Rezension Jungehe-Film: Blue Valentine (2010, mit Ryan Gosling, Michelle Williams) – mit Trailer – 8 Sterne

Krankenschwester Cynthia (Michelle Williams) und Anstreicher Dean (Ryan Gosling) sind seit fünf Jahren verheiratet und haben eine Tochter. Der Spielfilm zeigt die Phase, in der sich Dean und Cynthia kennenlernen und zusammenkommen; und eine Phase fünf Jahre später, in der die Beziehung stark kriselt. Die Zeitebenen wechseln immer wieder, beim ersten und zweiten Mal verwirrt dieser Wechsel.

Nüchternes Ambiente:

Der Film wirkt sehr echt und nüchtern, das Ambiente ist schlicht bis hässlich. Die Gefühle erscheinen ausgesprochen echt und authentisch (Williams spielt besser als Jahre später im Beziehungskomödram Take this Waltz).

Nachdem der Kennenlern-Teil des Films gedreht war, wohnten Williams und Gosling zur Vorbereitung auf Teil 2 einen Monat lang im Filmhaus zusammen, um zu „altern“ und sich aneinander zu gewöhnen. Beide hatten auch seit Jahren am Blue Valentine-Drehbuch mitgearbeitet.

Diese Produktionsweise erinnert etwas an die Paar-Filme von Richard Linklater mit July Delpie und Ethan Hawke, auch dort schreiben die Darsteller mit am Buch. In Blue Valentine improvisieren die Darsteller offenbar teils (zum Beispiel bei der Straßenszene, die mit Ukulele und Tanz endet); bei Linklater gibt es wohl keine Improvisation.

Egomane:

Freilich: Dean als Mensch ist von Anfang an eigenwillig – amüsant, auch rührend, aber eher kein Partner fürs Leben. Im Teil, der fünf Jahre später spielt, wird Dean zum arroganten, selbstverliebten Egomanen, immer mit leicht abgedunkelter Brille und altklugen Sprüchen. Sehr gut gespielt, aber ein unmöglicher Typ.

Nur weil Cynthia so gutherzig ist, hält sie es noch mit ihm aus. Aber für den Zuschauer ist der Klugschwätzer und Frauennichtversteher Dean schwer zu ertragen; man wünscht Cynthia zu ihrem eigenen Besten einen baldigen Zusammenbruch der Ehe.

Realistisch:

Gut gelungen: der Altersunterschied von fünf Jahren wirkt im Film sehr plausibel. Allerdings singt Gosling einen Song zur Ukulele, der so peinvoll klingt wie Deans Geschwafel – und zu oft ertönt. Einige allgemeine Sätze über die Liebe – teilweise auch als Romanzitat oder Songtext – wirken aufdringlich banal; ein weiteres längeres Palaver über Beziehungen landete zu Recht in den nicht verwendeten Szenen.

Die Kamera ist ausgesprochen gut, ohne sich je aufzudrängen; sie ist immer nah an den Figuren dran. Viele Einstellungen wurden leicht kontrastverstärkt und entsättigt, ein inzwischen überstrapazierter Effekt, der leicht grungy wirkt, aber gut zu den Straßenszenen aus ärmeren Teilen New Yorks passt.

Die Bluray:

Die Bluray hat deutschen und englischen Ton jeweils nur in 5.1. Die deutsche Synchro wirkt wenig lippensynchron, teils unstimmig eingedeutscht, die Stimmen klingen unpassend.

Die englische Tonspur ist sogar technisch klarer; allerdings reden die Darsteller so vernuschelt, vor allem Gosling, und die Hintergrundgeräusche sind so stark, dass man dem englischen Dialog kaum folgen kann. Untertitel gibt es nur auf Deutsch; schade, schade: ich sehe englischsprachige Film am liebsten mit O-Ton und englischen UT.

Das Making-of:

Im 13minütigen Make-of loben sich die Hauptdarsteller und Regisseur Derek Cianfrance genretypisch über den grünen Klee (Englisch ohne Untertitel). Es gibt interessante Informationen zur Filmentstehung, die man freilich auch bei Wikipedia oder IMDB lesen kann.

Das Making-of zeigt keine Hintergrundbilder vom Filmset: Man sieht sekundenweise die Sprecher auf einem Stuhl, dann erscheinen Bilder aus dem Film. Interessant jedoch im Making-of: Cianfrance sieht fast aus wie Gosling, während Williams so gar nicht an ihre Filmfigur Cynthia erinnert.

Die Bluray bietet noch einen Kommentar in voller Filmlänge von Regisseur Cianfrance und Cutter Jim Helton in sehr klarem Englisch (keine Untertitel); außerdem sechs Minuten völlig zu Recht nicht verwendete Szenen (der Hauptfilm dauert ohnehin fast zwei Stunden).

Kritiken:

Der Film und seine Darsteller wurden für viele Preise nominiert, unter anderem mit einer Oscar-Anwartschaft für Michelle Williams als beste Darstellerin. Letztlich erhielt Blue Valentine jedoch nur wenige Auszeichnungen. Professionelle Kritiker lobten den Streifen meist für seine sehr intensive, starke Darstellung einer bröckelnden Ehe.

  • Rotten Tomatoes: Zusammenfassung englischer Kritiken, Durchschnittswertung 87 Prozent Zustimmung
  • Metacritic: Zusammenfassung englischer Kritiken, Durchschnittswertung 81 Prozent Zustimmung
  • IMDB: Publikumswertung 7,4 von 10 Sternen (Oktober 2014, 116.600 Stimmen, Männer und Frauen fast gleich)
  • Zitate aus deutschen Rezensionen
  • TV Spielfilm: „Großes kleines Kino“

Das sagen die Profis:

„Derek Cianfrance’s film is a sombre, painful portrait of a toxic marriage, often touching and sometimes moving, though occasionally contrived and self-conscious in its effects.“

„Regisseur Derek Cianfrance liebt es, seine Figuren in dichten Nah-Aufnahmen vorzustellen, mit harten Schnitten die Ebenen zu wechseln, und die Szenen langsam zu inszenieren.“

„Williams plays this tired, disillusioned, chronically angry woman without a trace of actorly vanity. It’s a performance noteworthy not just for its intensity but for Williams‘ ability to communicate inner experience at a micro-level of detail… There are a few narrative details that feel contrived, a little pat.“

„Ryan Gosling and Michelle Williams give two of the most explosive and emotionally naked performances you will see anywhere.“

„Cianfrance has two of the best actors in America at his disposal here… the most detailed, believable performances possible… by closely observing their performances we can understand both why their characters are right for each other and why they’re not.“

„Every scene is scripted to be the most emotionally devastating moment in all of American cinema.“

„a close-up, impressionistic style… a meaty, strongly realized dramatic work of considerable accomplishment… the impression of eavesdropping on real life



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