Rezension iranischer Ehe-Film: Nader und Simin – Eine Trennung (2011) – 8 Sterne

Man sieht praktisch kein Lächeln. Abgesehen von ein bisschen Radio gibt es keine Filmmusik, außer beim Abspann, und die klingt dann falsch süßlich. Es gibt nichts Schönes und keine reinen Farben: Alles erscheint blass grau, dreckig beige, stumpf grünlich, oft etwas verwaschen-verkommen.

Alltag in einer anstrengenden Stadt:

In dieser freudlosen Kulisse inszeniert Autor und Regisseur Asghar Farhadi ein beklemmendes, packendes Familiendrama, das einen Auslandsoscar und viele weitere Preise erhielt: Es geht um eine bevorstehende Scheidung, um Demenz in der Familie, überbordende Verschuldung, um einen tragischen Unfall mit unklarer Schuld, um nützliche Lügen.

Der Film zeigt Alltagsmenschen der städtischen Mittelschicht im Iran, die oft so authentisch und natürlich wie in einer Dokumentation wirken. Ein faszinierendes, packendes, beklemmendes, wenn auch humorfreies Drama um Menschen wie Sie und ich.

Die Handlung zieht sich zu, der Konflikt verstört, Gefängnis droht, nur Lügen bieten einen Ausweg; doch die Akteure arbeiten zäh, verbissen, ernsthaft, meist ruhig an ihrer Situation – so wie sie vermutlich auch ihr tägliches Überleben im nervenzehrenden Moloch Teheran organisieren.

Der Einfluss der iranischen Regierung:

Ein totalitäres, anti-westlich fundamentalistisches Regime hat diesen Film genehmigt und manchmal gefördert (nicht finanziell, aber mit der Oscar-Bewerbung), manchmal kritisiert und behindert. Merkt man das? Kaum:

Die Leute kämpfen mit Alltagsproblemen, versuchen die Waschmaschine in Gang zu bringen, hören CDs, tragen Jeans, lernen Englisch und verwenden innerhalb des Persischen ein paar englische Ausdrücke wie „Card“. Einmal hält der Vater seine Tochter an, persische statt arabischer Ausdrücke zu verwenden, selbst wenn sie dafür Punktabzug in der Schule bekommt – eine Distanzierung von der dominierenden arabisch-islamisch geprägten Kultur. Er lehnt es vor Gericht übellaunig ab, zu Gott zu schwören und seine Filmfrau sagt dem Scheidungsrichter, der Iran biete der Tochter keine Zukunft.

Polizei, Justiz und Krankenwesen wirken im Film ärmlich, aber korrekt und zugänglich – ob das realistisch ist, weiß ich nicht. Eher negativ stehen die am deutlichsten religiösen Figuren da. Nader und Simin könnte auch Parallel Cinema aus Indien sein oder ein neorealistischer Nachkriegsstreifen aus Italien.

Gut gefilmt, gute DVD-Qualität:

Ein oder zweimal zeigt Farhadi Geschehnisse scheinbar vollständig, doch weit später im Film erfahren wir, dass ein wichtiges Detail ausgelassen wurde, die Situation erscheint in einem anderen Licht. Etwa zu oft sieht man die Akteure Türen durchqueren oder hinter Glasscheiben.

Schön gefilmt, wirkt das DVD-Bild auch auf einem Full-HD-Beamer scharf, tief und nuanciert – passend zu einer nuanciert erzählten Geschichte. Wie Farhadi es schafft, dass wir den ganzen Abspann in perso-arabischer Schrift noch gespannt mit verfolgen, das ist fast schon augenzwinkernd.

Ebenfalls empfehlenswert von Asghar Farhadi ist Fireworks Wednesday, 2006: Ein Beziehungsdrama in Teheran, in dem viel geredet und dabei gelogen wird (anstrengend, wenn man es mit Untertiteln sieht), voll überraschender Entwicklungen und zu oft wechelnder Perspektiven, immer im Malstrom Teherans, mit sehr natürlichen, menschlichen, beeindruckenden Darstellern, unruhiger als Nader und Simin.


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