Kritik Andalusien-Memoiren: South from Granada, von Gerald Brenan (1957) – 7 Sterne – mit Video

Von 1920 bis 1924 lebte der junge Engländer Gerald Brenan im andalusischen Bergdorf Yegen in den Alpujarras, dann kehrte er ab 1929 noch mehrfach zurück. Erst 1957 schrieb Brenan seine frühren Andalusien-Erinnerungen unter dem Titel South from Granada nieder. Dabei lässt Brenan einiges aus – unter anderem Liebeshändel – und wegen der hoch-informierten Verallgemeinerungen glaubten viele Leser, Brenan sei viel länger im Süden gewesen.

Reichlich Korrekturen und Ergänzungen zu South from Granada finden sich in Gathorne-Hardys Brenan-Biografie The Interior Castle (1992). 2003 wurden Brenans Erinnerungen in Spanien verspielfilmt (Al Sur de Granada). Nach einem zweimonatigen Spanien-Besuch 1946 schrieb Brenan zudem The Face of Spain, in dem er auch auf den Bürgerkrieg eingeht.

Brenan schreibt in South from Granada sehr leicht lesbar, fast zackig knapp, nüchtern und ohne Dampfplauderei oder Wortgeklingel (ich hatte das englische Original und kann die Eindeutschung nicht beurteilen).  Er betont zu Beginn bei den ersten Spanienerkundungen Dreck, Läuse und schauderhaftes Essen.

Brenan schreibt aber nur teils chronologisch, berichtet von Haussuche, anderen Engländern und Besuchen aus England (Lytton Strachey, knapp Virginia Woolf). Öfter liefert er kursorische Zusammenfassungen; ein Kapitel reiht gewissenhaft alle Erntezeitpunkte und Feste des Jahres auf, ein anderes sämtliche Aberglauben und Rituale, ein drittes die komplizierte Eheanbahnung; weitere Kapitel berichten allgemein über Bergpflanzen und -tiere, über „School and Church“ oder „Masons and Animals“; auch Geografie und frühe Geschichte figurieren ausführlich, nicht aber Zigeuner. Gründlich, wie er ist, liefert Brenan auch Kapitel über „Almería and Archeology“ und „Almería and its Brothels“; nur manchmal führen die Titel in die Irre. Bestimmte Passagen klingen erfunden – Biograf Gathorne-Hardy bestätigt den Verdacht.

Die allgemeinen Abschnitte wirken mitunter etwas zu abwechslungsarm und gelehrt, wie Brenan offenbar selbst empfindet („at the risk of being tedious I will add that…“, S. 257). Doch Brenan schreibt unprätentiös prägnant, gelegentlich mit verblüffenden Vergleichen und Kenntnissen, hochinformiert, scharf beobachtend, genau und gelungen formulierend, manchmal mit knappster Ironie. Sein Biograf Gathorne-Hardy urteilt über ein anderes Spanien-Buch Brenans, und das passt auch hier (The Interior Castle, S. 346):

…his gift of the short, striking phrase, sometimes almost aphoristic, and by his sudden shafts of intuitive insight… Gerald was not aiming at great writing… he was aiming at clarity. Yet the result is undeniably literature.

Ebenso passend klingt dieses Urteil Gathorne-Hardys über wieder ein anderes Brenan-Buch (S. 468):

It now seemed impossible for Gerald to use a dud word or write a clumsy sentence.

Wie der Biograf wieder und wieder betont, überarbeitete Brenan seine Texte wieder und wieder, bevor sie an den Verlag gingen – so entstand die hochkonzentrierte Sprache.

Teils flicht Brenan auch in allgemeinen Übersichten Geschichten der Einzelfiguren ein; Liebeshändel und -dreiecke der anderen interessieren ihn allemal, gern auch bei gediegenen Grundbesitzern und Dorfpriestern (seine eigenen andalusischen Amouren verschweigt Brenan komplett, man muss sie bei Gathorne-Harden nachlesen, die 2003er-Verfilmung weidet sich daran).

Weil er seinen 20er-Jahre-Bericht erst in den 50er Jahren schreibt und Spanien auch in späteren Jahrzehnten immer wieder besuchte, kann oder könnte Brenan auch Vergleiche mit Spanien in jüngeren Jahrzehnten ziehen. Dies tut er allerdings kaum, außer im Nachwort speziell zu Yegen.

Ich hatte South from Granada in der TB-Ausgabe Penguin Modern Classics (ca. 360 eng bedruckte Seiten, keine Fotos, kein Stichwortregister, eine grob gestrichelte Karte). Das nichtssagende, knappe Vorwort stammt vom Engländer Chris Stewart, der seit Jahrzehnten nahe Orgíva keine 30 Kilometer Luftlinie von Brenans Hauptort Yegen entfernt lebt und darüber muntere, erfolgreiche Bücher wie Driving over Lemons oder The Almond Blossom Appreciation Society schrieb. Mit dem Brenan-Vorwort tat er sich keinen Gefallen. (Fast überrascht, dass der sonst allgegenwärtige Reisebuchprofessor Paul Theroux nicht einleiten durfte.)

Lesenswerte und generell positive Besprechungen des Buchs fand ich online u.a. im Guardian, in Kirkus Review, Financial Times, der Zeit, der Welt und bei Danny Yee.

Die spanische Verfilmung von 2003 ist sehr opulent – sie zeigt ein malerisches Disney-Berg-Andalusien und viele zwanglos entblößte Frauen zu schwülstiger Musik, gelegentlich auch mit cante jondo und/oder Flamenco. Mit Brenans Buch hat das nicht viel zu tun, etwas mehr schon mit der Brenan-Biografie von Gathorne-Hardy, die auch im Abspann als Inspiration erscheint. Meine Film-DVD trug den englischen Haupttitel South from Granada und bot Tonspuren in Spanisch und Italienisch; Untertitel gab’s auf Italienisch; mehr nicht.

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