Kritik Autobiografie: Das Leben kommt immer dazwischen, von Auma Obama (2010) – 5 Sterne – mit Medienstimmen & Videos

Auma Obama (*1960) ist die ältere Halbschwester von Ex-US-Präsident Barack Obama (*1961). Sie haben denselben Vater, aber unterschiedliche Mütter: Auma stammt von der ersten, afrikanischen Frau von Barack Obama d.Ä. Auma kam zur Welt, als ihr Vater in Hawaii studierte und dort Ann Dunham heiratete, die Mutter des Ex-US-Präsidenten. Auma Obama wuchs in Kenia auf, verbrachte ab Studienbeginn 16 Jahre in Deutschland, danach zog sie nach England und später wieder nach Kenia – sie berichtet über dieses Leben von 1960 bis 2009.

Auma Obama schrieb ihr Buch auf Deutsch, „mit beratender Unterstützung durch Maria Hoffmann-Dartevelle“ – einer „langjährigen Freundin und literarischen Beraterin“ Obamas, so das Nachwort, laut LinkedIn „selbstständige Fachkraft im Bereich Übersetzung und Lokalisierung“. Der Bericht klingt überaus steif und wie zu wörtlich übersetzt. Zudem irritieren viele willkürliche Zeitsprünge – das erschwert in Verbindung mit einer sehr komplexen und über drei Kontinente verteilten Familie die Übersicht. (Ross Benjamins Übersetzung ins Englische, And Then Life Happens, erschien 2012.)

Auma Obama bemüht sich nicht, die Chronologie klarzustellen. Dagegen erklärt sie einige afrikanische Bräuche oder historische Momente fast überdeutlich. Die Jugendmemoiren des Halbbruders Barack Obama (deren Titel Auma falsch mit „of“ statt „from“ wiedergibt) lesen sich weit eleganter. (Wer sich für die Familie interessiert, sollte auch die Biografie über Auma Obamas Vater lesen, „The Other Barack“ von Sally H. Jacobs; auch David Maraniss‘ Biografie des jungen US-Präsidenten behandelt Barack Obama d.Ä. ausführlich.)

Meine Bastei-Lübbe-Taschenbuch-Ausgabe zeigt mehrere interessante Farbfotos. Manche Dinge schildert Auma Obama anders als alle Biografen. Ein Beispiel: Laut Auma Obama ließ ihr Vater seine Frau Ann Dunham (die Präsidentenmutter, bereits mit Baby) nach dem Grundstudium in Hawaii zurück, weil sie ihm wegen unterschiedlicher Persönlichkeiten nicht nach Harvard und später nach Kenia folgen und Afrika vielleicht ohnehin ganz vermeiden wollte. In mehreren anderen Biografien heißt es dagegen, dass Ann Dunham Barack Obama d.Ä. durchaus an andere Studienorte und nach Kenia begleiten wollte – doch das Harvard-Stipendium von Obama senior reichte nur für eine Person, und das größere, familientaugliche Stipendium für New York lehnte er ab. Nach allen sonstigen Darstellungen wollte Dunham später auch mit nach Kenia gehen, reichte dann jedoch wegen Obamas Desinteresse die Scheidung ein.

So taucht Auma Obama ihren Vater immer wieder in relativ mildes Licht. Sie schreibt auch, dass Stammesdiskrimierung die Karriere ihres Vaters gestoppt habe. Sie erwähnt nicht seine Alkoholeskapaden und schildert seine extrem undiplomatischen Tiraden gegenüber Kollegen und Chefs zurückhaltend-verständnisvoll. Andererseits skizziert Auma auch ihre Wut über den Vater, der ihr nie ein geregeltes Familienleben bot und sie oft nachts als Gesprächspartnerin aus dem Schlaf riss; sie hatten mehrere kühle Begegnungen in Europa.

Auma Obama leitete als Studentin in Deutschland Seminare, um den Eingeborenen die richtige Sicht auf Afrika beizubringen. An der Film-Uni in Berlin dreht sie einen Film über eine Afrikanerin in Deutschland; die negativen Kommentare ihrer Kommilitonen wertet sie als Ausdruck weißen Schuldbewusstseins. Sie wird schwanger und legt sich darauf fest, ein Mädchen zu bekommen – ein Junge passe nicht. Mehrere lange Beziehungen Obamas zerbrachen, auch die Ehe mit dem Vater ihres Kinds. Auma Obama präsentiert sich als sehr eigenwillig, undiplomatisch bis rechthaberisch (wie ihr Vater) und misst europäische Gewohnheiten mehrfach an den Gebräuchen ihres kenianischen Luo-Stammes.

Die Kenianerin Obama schreibt eine Magisterarbeit in Germanistik, erwähnt jedoch nicht das Thema. Das Thema ihrer germanistischen Doktorarbeit beschreibt sie nur in einem vagen Satz.

Später arbeitet sie auf hoher internationaler Ebene für staatliche und nichtstaatliche Organisationen – wie auch ihr Vater, ihr Halbbruder, dessen Mutter Ann Dunham und deren Tochter Maya aus Dunhams zweiter Ehe mit einem Indonesier (also eine weitere Halbschwester des Ex-Präsidenten). Ihren berühmten Bruder, den späteren US-Präsidenten, trifft Auma Obama ab 1984 mehrfach in den USA und in Kenia. Interessant bleibt das schlecht geschriebene Buch eher wegen Auma Obamas ungewöhnlicher, internationaler Lebensgeschichte, wegen ihrer scheinbar labilen Beziehungen und der teils harten Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Der Bericht endet 2009 in Washington mit Obamas Amtseinführung, die seine Halbschwester von der Ehrentribüne aus erlebt.

Medienstimmen:

Goetheinstitut, Ingrid Laurien:

Sechzehn Jahre hat sie in Deutschland gelebt, noch immer ist sie diesem Land eng verbunden. Seit ihr Buch ein Bestseller geworden ist, ist sie ein häufiger Gast in deutschen Talkshows. Angesichts dieser klugen, attraktiven und starken Frau, die da in fehlerfreiem Deutsch diskutiert, mögen sich manche Zuschauer fragen, wieso sie denn nicht in Deutschland geblieben ist? Auma Obama selbst gibt keine Auskunft darüber. Überhaupt ist sie zurückhaltend in ihrer Kritik. „Die Deutschen müssen mehr auf Fremde zugehen“ (Süddeutsche Zeitung, 25.10.2010) ist vielleicht das Radikalste, was ihr zu entlocken ist. Gab es da Verletzungen? Nur einmal fallen die Begriffe Hoyerswerda, Rostock, Mölln und Solingen… lohnt die Lektüre dieses sehr persönlichen und klugen Buches

Borromäusverein:

Ein rundum lesenswertes, sehr informatives Buch, das neben viel Wissen auch sehr viel Menschlichkeit vermittelt.

Kirkus Reviews:

Unlike David Maraniss’ comprehensive biography of the president (Barack Obama: The Story, 2012), which does not sugarcoat the problematic father the president and Auma shared, this delicate, emotional work sidesteps the patriarch in order to portray a young woman deeply resentful of the sexist treatment of women in her Luo culture and determined to forge her own identity…

Publishers Weekly:

Especially poignant are the sections that tell how, as a college student, Auma finally got to know the mother who relinquished her as a baby… The prose is simple, and Auma’s honest, straightforward storytelling makes her an instantly likeable narrator. Originally written in German—the language Auma said came „more easily“ because of the „formative adult years“ she spent in Germany…

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