Buchkritik Italien-Auswanderer: Die Oliven von San Pietro, ein italienisches Abenteuer, von Annie Hawes (2003, 1. Teil der Trilogie, engl. Extra Virgin) – 7 Sterne

Ich habe oft und laut gelacht. Und ich habe einiges gelernt: Italienisch, Ligurisch, Mentalität, Küche, Landwirtschaft. Ich konnte das Buch zeitweise kaum weglegen.

Fragwürdiger Ton:

Annie Hawes schreibt mit hochtouriger, deftiger und übertrieben wortreicher Ironie. Das ist unterhaltsam; man hat aber auch das Gefühl, dass sie dabei ihre italienischen Nachbarn verrät.

So sah Hawes es wohl auch selbst, denn zumindest bei Erscheinen des Buchs 2001 (englischer Titel Extra Virgin – Amongst the Olive Groves of Liguria) wollte sie laut einem Observer-Bericht bewusst keine italienische Ausgabe zulassen (und die Namen wurden offenbar außer bei Ihrer Schwester nicht geändert).

Mitunter klingt der Ton schon verächtlich, und manche Dinge werden zu oft wiederholt, etwa die Hinweise auf Taschentücher als Kopfbedeckung und die streng eingehaltenen Essgewohnheiten. In einem Interview betont Hawes gleichwohl, dass sie genau diese karikierende Darstellung vermeiden wollte.

Bücher, die auf Englisch erschienen, lese ich im Original.

Bücher, die auf Englisch erschienen, lese ich im Original, so auch diesen Annie-Hawes-Band Extra Virgin, deutsch Die Oliven von San Pietro, Teil 1 der Trilogie.

Besonders aufmerksam schildert Hawes das Beziehungsgeflecht im Dorf, die Haltung gegenüber den meist deutschen Touristen unten am Strand und viele skurrile Dorffehden und andere Minidramen; dabei skizziert sie auch Ereignisse, in die sie selbst nicht involviert war – und liefert so Einblicke, die andere Auswanderer-Bücher nicht bieten. Auch die Haltung des Liguriers zum Essen erklärt Hawes amüsant auf vielen Seiten.

Davon redet Hawes weniger:

Weit weniger erfahren wir von den Fortschritten beim Hausbau oder von rechtlichen Dingen, das interessiert sie kaum. Ohnehin lässt sie einiges aus, zum Beispiel erwähnt sie ihre  regelmäßigen Arbeitsaufenthalte in England praktisch gar nicht, ebensowenig wie ihren Sohn. Wir wissen nicht einmal, womit sie in den Wintern in England Geld verdient.

Ob etwas im ersten oder eher im fünften oder fünfzehnten Jahr ihres Ligurien-Abenteuers passierte, verrät Hawes oft gar nicht – so verschwimmt der zeitliche Ablauf, das Ganze wirkt weniger konkret. Das erscheint umso unglücklicher, als Extra Virgin zunächst streng chronologisch beginnt, sich dann aber irgendwann von der Zeitachse wegstiehlt.

Trotz des chronologischen Salats gefällt mir dieses Hawes-Buch einen Tick besser als Teil 2 und 3 der Trilogie (s.u.), wohl weil hier alles anfängt und deshalb besonders frisch wirkt. Und ihren überdrehten Plauderton legt Hawes in keinem ihrer Bände über Italien ab.

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