Rezension Italien-Bericht: Der Himmel über Kalabrien. Ein italienisches Familientreffen, von Annie Hawes (2006, Teil 3 der Trilogie) – 7 Sterne

Ingesamt erinnert das Buch (engl. Journey to the South: A Calabrian Homecoming) deutlich an Annie Hawes‘ zwei vorhergehende Italienbände (s.u.); man liest sie am besten vorher, muss es aber nicht unbedingt.

Vorzüge:

  • Hawes versucht, Sitten, Speisen und Personen sehr genau zu beschreiben. Sie lernt alles gut kennen, weil sie offensichtlich gut Italienisch und teils auch Ligurisch versteht und weil sie sich gutmütig auf ihre Rolle als Schwiegertochter in einer italienischen Familie einlässt; andere Mitteleuropäerinnen hätten vielleicht nicht so entspannt mitgespielt.
  • Die besten Portraits liefert Hawes über ihre italienischen Schwiegereltern in spe, Francesca und Salvatore. Francescas erzwungene arrangierte Heirat vor 50 Jahren ist vielleicht der anrührendste Moment in einem Buch, das ansonsten auf Lacher und ein paar bedrohliche Mafia-, nein, ‚Ndrangheta-Momente setzt.
  • Viele Besonderheiten über Kalabrien und allgemeiner über Unterschiede zwischen den italienischen Regionen, mit Seitenhieben auf die arroganten Bewohner der Toskana.
  • Interessant auch der Blick auf den halb heimatlosen Zustand der nach Ligurien ausgewanderten Kalabrier, die nun „an die Stiefelspitze“ zurückkehren.
  • Kurze, reizvolle Einblicke ins Italienische, Ligurische und Kalabrische.
  • Wie immer ein sehr genauer Blick aufs Essen.
  • Einige gute Lacher (alle lustigen Bücher auf HansBlog.de).
  • Wie in früheren Büchern einige praktische Erfahrungen mit Steuerhinterziehung, Betrug, hier auch Mafia.
  • Diesmal auch geschichtliche Hintergründe, vielleicht etwas zu ausführlich.
Bücher, die auf Englisch erschienen, lese ich im Original.

Bücher, die auf Englisch erschienen, lese ich im Original, so auch diesen Annie-Hawes-Band Extra Virgin, deutsch Die Oliven von San Pietro, Teil 1 der Trilogie.

Nachteile:

    • Über sich und ihren Liebsten verrät Hawes wie in den vorhergehenden Büchern wenig. Ihr Ciccio ist Morgenmuffel und leidenschaftlicher Koch; ansonsten erfährt man nur ein paar Kauzereien.
    • Ein paar Geschichten bleiben offen, so der Hintergrund der undurchschaubaren Vincenza.
    • Hawes schreibt wieder in hochtourigem Plaudertaschenton mit viel salopper Umgangssprache, immer wiederkehrenden Phrasen und ganzen Ketten überflüssiger rhetorischer Fragen. Jede zweite dieser Fragen endet auf „…, then?“, Aussagesätze ertrinken im Partizip Präsenz (ich hatte die englische Ausgabe). Ein reduzierter Duktus würde das Buch deutlich aufwerten.
    • Hawes beginnt verwirrend mit verschachtelten Rückblenden, wird dann aber schnell überschaubar.
    • Wir hören nichts davon, wie es Hawes mit ihren ersten zwei Italien-Büchern erging, wie sich die (nicht immer vorteilhaft portraitierte) italienische Familie dazu positionierte und ob der Kalabrienausflug aus diesem Band bereits als Buchmaterial eingeplant war.
    • Manche Beschreibungen von eigentümlichen Gebäuden wirken wenig nachvollziehbar, ein Foto wäre besser.

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