Rezension Indien-Spielfilm: 36 Chowringhee Lane (1981, Regie Aparna Sen) – 7 Sterne

Iintensiver, deprimierender Film um eine alte Lehrerin, Engländerin, einsam und zurückgenommen, in Kalkutta nach der Unabhängigkeit.

Jennifer Kendal spielt die traurige Geschichte erschütternd gut:

Sie hat nicht viel Geld, wird an der Schule degradiert. Schließlich glaubt sie Freunde gefunden zu haben, ein junges Paar – und die Enttäuschung kommt punktgenau an Weihnachten. Auch die Lehrerkollegen und die jungen Leute überzeugen. Sogar die Katzen und Hunde.

Man sieht einen Kuss und eine blanke Frauenschulter. Offenbar deswegen bekam der Film in Indien die Einstufung „A“, nur für Erwachsene. Der Streifen läuft keine zwei Stunden und ganz ohne Tanz- und Gesangsspektakel. Es gibt auch keine Komik.

Zur Handlung:

Das junge Paar im Film schleicht sich bei der alten Dame nur ein, weil es verzweifelt einen verschwiegenen Platz für Stelldicheins sucht. Das scheint ein wichtiges Thema in Kalkutta zu sein: Sogar der Lonely-Planet-Reiseführer erwähnte mal bestimmte Park-Ecken in Kalkutta, in denen es nach Sonnenuntergang heiß hergeht, Einheimische haben mir ungefragt auch davon erzählt.

Etwas verblüffend dann im zweiten Filmteil, dass Nandita und Samaresh zur Hochzeit ein luxuriöses Eigenheim von den Eltern erhalten – vor der Eheschließung wollten sie sich kaum ein Taxi und gar kein Hotelzimmer leisten, konstruieren sich lieber einen Zugang zur Wohnung von Violet.

Hintergründe:

Bemerkenswert, dass Bengalin Aparna Sen in ihrer ersten eigenen Regie-Arbeit eine Engländerin in Indien mit ihren speziellen Problemen in den Mittelpunkt stellt – und zum guten Teil Englisch sprechen lässt. Lag das vielleicht an Hauptdarstellerin Jennifer Kendal?

Kendal verbrachte schon ihre Jugend überwiegend in Indien und tourte dort mit einer Shakespeare-Truppe; in „36 Chowringhee Lane“ unterrichtet sie zunächst Shakespeare an einer Schule. Sie heiratete Bollywood-Altstar Shashi Kapoor, der „Chowringhee“ auch produzierte.

Doch der Film, sagt Aparna Sen, entstand aus einer von ihr verfassten Kurzgeschichte, ohne Anregung von außen. Sie versuchte dann, Shashi Kapoor als Produzent zu gewinnen.

Andere Filme:

Meine DVD vom Eagle-Vertrieb hatte eine schlechtere Bildqualität als andere Filme aus der Epoche. Aus Aparna Sens früher Regiephase kann ich auch „Paroma“ (manchmal „Parama“) empfehlen, es ist ähnlich intensiv, mit dem Blick auf eine großbürgerliche Bengali-Familie in Kalkutta weniger westlich gefärbt, etwas dramatischer, etwas heller und hat wieder den poetischen Bildermaler Ashok Mehta an der Kamera.

Exzellent, anglophon und wieder ruhig-intensiv ist auch Aparna Sens 2002er-Regiearbeit „Mr and Mrs Iyer“, in der Hauptrolle ihre Tochter Konkona Sen Sharma.

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