Rezension Indien-Spielfilm: Monsoon Wedding (2001, Regie Mira Nair; mit Trailer & Szene) – 8 Sterne

Der Film zeigt ein permenanentes, mehrtägiges indisches Hochzeitschaos in Delhi. Und dann tun sich nebenbei noch die Abgründe auf – vorehelicher Ehebruch, Kindesmissbrauch, Geldprobleme, unerwartete Liebe, usw. usf. – und doch: „Monsoon Wedding“ fließt mit unerschütterlicher Ruhe auf eine Art Happy End zu, bleibt heiter, immer im Fluss, unaufhaltsam, mit viel schwungvoll orientalischer Musik und satten Farben… eine Pracht!

Das hat mir gefallen:

Gutes Buch, gute Darsteller, gute Kamera, tolle Regie und hervorragender Schnitt. Und während das allgemeine Treiben schon viel Spaß macht, gibt es hier und da noch kleinere Mini-Dramen mit Gags und Knüllern.

Die Handkamera ist stets nah dran an den Gesichtern, zeigt einen Raum oft in mehreren Schichten, ganz vorn im Bild angeschnitten noch eine Person in Nahaufnahme, dahinter weitere Konstellationen. So kommt man den Figuren noch näher, wird zum Komplizen ihrer versteckten, teils ungehörigen Gedanken und Pläne.

Mitten aus dem Leben gegriffen:

Die meisten Leute wirken wie mitten aus dem Leben gegriffen, allen voran die Brauteltern und Qualitätsgaranten Naseeruddin Shah und Lillete Dubey. (Dubeys Tochter Neha spielt auch mit, u.a. in der Tanzszene oben, sie ist heute Psychotherapeutin.)

Auch die meisten anderen Figuren erscheinen relativ natürlich, ohne Hochglanz und Überhöhung, so richtig klasse sieht niemand aus, vor allem nicht die Braut. (Wer eine Bollywood-Darstellung von scheinbar lebensechten Delhi-*Kleinbürgern* sehen will, legt „Delhi-6“ ein, 2009, Regie Rakeysh Mehra, Hauptdarsteller Abhishek Bachchan, tolle Nebendarsteller inkl. dem Monsoon-Wedding-Hochzeitsplaner Vijay Raaz, tolle Kamera, aber überfrachtetes Drehbuch.)

Alle Akteure fügen sich mühelos ins kunterbunte Großeganze. Es gibt kein Hauptdrama, nur etwa fünf fast gleichwertige Nebenhandlungen, die sich ohne jede Verwirrung gut nachverfolgen lassen:

Während „Monsoon Wedding“ heiter improvisiert wirkt, lag eben doch ein gut geprüftes Drehbuch zugrunde (anders als beim improvisierten, schwächeren Trishna) und nach zwei Wochen Proben und Yoga mit Regisseurin Mira Nair nahm man den Film in nur 30 Tagen in Delhi auf – um später einige Szenen in Bombay erneut zu drehen, weil das Röntgengerät am Flughafen mehrere Rollen zerstört hatte.

Kleinere Kritikpunkte:

  • Ein paar Figuren erscheinen zu überzogen, so Vijay Raaz in seinen ersten Szenen als Hochzeitsplaner, die Polizisten in der kurzen Regenszene und der forciert filzige Fernsehmoderator (eine Billigausgabe des noch dämonischeren Moderators (Anil Kapoor) aus „Slumdog Millionaire“).
  • Die Braut wirkt durchgehend selbstbezogen und selbstmitleidig. Man möchte meinen, dass sie angesichts der erwartungsvoll angereisten Verwandtschaft zumindest etwas aufgesetzte Freude zeigt.
  • Die TV-Kulturdebatte am Anfang des Films geriet zu plakativ.
  • Der deutsche Synchronton wirkt langweilig und unpassend, die Übersetzung gefällt mir nicht. Die deutschen Untertitel bieten bessere Information (der Originalton enthält zu rund 25 Prozent Englisch, davon ist etwa die Hälfte verständlich).
  • Im Lauf des Films kommt heraus, dass zwei Frauen Übles vom Onkel widerfuhr, in einem Fall brandaktuell. Wie sie das verarbeiten, auch darüber geht der Film letztlich hinweg.

Das Drehbuch stammt von Neuling Sabrina Dhawan, einer Nair-Studentin aus New York. Sie behandelte zunächst nur das Thema Kindesmissbrauch in der Familie, Nair brachte sie dazu, noch das komplette Hochzeits-Drumherum und die anderen Nebenhandlungen zu schreiben.

Kein typischer Bollywood-Film:

Gern sehe ich „echte“ Bollywoodfilme (in Bombay für ein eventuell weltweites, aber in indischer Kultur aufgewachsenes Publikum produziert). „Monsoon Wedding“ erfüllt die meisten Usancen dieser Filme nicht:

  • Die Hauptdarsteller sehen nicht gerade attraktiv aus.
  • Es gibt kein echtes, triumphales Happy-End.
  • Es gibt keine Tanznummern, in denen die Darsteller ihre reguläre Rolle verlassen und die Lippen zum Gesang bewegen (innerhalb der Filmparty wird genau das jedoch gespielt).
  • Alle Nebenhandlungen lassen sich trotz des vordergründigen Chaos‘ gut nachverfolgen, es gibt keine Handlungssprünge, Plausibilitätslücken und Logiklöcher; typische Bollywoodschinken verwirren oft viel mehr, sogar bei weniger komplexer Grundhandlung.
  • Ein paar Handlungsstränge rühren an Tabu-Themen (werden aber in „Monsoon Wedding“ ausgesprochen leicht konsumierbar und keinesfalls verstörend abgehandelt).

Nur in einem Aspekt wünschte ich mir wirklich mehr „Bollywood“ in „Monsoon Wedding“ – der Film könnte eine Stunde länger laufen.

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