Rezension Mumbai-Roman: Letzter Mann im Turm, von Aravind Adiga (2011) – 8 Sterne

Was mir gefallen hat:

  • viele kleine, aber sehr signifikante Details und Gedanken (z.B. wie sich eine Blinde an Schäden in der Mauer oder an Gerüchen orientiert)
  • aufschlussreich die Veränderungen in der Hausgemeinschaft nach dem großzügigen Geldangebot des Unternehmers
  • jederzeit sehr spannend, ich habe meinen üblichen Medienkonsum für dieses Buch deutlich geändert
  • interessante Einblicke in die indische Mittelschicht (aber weniger spektakulär als bei Aravind Adigas fantastischem Roman Der weiße Tiger)
  • die Vielzahl der Hausbewohner bringt Adiga übersichtlich ins Spiel, auch wenn einzelne Figuren zu selten erscheinen, so die Frau des Maklers Ajwani
  • sprachlich jederzeit virtuos, auch mit verschiedenen Soziolekten und Stilen und sogar mit englischen Sprachspielen; mitunter vielleicht schon zu blümerant und kraftmeiernd (ich hatte das englische Original, Last Man in Tower; die deutsche Übersetzung, Letzter Mann im Turm, kann ich nicht beurteilen)
  • nützliche Mumbai-Übersichtskarte und Kurzverzeichnis der Hausbewohner

Nicht so überzeugend für mich:

  • einzelne eher schlichte Akteure haben manchmal sehr literarische, poetische, elegante Gedanken, die wohl eher vom studierten Autor stammen
  • Adiga stellt Korruption und „das Böse“ etwas zu deutlich und lehrbuchhaft aus; ich brauche keine Botschaft über böse Immobilienhaie
  • einige Cliffhanger (Abbruch der Geschichte an einer wichtigen Stelle) und dramatische Überdehnung des Finales; die letzten 20 Seiten danach wirken sehr müde
  • die Episode vom Comeback einer 40jährigen Schauspielerin mit ihrem Film Dance, Dance spielt wohl auf Madhuri Dixits Aaja Nachle an
  • ein oder zwei Hindi(?)-Ausdrücke im englischen Text kannte ich nicht und konnte ich mir auch (anders als bei pucca) nicht erschließen

Zur Vorgeschichte des Buchs:

Bemerkenswert: Adiga lebte ab 2006 ein paar Jahre in einem Bau, der direktes Vorbild für Last Man in Tower ist (dieselbe Gegend, Wasser nur zweimal zwei Stunden am Tag), und arbeitete dort an The White Tiger. Adiga verarbeitet im Tower-Roman auch andere eigene Mumbai-Erlebnisse, so die Erkrankung durch die schlechte Luft.

Doch ein Schriftsteller gehört im Roman nicht zu den Bewohnern der Vishram Society Block A – und schon gar keiner, der, wie Adiga selbst, durch ungewöhnliche Ruhe Besorgnis weckt. Ein Schriftsteller, der sein Selbstbildnis nicht in den Roman pflanzt, das wünscht man sich von deutschen Schreibern auch mal.

Insgesamt ein sehr solider Roman, aber nicht so ein Knüller wie The White Tiger, und auch Adigas Kurzgeschichtensammlung Zwischen den Attentaten, engl. Between the Assassinations, hat mir noch einen Tick besser gefallen – vielleicht, weil Letzter Mann im Turm eher als die genannten Vorgänger an Leben im Westen erinnert, die Hauptfiguren hier nicht so filmi, nicht so extrem und nicht so extrem unterschiedlich auftreten. Aber Last Man in Tower ist immer noch exzellent und ich werde Adiga natürlich weiter lesen.


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