Kritik Beryl-Markham-Biografie: Straight on Till Morning, von Mary S. Lovell (1987, dt. Beryl Markham, Leben für Afrika) – 6 Sterne

Fazit:

Diese Biografie einer starken, abenteuerlichen und oft unsympathischen Frau ist flüssig geschrieben und offenbar gründlich recherchiert. Nur gelegentlich schweift Biografin Mary S. Lovell zu weit ab (zu Randfiguren, Rennpferden, Kleinflugzeugen und Königshaus) und schreibt zu emotional. Trotz der breit erklärten Sympathie für Beryl Markham (1902 – 1986) liefert Lovell keine Gefälligkeitsbiografie, sondern schildert auch weniger einnehmende Seiten der Fliegerin.

Leidenschaftlich:

Mary S. Lovell (*1941) stürzte sich laut Vorwort spontan und leidenschaftlich in die Markham-Biografie und knickte dafür eine andere laufende Arbeit. Wie Markham interessierte sich auch Lovell sehr für Rennpferde und alte Flugzeuge. Mitunter trägt der Enthusiasmus Lovell fort, sie schreibt oder zitiert seitenlang ermüdend über Markhams Vierbeiner, deren Zuchtlinien und Derby-Erfolge in Nairobi (u.a. S. 62, 280, 309 meiner schäbigen 98er-TB-Ausgabe von Arena) oder schwärmt über „one of the most beautiful light aeroplanes (in the opinion of the author)“ (S. 183).

Auch sonst verliert Lovell gelegentlich die professionelle Distanz, pfeffert Ausrufezeichen („Poor Emma Orchardson!“, S. 26; „Really, it was too bad!“, S. 168; „…only a third place!“, S. 280; „…as a special favour!“, S. 283; „…until the next time!“, S. 294) und ihre Markham-Verehrung in den Text, huldigt sogar im ersten Vorwortsatz „the man I ((Biografin Lovell)) was to love more than any other human being“.

Lovells spätere Biografien über Jane Digby sowie über Isabel und Richard Francis Burton klingen immer noch zugewandt, jedoch deutlich professioneller, dabei weiterhin sehr lesbar. Auch mit diesen späteren Biografien beweist Lovell ihr Interesse für starke, selbstbewusste Frauen in ungewöhnlichen Situationen.

Keine Schönschreiberei:

Tatsächlich redet der Verlag auf der U4 stolz von einer „fully authorized biography“ – mich schreckt so etwas ab, ich argwöhne zu pfleglichen Umgang mit der Hauptfigur. Es gibt zwar vereinzelt autorisierte Biografien, die ihren Gegenstand trotzdem sehr kritisch behandeln, etwa Patrick French über V.S. Naipaul; doch speziell bei den englischen Kenia-Auswanderern schreiben zu viele wohlgesonnene Zeitzeugen, Verwandte, Berufsanfänger u.ä.

Ist Mary S. Lovell also zu freundlich mit ihrem Gegenstand? Einige Monate vor Markhams Tod wurde die Biografin praktisch Hausdame der Flugpionierin im staubigen Nairobi, richtete ihr die Haare, kümmerte sich um Gesundheitliches, entlockte Markham ein Vorwort für die Bio, wollte sogar Markhams wegen nach Kenia ziehen.

Lovell widerspricht ihrer Hauptfigur aber auch explizit (S. 22):

…despite Beryl’s assertions to the contrary in her memoir…

Oder auf S. 63:

The race that Beryl wrote about so convincingly never took place… Beryl embellished the facts…

(Dass Lovell, wie sie in ihrer Biografie behauptet, Beryl Markham in ihren letzten Monaten teils betreute und frisierte, erwähnt die spätere Konkurrenzbiografin Errol Trzebinski dezidiert nicht, sie schildert stattdessen Hausbesuche einer örtlichen Coiffeurin bei Markham.)

Kein Geheimnisverrat:

Und Lovell verschweigt nicht Markhams „infidelities“ und „promiscuity“, nennt die Fliegerin „very naughty“ (jew. S. 55), testiert ihr mit erschreckenden Belegen „appalling behaviour“ (S. 262). Ein paar Gerüchte ließen sich nicht zu ihrer Zufriedenheit verifizieren, schreibt Lovell, „and so they are not included“ (Vorwort S. xix). Auch Markham selbst sagt in ihrem eigenen Vorwort, „some memories i have kept for myself ((… Lovell)) understands this“.

Und zum Gerücht, Markhams Sohn Gervase stamme vom lebenslustigen englischen Prinzen Henry, äußert Lovell eine klare Meinung, die sie auf einen Terminkalender-Abgleich stützt (S. 83). Die Frage, ob und wieviel Schweigegeld Markham von der englischen Krone erhielt, klärt Lovell durch Akteneinsicht (S. 90).

Beryl Markham wurde vor allem durch ihren Solo-Transatlantik-Flug 1936 bekannt, danach als Glamourgirl in London, New York und Hollywood, zweimal als Rennpferdflüsterin sowie durch ihre Autobiografie West with the Night (erstveröffentlicht 1942, weithin bekannt seit der Wiederveröffentlichung 1983). Mich persönlich interessierten aber weit mehr Markhams abenteuerliche erste drei Lebensjahrzehnte in Kenia. Diese Kenia-Zeit behandelt Lovell auf den ersten etwa 160 von rund 347 Seiten Haupttext (Anhang nicht mitgerechnet).

Einige weitere Schwächen,

die sich Markham in dieser in ihrer Schreibkarriere frühen Bio erlaubt:

  • Sie benutzt manchmal überflüssige Ausdrücke wie „known to all and sundry as Jock“ (S. 44; warum nicht einfach „known as Jock“?).
  • Ein toll gelegenes Heim biete „views that defy description“ – aber „description“ ist genau das, was wir von einer Biografin erwarten?
  • Markhams Kurzgeschichten und vor allem Presseberichte zitiert Lovell oft über mehrere Absätze hinweg – zu ausgiebig. Die Doppelseite 68/69 enthält zwei mehr als halbseitige Zeitungsberichte. Der eine davon ist auch noch falsch; die Biografin stipuliert: „the English papers got it wrong on two counts“ (S. 68), um die Sache dann selbst umständlich zu klären. Weil es nur um eine Kleinigkeit geht, hätte sie besser ganz auf den falschen Artikel verzichtet, auch wenn Sprache und Inhalt teils amüsieren. (Auch bei der Frage der königlichen Apanage, die Markham erhielt, repetiert Lovell zunächst viele Falschannahmen der Zeitgenossen.)
  • Noch öfter meint man, dass Lovell mühevoll recherchiertes Material auch dann ins Buch packen will, wenn es nicht hinein gehört – so etwa bei den seitenlangen Exkursen über Bror und Tania Blixen (der Film Jenseits von Afrika und Judith Thurmanns Blixen-Biografie waren gerade erschienen, als Lovell mit den Recherchen begann). Auch die früheren Abenteuer von Markhams Fluglehrer Tom Campbell Black erzählt Lovell ermüdend breit, ebenso das Leben der Markham-Gastgeber Bathurst Norman. Erst nach allerlei Abenteuern ohne Markham erfahren wir, dass Tom Campbell Black laut Lovell zu Markhams wichtigstem Liebhaber wurde; das hätte Lovell besser früher erzählt, dann hätte man Blacks Solo-Abenteuer anders gelesen (die Konkurrenzbiografin Trzebinski hält Black für weniger bedeutsam). Zu viel redet Lovell auch über das englische Königshaus.

Diskretion:

Wenig erfährt man dagegen über Markhams Vater, der Markham in jungen Jahren allein aufzog beziehungsweise mit Afrikanern herumziehen ließ („it is difficult to find much trace of him“, meint Lovell selbst auf S. 42). Gelegentlich macht Lovell nur dramatische Andeutungen. Auf S. 295 figuriert „a mutual friend of theirs, considerably older than both of them“ – wer ist gemeint? Und 1947 hatte Markham eine kalifornische „romance with a well-known folk singer“, der reihenweise „world-famous“ Hits schrieb (jew. S. 357); aber den Namen des Barden nennt Lovell nicht. Ein paar Seiten und Kontinente später erwähnt Lovell erstmals Markhams „collection of Burl Ives records“ (S. 263) – was will uns das sagen? Laut Index erscheint Burl Ives auf Seite xxiv im Vorwort des Lovell-Buchs, doch tatsächlich sieht man den Namen dort nicht; vielleicht hat Lovell eine dort geplante Danksagung wieder gestrichen, ohne auch den Index entsprechend zu korrigieren (in der Zeit ihrer Recherchen 1986 und 1987 lebte Ives noch). Auch Markham-Biografin Trzebinski und dieser Zeitungsbericht bringen Markham und Ives in Verbindung.

Sehr gut gefielen mir die Passagen über Markhams gerühmte Autobiografie West With the Night und einige Markham-Kurzgeschichten. Mit Stilvergleichen untersucht Lovell, ob die Autoren Antoine de Saint-Exupéry und Raoul Schumacher bei Markhams Texten nachhalfen. Mit vielen Telegrammen aus Verlagsarchiven dokumentiert sie das Ringen von Autorin und Verlag um den besten Buchtitel (offenbar musste Markham immer neue Titel vorschlagen, die der Verlag immer wieder höflichst ablehnte, ohne aber selber etwas anzuregen; und immer wieder herausgeschobene Abgabetermine überzog Markham immer wieder). Ein Jahr nach der Biografie gab Lovell acht Erzählungen Markhams unter dem Titel The Splendid Outcast: Beryl Markhams African Stories heraus und schrieb auch Hintergrundtexte dazu.

Vergleich der Markham-Biografien von Mary S. Lovell (1987) und von Errol Trzebinski (1993):

Lovell traf Markham und alle weiteren knapp 100 Interviewpartner (S. 161) erstmals 1986  und freundete sich mit Markham an.Sie verschweigt bewusst einige Details aus Markhams Leben und sichert sich so Markhams Kooperation. Trzebinski lebte anders als Lovell zumeist in Kenia und traf Markham erstmals wohl 1974 zu Interviews. Trzebinski hatte bereits mehrere Kolonialkeniabücher geschrieben und kann weit mehr Lokalkolorit einflechten als Neubiografin Lovell.

Lovell schreibt teils emotional und als erklärte Markham-Freundin. Trzebinski klingt deutlich distanzierter und wühlt vielleicht etwas tiefer in der Markham-Psyche. Beide Autorinnen schreiben überwiegend gut lesbar. Bei Trzebinski wunderten mich einzelne Sätze und Strukturen jedoch massiv.

Lovell, am Beginn ihrer Schreibkarriere, produzierte einen Schnellschuss; Trzebinski recherchierte länger und schreibt deutlich detailreicher – für manche wohl zu ausführlich, gelegentlich unübersichtlich.

Beide schreiben kaum über Markhams Vater. Auch der Hass auf die Markham-Gouvernante und spätere Stiefmutter Emma Orchardson wird kaum erklärt, v.a. nicht bei Lovell. Lovell schreibt mehr über Markhams Erfolge auf der Pferderennbahn, Trzebinski mehr über Markhams wilde afrikanische Jugend (Markhams Erfolge auf der Pferderennbahn erscheinen dort listenweise in den Endnoten). Trzebinski schreibt deutlich mehr über Denys Finch-Hatton (sie hatte zuvor eine Biografie über den Edelmann herausgebracht) und hält andere Männer für wichtig als Lovell.

Die Meinungen der beiden Biografinnen zur wahren Urheberschaft von Markhams Memoiren West with the Night unterscheiden sich deutlich, beide liefern lange Begründungen. Trzebinski produziert hier mehr handfeste Zeitzeugenaussagen, die Lovell nicht kennt, wenn auch wohl keine gerichtsfesten Beweise. Auch in anderen Punkten unterscheiden sich die Biografinnen klar. Letztlich liefert Trzebinski mehr Material und bessere Begründungen, ist aber nicht die bessere Schriftstellerin.

Freie Assoziation:

  • Happy Valley-Autor James Fox hat Kurzauftritte bei Lovell
  • Bror-Blixen-Biograf Ulf Aschan gastiert ebenfalls
  • Beryl Markhams sorgloser Umgang mit Geld erinnert an Tania Blixens Mann Bror Blixen, mit dem sie in Ostafrika auch zusammenarbeitete (Lovell interviewte auch Bror Blixens zweite Frau Cockie Hoogterp)
  • Lovell zitiert immer wieder aus den Briefen Tania Blixens, die zeitweise mit Markham befreundet war
  • Die Karte mit Markhams Flugroute Nairobi-Tripoli-Europa erinnert an die umgekehrte Flugroute von Vater und Sohn Grzimek gen Serengeti
  • Lovells Mann hat das Kleinflugzeug im Film Jenseits von Afrika geflogen und bereitgestellt
  • Kaum eine professionelle oder Amateur-Rezension vergleicht die Markham-Biografien von Mary S. Lovell und Errol Trzebinski. Eine Ausnahme (neben HansBlog.de) liefert Michiko Kakutani in der NY Times

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