Kritik Biografie: Die vielen Leben der Paula Fox, von Bernadette Conrad (2011)

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Das ist wirklich selten: Eine zuletzt gefeierte, ja von US-Lit-Star Jonathan Franzen gepushte US-Autorin bekommt ihre erste und bis Mitte 2019 einzige Biografie – und zwar von einer Deutschen, auf Deutsch geschrieben. Die Prophetin gilt wohl nichts im eigenen Land (und sie schrieb ja auch selbst bemerkenswerte Memoiren über einzelne Lebensabschnitte).

Das geht hier nicht wirklich gut:

Biografin Bernadette Conrad (*1963), bekannt für Buchkritiken und Reisereportagen, will ihr Paula-Fox-Buch viel zu livig machen und berichtet unentwegt von banalsten Rechercheerlebnissen in den USA: Es regnet; Conrad  verläuft sich; Conrad knipst ein Bild; da und dort joggt Conrad (ohne Bezüge zu Fox‘ Leben oder Romanen).

Seite 70 der Klett-Hardcover-Ausgabe von 2011: „Ich aber steige in der Ortsmitte aus.“ Soso. S. 58 dagegen: „Ich parke riskant am Straßenrand einer ansteigenden Straße vor einer offenen Einfahrt.“ Aha. (Aber warum „Straßenrand… Straße“, warum „vor“ einer „offenen Einfahrt“?)

Nicht nur schreibt Conrad wieder und wieder und wieder Ephemeres. Sie bläht den Text zusätzlich mit rhetorischen Fragen auf (S. 40):

Was kann ich herausfinden über diesen Mann, den ich auf der kleinen Fotografie auf Paula Fox‘ Wohnzimmertischchen sah; lockig, attraktiv, energiegeladen?

Oder (S. 51):

Höchste Zeit, nach dem Kind zu sehen! Wo ist Paula geblieben? Welches sind die Schauplätze ihrer Kindheit?

Dazu kommt:

Conrad mag Paula Fox (1923 – 2017), deren Mann Martin Greenberg und sogar deren Bekannte wirklich sehr; und das trägt sie unentwegt vor. Dass Conrad „die Foxens“ (S.49) oft und gern in Brooklyn besucht, wissen wir alsbald; und wir hören es immer wieder. Die Biografin sei „nah dran – zu nah, vielleicht“, stöhnt sogar Elke Heidenreich: Conrad habe das Buch „fast vermasselt“, denn sie lade es „mit einer Fülle an Emotionen auf, die schwer erträglich sind“.

Auch sprachlich strahlt nichts. Conrads Tempiwechsel verwirren. Sie liefert viele schwache Formulierungen (wie oben schon zu erkennen) voller Hilfsverben und Wiederholungen. Hier zum Beispiel innerhalb von sechs Buchzeilen sechs Hilfsverben; davon viermal „wurde“; davon dreimal „wurde“ in einem Satz (davon einmal per Semikolon semi-isoliert) (S. 32):

Irgendwann wurde das Gebäude abgerissen; das Findelhaus, längst in „Foundling Hospital“ umbenannt, wurde an einen anderen Ort verlegt und so wurde Platz geschaffen für öde Wohnsilos. Zu diesem Zeitpunkt waren Zehntausende von Kindern von hier aus ins Leben gestartet. Das „Foundling“, wie es allgemein genannt wurde, hatte den besten Ruf…“

Das ginge besser.

Conrads wortreiche, klobige Sätze wirken im Vergleich mit der kargen, präzisen Prosa von Paul Fox besonders sperrig. Die US-Autorin scheut keine Auslassungen. Ihre deutsche Biografin dagegen will, ja darf womöglich gar nichts auslassen – und redet folglich viel zu viel.

Ein paar Dinge gefielen mir auch:

So zitiert Conrad aus Fox- und anderen Texten teils auf Englisch, dann liefert sie die deutsche Übersetzung hinterher, und zwar im Lauftext, nicht in einer Endnote. Das ist ideal, aber manchmal gibt’s auch nur Deutsch oder bei einzelnen Wörtern nur Englisch.

Zudem zeigt Conrad viele SW-Fotos in guter Qualität direkt auf dem Textdruckpapier, darunter Aufnahmen von Fox‘ Familie und Pflegevater. Diese Figuren hinterlassen in Fox Jugendmemoiren einen massiven Eindruck, werden dort aber nicht abgebildet; die fotografische Begegnung in der Conradschen Biografie ist also willkommen. Doch selbst bei den Bildern wirkt Bernadette Conrad zu redselig: sie präsentiert auch banale Motive wie etwa den Foxschen Briefkasten.

Es ging nicht mehr:

Nach dem ersten Drittel musste ich das Buch schließlich weglegen. Man fühlt sich ständig zugelabert – als ob Kollegen oder Freunde ein Sachthema ignorieren, alles immer auf sich beziehen und hartnäckig nur von sich selbst reden.

Mich interessierte wirklich Paula Fox‘ Leben: Dinge, die sie in ihren Jugenderinnerungen ausließ, ihre Jahre als Reporterin und Model, ihr Auskommen in der Zeit, als sie kaum bekannt und ihr Werk vergriffen war, wie sie selbst ihre Kinder- und Erwachsenenbücher einordnet, mögliche Anteile ihres literarisch gebildeten Partners an ihren Romanen. Also habe ich noch in spätere Kapitel der Biografie vorgeblättert. Aber auch dort schreibt Conrad gefühlt viel öfter „ich“, „mir“ oder „mein“ als „Paula Fox“, „sie“ oder „ihr“.

Die Biografie hat übrigens auch kein Stichwortverzeichnis, in dem man bestimmte Orte, Personen oder Fox-Romane schnell auffinden könnte. Sic: Eine Biografie ohne Stichwortverzeichnis. Und das Inhaltsverzeichnis hilft auch nicht weiter, denn die Kapiteltitel verraten nichts über Inhalt oder Zeitabschnitt.

Ich ertrug es nicht mehr. Das deutsche Feuilleton lobte Conrads Buch.

Freie Assoziationen:

  • Viel zu viel zu banal über sich statt über den Gegenstand seiner Biografie Der schwarze Grat erzählt auch Burkhard Spinnen.
  • Auch Graham-Greene-Biograf Norman Sherry redet zu viel von sich. (Viele andere Biografen tun das nicht. Ein Recherchebericht passt ggf. in den Anhang.)

Paula Fox (Auswahl):

      Goodreads* Amazon.com* HansBlog
  Belletristik:        
1970 Desparate Characters Was am Ende bleibt

3,69 (3811)

3,5 (80)

 

1972 The Western Coast Kalifornische Jahre

3,77 (70)

4,0 (5)

 

1976 The Widow’s Children Lauras Schweigen

3,68 (286)

3,4 (10)

7

1984 A Servant’s Tale Luisa

3,67 (114)

3,6 (5)

8

2011 News from the World: Stories and Essays Die Zigarette und andere Stories

3,65 (74)

5,0 (3)

   

  Memoiren:

2001 Borrowed Finery In fremden Kleidern

3,57 (578)

3,8 (25)

8

2005  The Coldest Winter Der kälteste Winter

3,44 (185)

3,0 (15)

5

   

  Bernadette Conrad: Die vielen Leben der Paula Fox

*Durchschnitt Leserwertung (Zahl der Stimmen), Stand August 2019

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