Indien-Musik-Spielfilm: Morning Raga (2004, mit Shabana Azmi) – 2 Videos – 4 Sterne

Ein tragischer Unfall vor 20 Jahren zerstörte zwei Familien. Die Überlebenden trauern noch heute, und in „Morning Raga“ finden sie zusammen – über die Musik. Über weite Strecken erscheint Morning Raga dabei pathetisch-dramatisch, die Akteure strapazieren ihre eigenen Nerven und die der Zuschauer, die tragischen Momente kommen in der Wiederholung und in Zeitlupe zurück.

Lichtblick Lillete Dubey:

Obwohl ebenfalls Betroffene, wirkt Lillete Dubey als Boutiquenbesitzerin hier am lebhaftesten, bringt Lebensfreude und Ulk ins Spiel (weitere Komik liefern ein Bauer und sein Wasserbüffel als running gag). Deutsche Hindi-Film-Freunde kennen Lillete Dubey aus ihrer Hauptrolle im Cannes-Erfolg Monsoon Wedding, aus markanten und ganz unterschiedlichen Nebenrollen in Kal Ho Naa Ho, Fanaa und Chalte Chalte. In Morning Raga überrascht Dubey mit rotgefärbtem Kurzhaarschnitt, aber wie erwartet spielt sie substantiell.

Das gilt natürlich wie immer auch für die große Shabana Azmi, der Autor und Regisseur Dattani allerdings viel zuviel Tragik und Trauer verordneten (im Interview sagt der in Indien gefeierte englischsprachige Theaterautor jedoch, dass Azmi selbst noch extrovertierter spielen wollte). Die Jury für die indischen National Awards wollte ihr offenbar einen Schauspielpreis geben, verzichtete aber, weil Morning Raga großteils in Englisch gedreht wurde. Wer Azmi kennenlernen möchte, fängt besser mit anderen Filmen an (wenn es wieder eine Sängerin sein soll, zum Beispiel die Filme Tehzeeb oder Loins of Punjab Presents).

Musik spielt eine Hauptrolle:

Die Musik spielt eine Hauptrolle im Film. Dabei liegt oft ein nervöser 70er-Jahre-Jazzrock-Rhythmus unter den klassisch-indischen Gesängen, der seltsam wenig Bass hat (vielleicht entstand der unbefriedigende Klang auch, weil ich 5.1-Ton über eine Stereoanlage hörte). Mehrfach beginnt ein Stück als Hintergrundmusik zur Handlung und nach einiger Zeit sieht man, wie Musiker dazu spielen und singen – ein schöner Effekt. Morning Raga zeigt ein paar reizvolle Stadtansichten von Hyderabad und viele schöne Dorf- und Feldszenen (Kamera Rajiv Menon). Die Akteure sprechen meist Englisch, bei meiner Eagle-DVD konnte man zusätzlich englische Untertitel einblenden.

Die Geschichte wirkt flüchtig geschrieben, ohne Sinn für kleine Details;  wohlkonstruiert zwar, doch ohne organische Texturen, dafür überladen mit Drama und aufgewühlten Gefühlen, das Ende ist vorhersehbar. Zeitweise spielen die jüngeren Hauptdarsteller wie in der Film-AG, zwei Mitglieder der Filmband berühren (unfreiwillig) peinlich. Mehr überzeugt die ältere Garde, neben Azmi und Dubey ist das vor allem Telugu-Star Nasser als knorziger Bauer.

Der junge Hauptdarsteller Prakash Rao, gelernter IT-Ingenieur mit Schauspiel-Zusatzausbildung, verdiente sich seinen Ehrenplatz auf der Besetzungsliste als Sohn des mächtigen Produzenten K. Raghavendra Rao und wirkt wie eine Pappfigur. Laut IMDB spielte er nie wieder in einem Film; im Interview nennt er jedoch noch einen gefloppten Telugu-Streifen, der vor Morning Raga kam, und IMDB listet zwei Filme, bei denen er schrieb und Regie führte.


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