Rezension Karibik-Roman: Der mystische Masseur, von V.S. Naipaul (1957, engl. The Mystic Masseur) – 8 Sterne

Mit knappem, lakonischem Ton schildert V.S. Naipaul unterhaltsame  Kauzereien im provinziellen Trinidad Mitte des letzten Jahrhunderts: Ein gescheiterter Lehrer macht unglaubliche Karriere, doch das Arsenal lebenspraller, amüsanter Nebenfiguren beeindruckt noch mehr – Ramlogan, der bauernschlaue und wankelmütige Dorfkrämer; Suruj Poopa und Suruj Mooma mit ihrem Sohn Suruj; rülpsende Tanten; ölige Buch-Vertreter; ein naseweiser Schüler mit journalistischen Ambitionen.

Bizarres Pidgin-Englisch:

Die Figuren sprechen im englischen Original The Mystic Masseur ein verstümmeltes, kindliches Pidgin-Englisch, das zumindest eine Zeit lang reizvoll wirkt („let we go“; „with she sheself“). Naipaul malt dieses Idiom genüsslich aus und führt es mit dem geschraubten Upperclass-Pidgin der neureichen Leela zu bizarren Höhepunkten. Auch Leelas Zettel und Schilder voller Punkte und Ausrufezeichen zeugen von Naipauls sinnlichem Zugang zur Sprache.

Das Gute dabei, noch einmal: An keiner Stelle hört man den Erzähler auf die Schenkel klopfen oder die Nase rümpfen. Die ulkige Sprache, die verwinkelte Logik, Geldgier und Aberglaube der Akteure zwischen Fourways und Fuente Grove, Trinidad, referiert Naipaul trocken, unvoreingenommen, vielleicht zurückgenommen liebevoll. Um so besser kann sich das Personal entwickeln.

Die Verfilmung überzeugt nicht:

Der Kinofilm „The Mystic Masseur“ mit Om Puri und Ayesha Dharker (2001) unterschlägt die trockene Skurrilität der Buchvorlage. Die Handlung rollt hier ernst bis bombastisch ab, die Darsteller sehen zu gut aus, die Kulissen zu „studio“, die junge Leela ist ein verträumt-romantisches Ding.

Beim Buch habe ich oft gelacht, beim Film vielleicht zweimal. Ich sehe nur zu gern Filme aus heißen Ländern, neben Bollywood mit Vergnügen auch Dorfgeschichten aus Kerala, Kambodscha oder Sizilien; aber dieser Streifen interessiert höchstens als „Sekundärliteratur“ zum Buch. Indische Indie-Regisseure wie Mira Nair, Nagesh Kukunoor oder Shyam Benegal hätte ich mir beim „mystischen Masseur“ gewünscht, oder vielleicht sogar Jim Jarmusch.

Der Mystische Masseur im Zusammenhang der anderen Trinidad-Romane:

Nun kenne ich die vier frühen Romane, in denen V.S. Naipaul über Trinidad schrieb, geschrieben ab Mitte der Fünfziger in dieser Reihenfolge:

  1. Miguel Street
  2. Der mystische Masseur
  3. Wahlkampf auf karibisch
  4. Ein Haus für Herrn Biswas

„Der mystische Masseur“ erschien allerdings schon 1957, vor „Miguel Street“ 1959: Der Verlag wollte zunächst einen richtigen Roman herausbringen und erst danach die Episoden der „Miguel Street“. Naipaul schrieb den „Masseur“ offenbar nur, um auch mit „Miguel Street“ herauszukommen.

  • V.S. Naipauls vier frühe Trinidad-Romane sind alle amüsant und sehr empfehlenswert – eine Übersicht

Übersetzer-Probleme mit dem Pidgin-Englisch des Originals:

Das Pidgin-Englisch der Dialoge kann man so oder so nicht sinnvoll übersetzen. In „Ein Haus für Mr. Biswas“ hat Karin Graf es in Normaldeutsch übertragen – das lässt sich gut lesen, auch wenn es auf Englisch natürlich ungleich würziger ist.

Die Eindeutschung des „Masseurs“ verwendet einen anderen Ansatz: Das Pidgin wird in ein bizarres Kaputt-Deutsch übertragen, das zu lesen mir schwer fiel:

  • Die Eltern von Suruj nennen sich bei Naipaul immer wieder „Suruj Mooma“ und „Suruj Poopa“. Karin Graf macht daraus „Pappa von Suruj“ und „Mamma von Suruj“.
  • Die aufstoßende Tante heißt im Buch meist „The Great Belcher“. Graf macht daraus „Der Große Rülpser“ – das ist sogar mehrfach missverständlich.
  • Die neureich gewordene Leela redet ein distinguiert-bizarres Spezial-Pidgin. Graf macht daraus z.B.: „Es üst mür zu hoch, warum sie ühm nücht was Dückes an den Kopf werfen tun.“

Man könnte es wohl etwas besser übersetzen – doch wirklich adäquat bringt man Naipauls Perlen so oder so nicht ins Deutsche, speziell der „Masseur“ ist besser auf Englisch.

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