Rezension Iran-Sachbuch: City of Lies, von Ramita Navai (2014, über Teheran) – 7 Sterne

Navai schreibt professionell gut, spannend (ich hatte das englische Original). Sie verschafft verblüffende Einblicke in ein völlig unbekanntes Teheran, jedesmal packend erzählt, nie mit Happy End. Sie baut Statistiken, exotische Pressemeldungen und Staatskunde gekonnt ein.

Navai berichtet aus einem einzigartigen Land über die ungewöhnlichsten Figuren, die eine ehrgeizige Reporterin für den umkämpften englischsprachigen Pressemarkt auftreiben kann. Man lernt auch etwas Farsi dabei und das Buch streift Aktualitäten wie die gescheiterte grüne Revolution von 2009 und die Rohani-Regierung ab 2013.

Wie schreibt die Profi-Journalistin?

Allerdings wirken Navais fiktionalisierte Reportagen auch etwas geschriftstellert: Sie sucht gewollt dramatische Einstiege, schreibt im Präsens, pflegt einen kühl raunenden Ton, springt zwischen Zeitebenen. Und Navai packt – Story für Story – alles ins Buch, was Aufsehen verspricht: Prostitution, Exekution, Homosexualität, Transsexualität, Analsex, Analvergewaltigung, Heroin, Pornoproduktion, Pornosprache (gelegentlich), schnelles Geld, rallige Mullahs, prügelnde Militante, weinende Soldaten.

Und das alles in Teheran, im Iran, ein Land, das viele zu Unrecht für unzugänglich halten. Die vielen Lügen und der islamische Fanatismus sind da nur Beiwerk.

Hier sehe ich Schwächen:

Aber auch wenn sie noch so routiniert erzählt, Navai hat ihr Material nicht ganz im Griff; ihre Liebe zu Iran ist stärker als ihr schriftstellerischer Instinkt, die Geschichten splittern:

  • zu jeder erfundenen Reportage folgt erst am Buchende eine Seite mit tatsächlichen Hintergründen und Quellen
  • eine Geschichte bekommt noch einen weiteren Nachschlag im kurzen Nachwort
  • noch mehr Erklärungen liefern eine zusätzliche Nachbemerkung, eine Zeittafel ab 1921 und das Glossar.
  • wohl weil die Geschichten erfunden sind, packt Navai öfter zu viele Fakten und Figuren in eine Geschichte, die Hauptpersonen wechseln, der Fokus verschwimmt
  • etwas mühsam platziert Navai jeweils noch Bezüge zur Vali Asr Avenue: Teherans vielleicht längste und bekannteste Straße war wohl als Bindeglied für die Geschichten gedacht, diese Funktion tritt aber nur bruchstückhaft hervor
  • die Titel-Untertitel-Konstruktion des Buchs wirkt verkrampft.

Mit etwas mehr Lektorat und Glättung könnte City of Lies also deutlich runder wirken.

Konzentration auf Außenseiter:

Wer Youtube, MTV, Comedy oder Secret Diary of a Call Girl mag, wird Navais marktgerechte Geschichten erfreut konsumieren. Ich hätte gern mehr über „normale Leute“ gelesen in einem weniger gelackten Stil – doch Navai stellt gern Banditen, Prostituierte oder grobe Fanatiker in den Mittelpunkt.

Auch eine Geschichte aus der Sicht eines hohen Mullahs fehlt. Über weniger exzentrische Figuren in Iran schreiben immerhin sehr lesenswert Azadeh Moaveni (die City of Lies in der Financial Times lobte) und in seinen zwei Islam-Büchern V.S. Naipaul.


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