, „neue Erkenntnisse ((…)) werden nicht zu Tage gefördert“ (S. 15)). Teils redet Kordon sogar über Kästner-Zeitgenossen nur auf Basis Kästnerscher Texte, z.B. beim Schauspieler Otto (vgl. S. 61, Endnote 4) und verzichtet auf weitere Quellen.

Schlecht auch: Kordon geht fest davon aus, dass Erich Kästner vom Hausarzt der Familie gezeugt wurde und nicht vom Ehemann der Mutter. Über diesen Hausarzt Dr. Zimmermann, obwohl gut bekannt, sagt Kordon praktisch nichts. Man wüsste gern, ob dieser Hausarzt literarische oder künstlerische Neigungen hatte, wie er zu Klein-Erich stand und wie sich evtl. andere Kinder des Mannes entwickelten. Ob und wann Mutter Kästner ihrem Sohn den wahren Vater nennt, darüber spekuliert Kordon ohne Quellengrundlagen (im Lehrerbegleitheft liefert er eine nachvollziehbare, wenn auch letztlich nicht überprüfbare Grundlage für seine Spekulation).

Ein Jugendbuch?

Klaus Kordons oft kompakter, nie verschwiemelter Stil ist sicher jugendfreundlich und erhielt den Deutschen Jugendliteraturpreis 1995. Kordon verwendet jedoch unkommentiert allerlei Ausdrücke und geschichtliche Ereignisse, die Jugendliche vielleicht nicht auf dem Schirm haben. Nur drei mal erklärt er zitierte Fremdwörter in Klammern (Mimikry S. 107, defätistisch S. 198, Camouflage S. 217)

In eigenen Kapiteln diskutiert Kordon Kästners Einstellung in den Erwachsenenbüchern und – separat – in den Kinderbüchern. Die Erwachsenenbücher interessieren Kordon jedoch spürbar mehr, und dort zitiert er über Seiten auch Walter Benjamins Kästner-Kritik und knapper Kurt Tucholski.

Lehrerbegleitheft:

Mein äußerst dünnes Lehrerbegleitheft aus dem Beltz-Verlag von 1999 enthält ein paar unprickelnde didaktische Seiten, zudem Pressestimmen zum Kordon-Buch und die Jury-Begründung zur Vergabe des Deutschen Jugendliteraturpreises an Klaus Kordon 1995. Dazu kommt ein ein kurzes Interview mit Kordon, nicht uninteressant.

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