Rezension Indien-Roman: Der weiße Tiger, von Aravind Adiga (2008) – 9 Sterne

Der indische Ich-Erzähler Balram Halwai watet jahrzehntelang durch ein Meer an Demütigungen und Misshandlungen: Die Jugend in einem Elendsdorf, der Fahrer-Job in der Provinzhauptstadt und in Delhi, die Selbständigkeit in Bangalore – Balram stößt nur auf Korrupte, Verlogene, Faule, Gemeine, Verderbte, Brutale. Um aufzusteigen, spielt er das schäbige Spiel ohne größere Skrupel mit.

Selbst in der englischen Originalfassung, The White Tiger, konnte ich die Geschichte glatt herunterlesen. Kaum ein in Englisch gelesenes Buch hat mich je so gefesselt, abgesehen von T.C. Boyles „América“ und Tom Wolfes Romanen „Bonfires of Vanity“ und „A Man in Full“ (die deutsche Tiger-Übersetzung wird in allen Rezensionen gelobt, ich kenne sie aber nicht).

Nichts für Hindustan-Romantiker:

Zwar enthält Aravind Adigas Roman-Erstling reichlich Vulgarität und Unappetitliches, aber es passt zur Handlung und wird nicht aufgesetzt humorig präsentiert wie in südindischen Filmen (und man bekommt keine deftigen Bilder wie in „Slumdog Millionaire“).

Die Beschreibungen von Korruption, Betrug, Vetternwirtschaft, die Bekanntschaft mit Rikschafahrern, Toyotachauffeuren, Geschäftemachern und Politikern könnten allzu belehrend-anklagend wirken, fügen sich jedoch glänzend in die Handlung eine und charmien mit trockenem Zynismus. Kein Akteur ist sonderlich sympathisch.

Kleinere Schwächen:

  • Die Konstruktion als Briefserie an den chinesischen Präsidenten wirkt überflüssig.
  • Der Ich-Erzähler klingt mitunter zu gebildet, wenn man seinen Lebenslauf berücksichtig.

Diese Mängel stören kaum.

Mein Gesamteindruck:

„The White Tiger“ holte 2008 den renommierten Booker Prize und viele positive Kritiken. Der überaus flüssig lesbare Roman zeigt ein dreckiges, anstrengendes, denkbar unromantisches Indien, mit roten Betelsaft-Flecken auf allen Wänden, offenen Abwasserkanälen, beißendem Uringeruch und giftiger Luft in absurd verstopften Straßen. Ein Indien auch, wie es in den Hochglanzfilmen der Mainstream-Bollywood-Studios nie erscheint, das vielmehr an die grimmigsten Szenen aus „Slumdog Millionaire“ erinnert.

Man möchte es nicht selbst erleben, aber man möchte immer weiterlesen.


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