Indonesien-Roman: Liebe und Tod auf Bali, von Vicki Baum (1937) – 6 Sterne

Baums Sprache klingt altmodisch, manchmal gestelzt und ein bisschen hilflos, wie eine ungeschickte Übersetzung (1). Trotzdem hat der Roman eine eigene Stimme. Bei Baums etwas gekünstelt kindlichem Ton weiß man nicht recht: Wen findet sie selbst naiv – die Einheimischen, die Holländer, oder die Leser? Wir lernen Sitten, Gebräuche und Verhaltensmuster sehr genau kennen, manchmal baut Baum die Erklärungen etwas oberlehrerhaft ein.

Vielleicht stammen diese fast ethnologischen Abschnitte ja auch von Walter Spies, den Baum 1935 auf Bali besuchte; Bali-Kenner Spies soll Baums Roman redigiert haben.

Unter Balinesen:

Über sehr weite Strecken spielt der Roman nur unter Balinesen. Baum schildert sehr kundig und ohne jedes Urteil, dennoch wird überdeutlich, wo ihre Sympathien liegen.

So richtig lebendig als Mensch werden die Figuren nicht, sie erscheinen mitunter zu sehr als Typen – der Dorfweise, der schlichte Bauer, der Tänzer und Sonnyboy; die Liebesbeziehungen laufen sehr schematisch ab, fast klingt es wie im Groschenheft. Dennoch hat mich das Buch sehr beeindruckt und ich trug die Bali-Atmosphäre auch dann im Kopf, wenn ich den Roman gelegentlich für zwei Tage weglegte. Die langsam wachsende Drohkulisse hält die Handlung spannend.

Parallelen zu Achebe:

Liebe und Tod auf Bali hat deutliche Parallelen zu Chinua Achebes Alles zerfällt bzw. Things Fall Apart – ein anderer Roman über die zerstörerische Wirkung des aufkommenden Kolonialismus: Beide Geschichten zeigen zunächst nur einheimische Akteure, keine Weißen (sofern man bei Vickie Baum den Vorspann nicht mitzählt). Diese Einheimischen bewirtschaften ihre Felder, sind mit dem Leben insgesamt zufrieden, die Männer leben mit jeweils mehreren Frauen in schlichten, aber sehr geräumigen Anwesen. Anders als bei Achebe mischen sich auf Bali die Weißen erst sehr spät ein und nicht mit religiösen Argumenten.

Liebe und Tod auf Bali wird angeblich von einem gewissen Dr. Fabius erzählt, der im Einstieg als Ich-Erzähler auftaucht; doch auf den folgenden 490 Seiten tritt Fabius nicht ein einziges Mal in Erscheinung. (Fabius steht offenbar für Walter Spies.) Überhaupt wirkt der Einstieg wie nachträglich angefügt, auch wenn es ein paar Bezüge zur anschließenden Haupthandlung gibt.

Meine KiWi-Ausgabe zeigt auf dem Titelbild eine weiße Frau, doch weiße Frauen erscheinen nur auf circa drei der circa 500 Seiten.

(1) Der Roman erschien 1937, seit 1933 lebte Baum in den USA. Zu dieser Zeit hat sie ihre Bücher offenbar noch auf Deutsch geschrieben.


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