Rezension Indien-Roman: Mister Alis Hochzeitsagentur für hoffnungslose Fälle – The Marriage Bureau for Rich People, von Farahad Zama (2008) – 7 Sterne

Behagliche Bürgergemütlichkeit in Visakhapatnam (Vizag), Andhra Pradesh, Indien: Das Rentner-Ehepaar Herr und Frau Ali eröffnet zu Hause eine Heiratsvermittlung, damit Staatsdiener a.D. Herr Ali die Gemahlin nicht immer bei der Hausarbeit stört. Mit viel Witz und etwas Schlitzohrigkeit verfügen die Alis schon bald über eine gut gefüllte Interessentenkartei. Besonders gut gehen gleich zu Beginn Mitglieder der Kapu-Kaste, Unterkaste: Baliga.

Diese doch sehr fremdartige Welt schildert Farahad Zama so beiläufig und selbstverständlich, dass man sich bei den sympathischen Alis kurzum zuhause fühlt und selbst nach einer Braut fragen möchte. Dabei steckt das detailreiche Buch voller Indien:  Wir erleben all die seltsamen Gebräuche ums Heiraten herum, sind aber auch beim Kochen dabei und wenn Herr Ali Hibiskus-fressende Kühe aus seinem Vorgärtchen scheucht.

Vorsicht bei den verschiedenen Ausgaben:

Die deutsche Fassung dieses Romans scheint es nur noch gebraucht zu geben – also Mister Alis Hochzeitsagentur für hoffnungslose Fälle in der Übersetzung von Karin Dufner. Diese Version habe ich gelesen.

Auf Englisch heißt der Roman The Marriage Bureau for Rich People, das Buch trägt sonst keinen Untertitel. Und Vorsicht: Zama schrieb ab 2009 drei Fortsetzungen, die man offenbar nur auf Englisch bekommt. Teil 2 trägt dann je nachdem Titel wie:

  • The Many Conditions of Love – Join the Marriage Bureau for Rich People (Buchcover)
  • Many Conditions of Love (Marriage Bureau for Rich People) [Englisch] [Taschenbuch] (bei Amazon.de)

Das ist wohlgemerkt schon der zweite Band. Alle Bände, die Marriage Bureau nur im Untertitel tragen, sind Fortsetzungen. Ich hier bespreche aber nur den ersten Band, den Beginn der Reihe, der einzig The Marriage Bureau for Rich People heißt bzw. auf Deutsch Mister Alis Hochzeitsagentur für hoffnungslose Fälle.

Doch etwas belehrend:

In der Regel wirkt der Roman The Marriage Bureau for Rich People nicht aufdringlich belehrend. Es gibt aber auch Ausnahmen, und gelegentlich meint man, dass der Autor möglichst viel „Indien“ in die Handlung packen wollte, von den Religionen bis zu korrupten Beamten (eine Aufgabe, die Aravind Adiga besser löst).

An einer Stelle erscheinen sogar abrupt Englisch-Übungsaufsätze von Frau Ali. Darin erklärt sie weitere Speisen und Sitten. Diese Informationen fügten sich wohl nicht mehr in die reguläre Handlung. Sehr nützlich auf jeden Fall: das Glossar am Ende des Buchs.

Liebenswertes Kleinstadttheater:

Tiefgang etwa zur arrangierten Ehe oder zu den geschilderten politischen Kämpfen darf man nicht erwarten – auch wenn der Autor selbst in einer von der Familie eingefädelten Ehe lebt (siehe Link oben). Auch wenn der Schauplatz Vizag eine Großstadt ist: Zama schreibt sympathisches, rustikales Kleinstadttheater mit dem Bestreben, die exotischeren Seiten seiner Heimat Indien der Reihe nach vorzuführen. Man folgt ihm heiter lächelnd.

Zama, heute in London lebender Inder, verklärt wohl etwas die vermisste Heimat. Ein indischer Kritiker monierte, dass ein moslemischer Ehevermittler wohl kaum Hindus beraten könne und schon gar nicht Bramahnen.

Schuld ist immer die Frau:

Zama beschreibt den enormen Druck auf Inderinnen: Sie müssen kostspielig verheiratet werden und belasten damit ihre Familien über Jahre. In einem Fall erwartet der Bräutigam 100.000 Rupien, ein Mofa und die Ausrichtung der Hochzeit. Und was immer auch schiefgeht, schuld ist die Frau:

Wird der Bräutigam krank, hat sich die Braut wohl nicht gekümmert. Erkrankt jedoch die Braut, war sie von Anfang ein Weichei. Doch nach einigen Wehwehchen und Problemchen löst sich der Roman in Friede, Freude, Eierkuchen auf. Bollywood lässt grüßen.

Gelungene Übersetzung:

Die gefällige deutsche Übersetzung von Karin Dufner bringt die Handlung mühelos vorwärts. Der leicht naive Klang passt gut zu der betont harmlosen, alltäglichen Handlung und den eher handgeschnitzten Akteuren. Obwohl Handys und Handy-Anrufbeantworter eine Rolle spielen, wirken gelegentliche Vokabeln wie „Kontaktdaten“ einen Tick zu modern.

Das Buch erschien 2008 als The Marriage Bureau for Rich People. Der englische Titel passt besser als der deutsche, Mister Alis Hochzeitsagentur für hoffnungslose Fälle: Denn Mr. Ali berät keine „hoffnungslosen“ Heiratskandidaten: die Eheaspiranten stammen vielmehr aus der (oberen) Mitte der indischen Gesellschaft.

Teil 2, die Fortsetzung The Many Conditions of Love, erschien im July 2009 auf Englisch. Die Hauptdarsteller tauchen wieder auf, und Rehman, der aufrührerische Sohn der Alis, verlässt das Feld der Politik – mit einer Dame, die schon im ersten Teil auftrat. Teil 3 und 4 sind auch schon zu haben (August 2014).

Der Autor:

Autor Farahad Zama begann in London aus Langeweile mit dem Buch, während die Söhne schliefen. Er kaufte sich dann zum Schreiben einen Laptop. Danach entstand das Werk in Häppchen von 100 bis 300 Wörtern auf dem Weg zur Arbeit und neben seiner fernsehenden Frau.

Zuvor verfasste Zama nur zu Collegezeiten ein paar humorige Artikel. Sein Vater veröffentlichte jedoch bereits Werke auf Telugu, der Amtssprache seines Heimat-Bundesstaates Andhra Pradesh.

Interessant: Zama spürte den Schreib-Impuls erst, als er nicht mehr selbst C++-Softwarecode verfasste, sondern ins IT-Management wechselte. In der Zeit des Schreibens besuchte Zama zweimal seine indische Heimatstadt Vizag. Er meint, dort entstandene Abschnitte seien etwas lebhafter geraten. „Mr. Ali“ erhielt Preise und wurde in ein halbes Dutzend Sprachen übersetzt.

Zamas arrangierte Ehe:

Zama (geboren 1966) wuchs in der kleinen Großstadt Vizag an der südostindischen Küste auf, dort, wo auch „Mr. Ali“ seine Hochzeitsagentur gründet. Im ausgedehnten Verwandtenkreis sah Zama viele arrangierte Ehen. Das Prinzip – bei dem ja die Kandidaten zu nichts gezwungen werden – scheint ihm zu gefallen.

Als Zama schon weitgereister IT-Manager für eine Bank in Bombay war, schlugen ihm seine Eltern eine passende Frau vor. Aus Termingründen konnte er sie nur 45 Minuten sehen, dann willigte er in die Ehe ein (lebendig erzählt in der New York Times, siehe Linkliste oben). Farahad und Sameera Zama leben seit vielen Jahren mit zwei Söhnen in London.


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