Romankritik: Anita and Me, von Meera Syal (Einwanderer-Roman, 1996) – 7 Sterne – mit Video & Pressestimmen

Einfühlsam, informativ und oft lustig, aber nie schrill beschreibt Meera Syal in ihrem Romanerstling gleich drei verschiedene Welten in einer:

  • das Innenleben einer Neun- oder Zehnjährigen, ziemlich frühreif
  • indische Einwanderer im England der 1960er
  • ein englisches Bergbaudorf

Das liest sich grundsätzlich interessant, leicht und unterhaltsam; aber Schwächen gibt es auch: So wird Syal mitunter zu belehrend, etwa auf den Seiten über die Folgen der indischen Teilung speziell im Punjab, über Unterschiede in den familiären Beziehungen bei Indern und Engländern und bei Fremdenfeindlichkeit. Die Handlung wirkt dann nicht mehr plausibel, sondern konstruiert. Vielleicht will die Autorin auch zu vieles aus ihrer eigenen Kindheit einbauen.

Im ersten Buchteil schweift Syal überdies zu oft ab: Sie präsentiert ein oder zwei Absätze Haupthandlung und bringt dann lange Rückblenden, welche die dahindümpelnde Haupthandlung völlig überlagern. Ungefähr ab Buchmitte hört sie damit völlig auf und erzählt linear – mit mächtigen Dramen im letzten Fünftel, fast wie in einer Bollywood-Schmonzette.

Auch die Perspektive schwimmt: Meist scheint man direkt die Schülerin zu hören, die nie weiß, was auf sie zukommt. Doch einige wenige Male wird deutlich, dass hier eine viel ältere Ich-Erzählerin spricht, die zudem gelegentlich Unheil in der Zukunft andeutet.

Obwohl Syal auch vielbeschäftigte TV-Autorin und Komikerin ist, liefert sie im Roman zwar einige deftige Einzeiler, aber kaum echte Dialoge. Dafür jedoch mehr mir unbekannte Vokabeln als die meisten anderen englischsprachigen Autoren (ich kenne nur das englische Original). Ein Beispiel von Seite 14:

…her colostomy bag in a sequinned pouch under her pinafore…

Einige weitere Vokabel-Begegnungen: doily, piddly, slags, moult.

Zudem schreibt Syal unablässig whilst statt while, gelegentlich in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen. Andere Engländer tun das zwar auch, aber für mich klingt es seltsam anachronistisch und affektiert.

Syal streut auch viele Hindi- oder Punjabi-Ausdrücke ein, die ich nicht kenne (und ich kenne vieles aus Bollywood-Filmen und Indien-Büchern). In Syals Buch ist zwar klar, dass die Akteure aus dem Punjab stammen; ob sie aber Hindi oder Punjabi reden, scheint mir nicht immer klar, zumindest aber scheint Punjabi dem Hindi sehr zu ähneln; zwar erwähnt die Ich-Erzählerin öfter Punjabi, doch spricht sie gelegentlich auch von Hindi. Und auch wenn sich die Akteure gelegentlich zum Sikhismus bekennen, spielt Hindu-Glaube ebenfalls eine Rolle (Syal hat eine Sikh-Mutter und einen Hindu-Vater, die für die gemischt-religiöse Eheschließung in Indien erst einmal ausreißen mussten; doch diese klare Aufteilung der Religionen wird im Buch nicht deutlich).

Insgesamt schreibt Syal viele interessante Szenen und Beobachtungen und sie hat mein Interesse an den Hauptfiguren jederzeit wachgehalten. Der Roman als Ganzes wirkt jedoch nicht so stark.

Kein Wunder, dass die bunte Geschichte 2002 verfilmt wurde (Drehbuch und Nebendarstellerin Meera Syal, in einer Hauptrolle Ayesha Dharker; Video unten). Die Handlung spielt zum guten Teil in und vor der Wohnung der Hauptfiguren, darum wurde sie auch am Theater aufgeführt.

Das Grundszenario des Romans erinnert deutlich an Bloß (k)eine Hochzeit/An (Un)arranged Marriage, von Bali Rai – im Zentrum stehen ebenfalls Punjab-Jugendliche und ihre Eltern in England. Weitere Bücher über Inder im Westen (in den USA) schrieb Jhumpa Lahiri, über Chinesen in London Timothy Mo, über junge karibische USA-Einwanderer schrieb Julia Alvarez.

Kritiker:

  • Goodreads.com: 3,64 von 5 Publikumssternen bei 1575 Stimmen u. 79 Besprechungen
  • Amazon.co.uk: 4,2 von 5 Sternen bei 85 Besprechungen
  • Amazon.com: 4,3 von 5 Sternen bei 29 Besprechungen

Kirkus Review:

Each small incident that Meena tells about leads to an arsenal of vividly described related anecdotes before the linear narrative is finally regained, a process that forms an endearing, richly three- dimensional picture of Meena and her family… Syal handles all of this with an expert hand. Far from just another coming-of-age saga, Syal’s impressive debut offers a charming yet troubling evocation of recent times.

India Today:

This is a marvellous novel about a young Indian girl’s childhood in England, written with sensitivity and humour and capturing all the petty and profound torments that spring from growing up in two different worlds.

Voice of Journalists:

The first half of the novel is very tedious, dull and to some extent unappealing. The reader has to be patient and persistent to encounter some spice and drama.The story is pretty hard to read during this half. However gradually the story picks up its pace and the heart touching story of a nine year old Indian girl desperately trying to find her place in racist British society unfolds itself. In the end, the story is proficiently interlaced together and the end product is a magnum opus.

Zum Film:

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