Rezension Kambodscha-Spielfilm: Eine Liebe nach dem Krieg (1998, Regie Rithy Panh) – 2 Videos – 8 Sterne

Die Handlung ist kein Highlight – ein Kriegsheimkehrer schlägt sich in Phnom Penh durch, möchte Liebe finden. Aber die Stimmung, die Schauspieler, die Fotografie machen die „Liebe nach dem Krieg“ zum Ereignis (engl. An Evening after the War; frz. Un soir après la guerre). 

Ein Film ganz ohne Khmer- oder Asien-Romantik:

Ohne die Weltwunder-Tempel von Angkor Wat; ohne niedliche Kinder und hinreißende Frauen mit dem legendären „sourire Khmer“; mit viel Phnom Penh zwar, doch ohne die hübsche Uferpromenade dort, stattdessen bröckelnde Straßen voller Müll.

Sensationell die ersten Szene: ein Zug bahnt sich den Weg durch geflutete Reisfelder, viele Passagiere sitzen auf dem Dach, die Kamera kreist noch weit über ihnen, ein Ochsenkarren neben den Schienen – diese Sequenz habe ich schon viele Male gesehen, auf dem Laptop und an der Wand, sie trägt einen fort, selbst wenn die Figuren an der Zugspitze schwere Waffen schwingen.

„Abend nach dem Krieg“ zeigt keine schwüle Kolonialromantik à la „Duft der grünen Papaya“ oder „Indochine“. Die Leute sind von den Greueltaten der Khmers Rouges traumatisiert, die Vergangenheit ist grausam, die Gegenwart mehr als ernüchternd.

Keine Zeit für hochfliegende Träume:

Savanna (der gutaussehende Narith Roeun) verliebt sich ausgerechnet in eine Eintänzerin (Chea Lyda Chan). Savannas Onkel heiratet eine Witwe – kein sehr prestigeträchtiger Zug in Kambodscha, doch der Onkel witzelt: „Kalter Reis ist auch Reis. Eine Witwe ist auch eine Frau“. Das Leben muss weitergehen, auch wenn man noch so erschöpft ist.

Regisseur und Schauspieler sind Khmers, die meisten anderen Namen im Abspann klingen französisch, so auch Kameramann Christophe Pollock, der malerisch schöne, aber dennoch nicht verklärende Bilder schuf.

Die „Liebe nach dem Krieg“ wirkt so echt, das gibt es alles wirklich, und zwar auch heute noch:

Die halbfertigen, aber vollständig bewohnten und längst wieder verfallenden Hochhäuser in Phnom Penh; die verstreuten Zuckerpalmen zwischen grünen Reisfeldern; das Gejaule in Karaoke-Mikrophone; die Motorradtaxifahrer mit ihren altertümlichen Daelim-Mopeds; die weißen Jeeps der Hilfsorganisationen (hier noch die UNTAC); die süßliche Khmer-Musik und die bezaubernden Handbewegungen beim langsamen Rundtanz in der Kaschemme; die ärmlichen Neonlichter auf dem Monivong-Boulevard; die blutigen Boxkämpfe zu quäkend einpeitschender Musik als letzte Verdienstmöglichkeit.

Die „Liebe nach dem Krieg“ wurde sichtlich draußen vor Ort gedreht. Damit wirkt der Film weit geerdeter, realistischer als der vietnamesische „Duft der grünen Papaya“, der in einem Pariser Studio entstand.

Und obwohl die „Liebe nach dem Krieg“ 1998 entstand und im Kambodscha von 1992 spielt, erscheint er weit realistischer als die 2009er-Kambodscha-Karikatur „Same Same But Different“ von Detlev Buck. Ehrliche Bilder von Phnom Penh nach der Jahrtausendwende zeigt Bertrand Taverniers Adoptions-Drama „Holy Lola“. Und Rithy Panh selbst hat mit „Das Reisfeld – Les gens de la riziere – Rice People“ (1994) einen schönen kambodschanischen Dorffilm produziert.


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