Karibik-Reise-Bericht: The Middle Passage, von V.S. Naipaul (1962, dt. Auf der Sklavenroute) – 6 Sterne

1960 reist V.S. Naipaul fast sieben Monate lang durch fünf Karibik-Staaten. Alle haben gemischtrassige Bevölkerung mit Wurzeln in Afrika, Indien und Europa, sind von Kolonialherrschaft und Sklaverei geprägt, stehen mit einer Ausnahme vor dem Übergang in die Unabhängigkeit – ideale Naipaul-Themen.

Um diese Länder geht es:

  • Trinidad & Tobago, britische Kolonie bis 1962, ca 50 Seiten
  • Britisch Guyana oder einfach Guyana, britische Kolonie bis 1966, ca. 85 Seiten inklusive einem Ausflug nach Brasilien
  • Surinam, wie Britisch Guyana auf dem südamerikanischen Festland, niederländische Kolonie bis 1975, ca. 29 Seiten
  • Martinique, bis heute französisches Überseedepartment, ca. 19 Seiten
  • Jamaika, britische Kolonie bis 1962, ca 24 Seiten inkl. Aufenthalt auf Antigua

Kritische Töne:

Im Trinidad- und im Jamaika-Teil schreibt V.S. Naipaul weitgehend allgemein und sehr kritisch: „The Negro“ und „the Indian“, darüber räsoniert er. Er spricht der gesamten Karibik und speziell den Afrika-stämmigen Bewohnern jede Kultur ab und zeigt Trinidadians als abhängig von US-Konsumsitten, US-Filmen und -Radio.

Vernünftige Autoren habe die Karibik auch nicht. Seine eigenen Trinidad-Romane, geschrieben in England, und deren Aufnahme in Trinidad erwähnt V.S. Naipaul nicht. Naipauls bekanntester Trinidid-Roman, Ein Haus für Mr Biswas, war kurz vor der Karibikreise fertig geworden (die New York Times schildert das schwierige Verhältnis Naipauls zu seiner Heimat Trinidad: „If the measure of a writer’s success is the ire he provokes, then V. S. Naipaul is a spectacular success in Trinidad“).

Bis 1950 hatte Naipaul selbst auf Trinidad gelebt, bevor er mit einem Stipendium nach Oxford zog. Nach einem Besuch 1956 war die Reise 1960 erst die zweite Rückkehr nach Trinidad. Zu der Zeit war das Land auf dem Weg in die Unabhängigkeit, und Naipauls gesamte Karibikreise wurde von der Regierung in Port of Spain bezahlt.

Nicht so unterhaltsam:

Kaum einmal bringt Naipaul im Trinidad-Kapitel das unterhaltsame Pidgin, das alle seine Trinidad-Romane auszeichnet. Es gibt keine einzige, intensive Begegnung im Stil seiner späteren Reise-Bücher. Laut Patrick French wohnte Naipaul auf Trinidad bei seiner Familie, später kam auch seine Frau Patricia dazu, doch all das erwähnt er mit keinem Wort.

Naipauls kritische Schilderung der Verhältnisse werteten englische Konservative wie Evelyn Waugh als Kritik an den Unabhängigkeitsbestrebungen (Quelle: Patrick Frenchs Naipaul-Biografie). Freilich sagt Naipaul nirgends, dass es mit den Engländern besser laufen würde.

Ähnlich unergiebig wie Trinidad sind die Jamaika-Seiten am Ende: Naipaul schildert allgemein die Rasta-Bewegung und die Ausstrahlung der Schwarzen auf Jamaika; dann schließt das Buch mit drei Seiten in einem Luxushotel – dies fast die einzige Erfahrung mit üblichem Karibik-Tourismus.

Palaver auf dem Dampfer:

Viel mehr Dialog als alle Länder-Berichte bringt Naipauls Beschreibung der Anreise ab England auf einem spanischen Dampfer (ca. 32 Seiten), der vor allem Immigranten transportiert. Hier klingt Naipaul zudem einigermaßen verächtlich – ein Ton, der später gelegentlich wiederkehrt.

Erst in Guyana (bei Naipaul British Guyana) entsteht die typische Atmosphäre Naipaulscher Reisebücher, der Unterschied zum vorhergehenden Trinidad-Teil könnte nicht größer sein: In Georgetown und im Rupununi-Distrikt gibt es Diskussionen mit kuriosen Menschen, Besuche, missmutiges Arrangieren mit unbequemen Umständen. Gelegentlich wird Naipaul hier sogar witzig und er unternimmt eine beschwerliche Fahrt ins Landesinnere.

Gemischter Eindruck:

Die Kapitel über Surinam, Martinique und Jamaika wirken dann schwächer. Naipaul besucht Fabriken, Tanzvorführungen und reiche Leute, teils organisiert von staatlichen Behörden. Manche Stationen wirken  beliebig.

In Martinique lobt Naipaul, ähnlich wie Peter Biddlecombe in Travels with My Briefcase, den Kolonialismus französischer Prägung im Vergleich zur englischen Kolonialherrschaft. Dennoch gefällt ihm das Land nicht – „i was getting tired of the French colonial monkey game„: Die schwarzen Bewohner spielen sich zu sehr als Franzosen auf.

Naipaul schreibt durchgehend ruhig und ohne je Lust auf die Karibik zu machen. Kleine Zumutungen, unhygienische Zustände und eigene Geldnöte notiert er akribisch, lakonisch, mitunter leicht larmoyant (NYRB: „stoic traveler“). Möglicherweise ausgeglichener ist das Karibik-Buch eines anderen bekannten Reise-Autors derselben Ära – Patrick Leigh Fermors The Traveller’s Tree (1950, dt. Der Baum des Reisenden); ich habe es angelesen, es wirkte mir jedoch zu touristisch und flach, u.a. mit Beschreibungen von winkenden Negern und Zigaretterauchen am Strand).

Fazit:

The The Middle Passage (dt. Auf der Sklavenroute) ist Naipauls erstes Reise-Buch. Kurz nach Fertigstellung Anfang 1962 brach er erstmals nach Indien auf, dem Land widmete er schließlich drei dicke Reise-Bücher; außerdem folgten zwei Naipaul-Bücher über islamische Länder und zuletzt Afrikanisches Maskenspiel. Das erste und das letzte Reise-Buch sind am schwächsten, also Middle Passage und Afrikanisches Maskenspiel.

V.S. Naipaul - Weitere Empfehlungen auf HansBlog.de:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.