Rezension Indien-Spielfilm: Mr. and Mrs. Iyer (2002, mit Konkona Sen Sharma) – mit 2 Videos – 8 Sterne

Konkona Sen Sharma und Rahul Bose 2002 in einem hauchzarten Liebesdrama vor Terrorhintergrund in Nordindien. Der Arthouse-Film gewann Preise auf Festivals und spielte seine Produktionskosten mehrfach wieder ein.

Nichts für ganz zarte Gemüter:

Zugegeben, ganz kompetent bin ich für diese Besprechung nicht. Denn eine Minute lang, als eine vermutlich entsetzliche Gewaltszene bevorstand, habe ich die Augen geschlossen.

Diese eine Minute reicht weitgehend, um sich alle direkt gezeigte Gewalt in „Mr. and Mrs. Iyer“ zu ersparen. Doch indirekt droht permanent der Lynchmord durch religiöse Fanatiker: in Gesprächen, Gedanken, Drohungen, oder wenn Konkona Sen Sharma wegen des Gesehenen fast zusammenbricht.

Das drückt massiv auf die Stimmung – nicht nur bei den Akteuren, sondern auch bei mir. Die Mischung von sensibel Privatem und explosivem gesellschaftlichem Umfeld erinnert natürlich an Mani-Ratnam-Filme wie Dil Se – Von ganzem Herzen. Allerdings steht bei „Mr. and Mrs. Iyer“ das Private mehr im Vordergrund und es gibt keine bizarren Tänze.

Deutliche Botschaft, dennoch nicht zu aufdringlich:

Die Botschaft des Streifens lässt sich gar nicht überhören: religiöse Toleranz, nieder mit dem Kastenwesen. Auch wenn Regisseurin Aparna Sen ihr Anliegen überdeutlich zum Vortrag bringt, wirkt „Mr. and Mrs. Iyer“ weniger unangenehm belehrend als etwa Swades – Heimat von Ashutosh Gowariker oder „Delhi-6“ von Rakeysh Mehra. Vermutlich, weil „Iyer“ eine starke und überraschende Handlung hat, getragen von zwei sehr präsenten, lebensechten Hauptdarstellern. „Mr. and Mrs. Iyer“ beschränkt sich im Vergleich zu den genannten Filmen auch auf weniger Missstände.

In Bombay lief auf Wunsch der Polizei eine speziell gekürzte Fassung des Films: Zwei Szenen mit Tiraden gegen eine Religionsgemeinschaft wurden herausgeschnitten. Regisseurin Aparna Sen lehnte die Kürzung ab, zumal der Film schon die Zensurbehörde passiert hatte. Dennoch konnte Sen offenbar nichts gegen die Entscheidung der Produzenten unternehmen.

Zu den Hauptdarstellern:

Die Hauptdarsteller Rahul Bose und Konkona Sen Sharma, Tochter der Regisseurin, überzeugen auf ganzer Linie als Pärchen wider Willen. Die Annäherung ist langsam, poetisch und zumindest glaubhafter als in vielen anderen Filmen.

Wie die unauffällig gutaussehende Sen Sharma langsam vom hohen Ross einer tamilischen Brahmanin steigt, die Realität akzeptiert, einem eigentlich abgelehnten Muslim näherkommt, das zeigt Aparna Sen filigran, langsam, menschlich, anrührend – und gelegentlich fast märchenhaft romantisch.

Mehr Englisch als Hindi in diesem Film:

Die Dialoge sind überwiegend in Englisch – mit starkem indischem Akzent, aber gut verständlich. Denn die aus allen Teilen Indiens stammenden Filmfiguren haben keine andere gemeinsame Sprache.

Man kann den Film darum gut als Original mit Untertiteln sehen. „Mr. and Mrs. Iyer“ erfüllt keine Bollywood-Normen: nur 120 Minuten lang, ganz ohne Tanz-&Gesangseinlagen, Kamera und Licht ohne wilde Effekte, mit langsamer Entwicklung. Auch das Ende entspricht nicht der gängigen Bollywoodformel.

Die Sens:

Die Bengalin Konkona Sen Sharma spielt eine Tamilin, die einen Bengalen kennenlernt (gespielt von Rahul Bose, der tatsächlich zeitweise in Kalkutta, West-Bengalen, aufwuchs). Indische Kritiker lobten Sen Sharma für die perfekte Tamil-Darstellung bis hin zu Akzent und Schmuck; um sich die Besonderheiten anzueignen, verbrachte Konkona Sen Sharma zwei Wochen in Mylapore, Stadtteil von Chennai (Madras), Tamil Nadu, dem kulturellen Zentrum der tamilischen Brahmanen, die auch als „Iyer“ (englische Aussprache) bezeichnet werden.

Die Hauptdarstellerin ist die Tochter (*1979) der bekannten Arthouse-Regisseurin Aparna Sen (*1945). Sens Vater, Regisseur Chidananda Dasgupta, war mit der bengalischen Regielegende Satyajit Ray befreundet. Kleine Rollen spielte Aparna Sen bereits mit 11, danach trat sie in über 60 Bengali-Filmen auf, oft als Hauptdarstellerin, auch bei Satyajit Ray. Allmählich übernahm sie zusätzlich oder ausschließlich das Regiefach.

Aparna Sen ist Hindu. Das einjährige Baby Santhanam im Film ist ihre Großnichte Esha.

Kamera und Musik:

Aparna Sen diskutierte ihre Filmpläne mit ihrem langjährigen Freund, Regisseur Goutam Ghose. Der begeisterte sich schließlich so für den „Iyer“-Plan, dass er als Kameramann zusagte. Später schlug er ihr nachts um eins Filmmusik vor – über Telefon am Klavier.

Verwendet wurde jedoch letztlich Musik von Ustad Zakir Hussain, der seit den siebziger Jahren auch durch seine Zusammenarbeit mit John McLauglin in der Band Shakti bekannt ist. Als Zakir Hussain in Kalkutta auftrat, brachte „Iyer“-Hauptdarsteller Rahul Bose Aparna Sen und Konkona Sen Sharma mit Hussain zusammen.

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