Kalkutta-Geschichten: The Weekenders: Adventures in Calcutta (2004) – 6 Sterne

Vorteile:

  • einige schöne Reportagen, teils literarisch verpackt, vereinzelt packend geschrieben
  • interessante Einblicke abseits der Touristenpfade

Nachteile:

  • innerhalb von 250 Seiten wechseln Autoren, Stile, Textgattungen, Thema und Qualität immer wieder
  • nicht immer wird klar, was Fakt und was Fiktion ist
  • keine Fotos
  • zwei Geschichten habe ich nach vergeblichen Versuchen abgebrochen (s.u.)

So ist das Buch aufgebaut:

Ein Mix zum Thema Kalkutta (Kolkata): eine Schriftstellergruppe von den britischen Inseln schreibt mal Reportagen, mal Kurzgeschichten, mal nur Hintergründe. Mal aus Calcutta-City, mal von den umliegenden Dörfern. Mal aus dem Elendsviertel, dann wieder geht es um Mittelschicht, Callcenter und ein Luxushotel (Hg. Andrew O’Hagan).

Die Autoren verbrachten nur vier oder weniger Tage in Kalkutta. Aufenthalt und Themenverteilung wurden präzise geplant. In Kalkutta gab es ortskundige Unterstützung, unter anderem von einer Kinderhilfsorganisation; das erklärt die erstaunliche Nähe der Autoren zu Bahnhofskindern, Leprakranken, mittellosen Landflüchtigen und Rotlichtbeschäftigten.

„Literarisches“:

Ich hatte eher Reportagen erwartet. Die „Weekenders“ schreiben aber teils auch literarische Texte, die sich vermutlich weitgehend – jedoch nicht belegt – auf Wahres stützen.

Manche Texte enthalten Geschichten und Reportagen, andere liefern Hintergründe. Einige Autoren mischen auch alles und das verwirrend:

So kommt Com Toibin in „Mercy“ erst auf die Klinikgründerin Marie Catchatoor, springt dann zu Mutter Teresa, dann zu den Parallen zwischen Calcutta, Dublin und Barcelona im 19. Jahrhundert, schildert schließlich Calcuttas bengalischen Aufbruch in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts und gleich danach die frustrierenden Erfahrungen eines todkranken Inders aus seiner Umgebung; darauf folgen die bengalischen Künstler Tagore und Satayjit Ray, schließlich geht es zurück zu Mutter Theresa.

Auch nicht optimal: Bella Bathurst nennt ihren Text zum Hoogly-Fluss „Nightfishing“, obwohl er nicht nur in der Nacht spielt. Eine Zeitlang beschreibt sie anschaulich das Leben links und rechts des Flusses, behandelt dann aber auf ein paar Seiten die Rolle der Gewerkschaften. Weiter hinten im Buch wählt Sam Miller die U-Bahn als Leitmotiv, das er dann aber über Seiten völlig aus dem Blick verliert.

Zuwanderer und Bahnhofskinder:

Eine kompakte und sehr anschauliche Kurzgeschichte um Zuwanderer vom Land und einen englischen Reporter liefert W.F. Deedes. Man würde nur gern wissen, wieviel davon wahr ist; sie klingt etwas „filmi“. Der damals 89jährige W.F. Deedes verbrachte für diese Geschichte 48 Stunden in Kalkutta.

Ganz ohne westliche Darsteller schreibt die aus Bangladesh stammende, in England lebende Monica Ali traurig und packend über Bahnhofskinder. Ihre fesselnde, sehr lebendige Kurzgeschichte basiert auf Interviews im Waisenhaus – erzählerisch das Highlight aller „Adventures“.

Sehr literarisch wirkt auch „Realitiy Orientation“, das wohl längste Stück im Buch; eine Inderin erzählt hysterisch von ihrer gefährlichen Krankheit; nach zwei Seiten habe ich weitergeblättert, doch auch in der Mitte der Geschichte fand ich keinen Satz, der mich wachhielt. Dieses eine „Adventure in Calcutta“ habe ich abgebrochen.

Erst im nachhinein realisierte ich, dass der Autor Irvine Welsh („Trainspotting“) ist. Männer, die weibliche Ich-Erzähler erfinden, haben mich noch nie überzeugt (hier lässt zudem ein Schotte eine Inderin sprechen).

Etwas unglaubwürdig wirkt umgekehrt aber auch Victoria Glendennings wohl erfundener Engländer, der sich in Kalkutta in eine kranke, elend arme Rotlichtarbeiterin verliebt. Das Leben im Rotlichtviertel beschreibt Glendenning jedoch scheinbar sehr realistisch.

Englands einstiger Cricketstar und heutiger Cricketjournalist Michael Atherton schreibt über zwei Generationen von Cricketfans in Indien – sehr heterogen eingebettet eine dörfliche Vater-und-Sohn-Geschichte. Der zweite Text, den ich letztlich abgebrochen habe.

„Realistisches“:

Meine Lieblingsstücke hier sind schlichte, gut geschriebene Berichte ohne belletristische Ambition: Eine fast klassische Reportage steuert der BBC-Mann Sam Miller bei. Auf wenigen Seiten liefert er ein Dutzend erstaunlicher Begegnungen, oft unterhaltsam, aber auch anrührend. Zwischendurch ist sogar Platz für ein zauberhaftes Tagore-Gedicht. Miller schildert eine Stadt voller eigenwilliger, aber gebildeter und sehr kulturinteressierter Individualisten – und bestätigt damit das einzige positive Kalkutta-Klischee.

Miller liefert einen der zwei Texte, die tatsächlich Lust auf eine Kalkutta-Reise machen. Der andere stammt von Komiker und Buchautor Tony Hawks, ein humoristischer (satzweise zu deutlicher) Report über den „Laughing Club“ im Stadtpark und seinen Selbstversuch als Rikschahwallah. Diese Autoren wollen unterhalten und informieren, ohne literarisch zu überhöhen.

Luxushotel und Frisiersalon:

Die Angestellten eines Luxushotels, dessen Einzelzimmer online ab 100 Euro pro Nacht kosten, erzählen nett, aber wenig tiefgründig aus ihrem Leben. Man möchte auf jeden Fall gern mal bei ihnen im Sonar Bangla wohnen und beim Servieren zusehen.

Dazu kommt noch Jenny Colgans Besuch in einem Friseursalon. Dort erfahren wir einiges über den Stress indischer Bräute. Sie behauptet, fast alle indischen Männer stimmen einer arrangierten Ehe zu, während die Inderinnen generell die Liebesheirat bevorzugen – das passt wohl nicht zusammen. Ihr Text ist aber zu sprunghaft, ohne Fokus, endet mit ihrer Verlobung in England.

Sehr elegant nimmt die zweite Geschichte des Buches das Ende von Story 1 auf. Oder ist das nur Zufall? Weitere solche Übergänge oder Querbezüge habe ich – obwohl im Vorwort versprochen – nicht entdeckt. Mehrere Kritiker, etwa von Outlookindia, weisen auf Schlampigkeit und inhaltliche Fehler hin.


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