Kritik Beltracchi-Betrug-Sachbuch: Falsche Bilder, Echtes Geld. Der Fälschungscoup des Jahrhunderts, und wer alles daran verdiente – von Stefan Koldehoff, Tobias Timm (2012) – 7 Sterne

Das Buch schildert die Minutiae eines Kriminalfalls im Kunstmilieu und liefert keine Biografie der Hauptakteure. Die Autoren klamüsern Abläufe haarklein auseinander: endlose Gespräche, Briefe und Mails zwischen Galeristen, Museumsdirektoren, Künstlererben, Auktionshäusern, Kunstwissenschaftlern, Kriminalern, Laboren, Sammlern sowie den Beltracchis und ihren Helfern; die Reisen der Bilder, der Händler und Experten; Austellungsorte, Ausstellungstermine, Zahltermine, Zahlbeträge, Steuerparadiese und Briefkastenfirmen; die Choreografie der Beltracchi-Festnahme 2010; der Prozessverlauf 2011; Titanweiß, Zinkweiß, Kobaltgrün und Phthalocyaninblau in Farbtuben und auf Leinwänden; abgehörte Telefonate im Wortlaut.

Das ist eine Rechercheleistung (soweit nicht aus öffentlichen Gerichtsprotokollen zitiert), aber es ermüdet auch. Es interessiert Kunstmarkt-Profis und Kriminologen.

Wen man nur flüchtig kennenlernt: Helene und Wolfgang Beltracchi, die gerissenen Fälscher. Sie sprachen nicht mit den Buchautoren, und die präsentieren zunächst allerlei Nebenfiguren. So erfahren wir auf Seite 60*, der Museumsdirektor Burkhard Leismann ist „ein blonder Mann mit vielen Lachfalten“. Und Kunstkomissar René Allonge spricht „mit ruhiger Stimme“ (S. 81). Interessant, doch wo bleiben die Beltracchis? Sie agieren erst ab Seite 89 von 243 Seiten Haupttext, und man lernt sie nur oberflächlich kennen.

Kein Künstler:

Der Erzählton zeigt mehrfach kaum gezügelte Entrüstung gegenüber Beltracchis Betrug. Und dutzende Male im gesamten Buch betonen Koldehoff und Timm beleidigt (hier z.B. S. 95):

Auf Nachfragen der Autoren reagierte er nicht.

Wie die Beltracchis ticken, davon hören wir wenig. Dass sie geldgierig sind, behaupten die Autoren, und dass sie sich wirklich lieben.

Fast triumphierend heißt es, Beltracchis eigene Kunst offenbare „schlechten Geschmack“ (S. 129), sei „reiner Kitsch“ (S. 130), „drittklassig“, Beltracchi „kein Genie“ und „kein großer Maler“ (S. 113), auch seine Kopien enttäuschten (S. 104, S. 113). Beltracchis sei eher „Werbe- und Vertriebsstratege als ein Künstler“ (S. 129).

Aufdringlich oft, scheinbar anklagend, fallen auch die Namen zweier Kunstkoryphäen, die Beltracchi-Kreationen sehr fahrlässig für echt erklärten, wertsteigernd in Museen zeigten und später beim Verkauf der Bilder profitierten. Die Autoren schließen mit einer kleinen Geschichte des Kunstbetrugs (2020 zum Buch Kunst und Verbrechen ausgebaut) und mit utopischen Forderungen für einen transparenten Kunst-Markt.

Ihre Recherchen endeten offenbar im April 2012, also nach dem Gerichtsprozess, aber vor den Veröffentlichungen und Auftritten der Beltracchis.

Dieselben Farben auf derselben Leinwand:

Die Autoren mühen sich teils um journalistischen Stil: sie beginnen Kapitel und Unterkapitel mit Livesituationen, weiten dann erst den Blick aufs Größereganze. Das Buch ist kein Polizeiprotokoll, keine kunsthistorische Magisterarbeit.

Aber es wirkt trotzdem oft holperig und etwas schnellgeschossen. Viele Satzkonstruktionen klingen überfrachtet und unredigiert, etwa S. 48*:

Hanstein ist auch bekannt, dass das Campendonk zugeschriebene „Rote Bild mit Pferden“, das ihm die Trasteco-Klage eingehandelt hatte, im Herbst 2006 im mit Lempertz über die Organisation „International Auctioneers“ partnerschaftlich verbundenen Pariser Auktionshaus Artcurial von Jeanette S. an Führer-Breuer übergeben worden war.

Oder Seite 71:

Leismann hingegen, der offenbar von all dem nichts wusste, fiel offenbar nichts Ungewöhnliches an dem Gemälde auf.

Dazu kommen einige Fehler wie „während“ mit Dativ oder zum Thema gefälschte Bilder vs. Originale:

Sind es nicht dieselben Farben auf derselben Leinwand?

Korrekt wäre „die gleichen Farben auf der gleichen Leinwand“ – weil sich Beltracchi nicht aus derselben Farbtube bedient wie Campendonk oder Max Ernst, sondern nur Farben gleichen Typs aufträgt (evt. passt „dieselbe Leinwand“, weil Beltracchi alte Leinwände manchmal wieder verwendete).

Die Autoren schreiben teils unübersichtlich Präteritum, Präsens und Futur I durcheinander. Immerhin: Koldehoff/Timm verzichten auf Dramatisierung, dräuende Andeutung und Cliffhanger. Und ich lernte das Verb „expertisieren“ und dessen Substantivierung kennen.

Bildteil:

Koldehoff und Timm zeigen keine Fotos der vielen Experten, die sie wiederholt zitieren, auch nicht die Anwesen der Beltracchis. Der kleine Farbteil präsentiert vor allem als Fälschung gedachte Beltracchi-Gemälde und mögliche historische Vor-Bilder bekannter Maler. Zudem sehen wir zwei auf historisch getrimmte SW-Fotos, in denen Helene Beltracchi als ihre eigene Großmutter vor angeblichen Originalgemälden sitzt sowie ein Bild, das Wolfgang Beltracchi als Heilsbringer ironisiert.

Im Anhang erscheinen keine Quellenangaben, aber eine lange Liste möglicher gefälschter Gemälde. Die Autoren versprechen auf Seite 270 Updates der Liste unter https://www.galiani.de/buecher/koldehoff-timm.html, doch im Januar 2021 gab’s dort nichts.

Wikipedia versus Kaufbuch:

Ich hatte weit mehr Psychologie und Biografie der Beltracchis erhofft, aber ich hegte wohl die falsche Erwartung – schließlich erscheint der Name Beltracchi nicht mal in Buchtitel oder Untertitel. Und es ist ja auch eine Leistung, all die vielen anderen und unbekannten Akteure, die in der Geschichte herumwuseln, ans Licht zu holen.

Vielleicht kann man sich biografisches Wissen über die Beltracchis auch online zusammenkratzen, aber das ist mühselig und die Quelle eventuell unseriös oder zu knapp. Ein Beispiel: In der deutschen Wikipedia heißt es Stand Januar 2021 über Beltracchi:

Die Familie zog bald nach Geilenkirchen um, wo er im Alter von 17 Jahren vom Gymnasium verwiesen wurde. Später gab er den Besuch der Kunstschule auf und ((…))

Da will man wissen, warum der spätere Maler-Meister vom Gymnasium flog – doch die Wikipedia und der hinterlegte Link verraten es nicht. Statt online weiter zu wühlen und an fake news zu geraten, kaufe ich lieber ein gediegenes Buch von renommierten Journalisten – wie das vorliegende.

Und warum Beltracchi von der Schule flog, dafür liefern Koldehoff/Timm tatsächlich auf Seite 90 eine vergnügliche Erklärung (die einzige lustige Stelle im Buch). Quelle ist jedoch Beltracchi selbst, und wer glaubt schon einem erfolgreichen Betrüger. Das gilt auch für weitere biografische Details – sie stammen vor allem von Beltracchi selbst und sind wohl so belastbar wie ein Tweet vom Trumpel.

Freie Assoziation:

*ich hatte die zweite Auflage des Hardcovers a.d. Galiani-Verlag, 2012

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