Indien-Krimi-Roman: Inspektor Ghote geht nach Bollywood – Filmi, Filmi Inspector Ghote, von H.R.F. Keating (1976) – 4 Sterne

Die deutsche Ausgabe – Inspektor Ghote geht nach Bollywood – habe ich nach vier Seiten aus dem Fenster geworfen. Sie stammt vom Unionsverlag, eine vorhandene ältere Übersetzung wurde hier „überarbeitet und ergänzt“.

Wie bitte? Ein paar Ausdrücke der ersten Seiten:

  • „Werbe-Schreibstifte“
  • „zweifelbeladene Gedanken“
  • „seine Befürchtungen hinsichtlich seiner Fähigkeit“
  • „ein Darsteller von Schurken“
  • „Türhüter“

Zur deutschen Übersetzung:

Komplette eingedeutschte Sätze klingen ebenso wie die einzelnen Ausdrücke: lang, unaufgeräumt und allzuwörtlich dem Englischen nachgebaut. So hilflos, so entstellend texten nicht mal deutsche Computerzeitschriften oder Social-Media-Plauderer.

Also musste eine englische Ausgabe her – Filmi, Filmi Inspector Ghote – gefunden gebraucht für 70 Cents plus drei Euro Versand aus USA. Darauf musste ich einige Wochen warten, meinen Lektüreplan also umstellen. Lästig, aber nötig.

Ich bekam eine englische Ausgabe mit Bibliotheksstempel der Dekalb County Public Library, Decatur, Georgia, eine Large-Print-Ausgabe mit turmhohen Buchstaben (320 englische Seiten gegenüber 200 der deutschen Taschenbuchversion). Leicht lesbar. Es scheint ein klassischer Krimi zu sein: Zu Anfang liegt ein Filmstar tot im Studio. Der einsame Inspektor sucht den Täter, ohne dass es noch weitere Gewalt oder Dramatik gibt.

Story mit Schwächen:

Wie Inspektor Ghote das angeht, klingt allzu unglaubwürdig. Statt an den Tatort zu eilen, gibt es erst ein umständliches Gespräch mit seinem Chef. Auf dem Filmgelände angekommen, springt Ghote nicht gleich an den Ort des Geschehens, sondern lauscht den Tiraden von Filmproduzenten.

Anschließend sucht Inspektor Ghote ausgerechnet den Rat einer erfolgreichen Klatschreporterin und folgt ihren Vorschlägen, lässt sich von einer Schauspielerin um den Finger wickeln, danach erhört er die Gegenvorschläge des vermeintlich Hauptverdächtigen, konspiriert später wieder mit der Klatschreporterin.

Arbeitet die indische Kripo so?

Seltsame Methoden:

Auch sonst wirkt Goethe, nein Ghote etwas beschränkt: Er fahndet nicht ergebnisoffen nach dem, was passierte. Ghote macht zuerst lange Annahmen und sucht anschließend  Beweise für diese Annahmen. Er träumt sich immer wieder langwierig in eine zukünftige Heldenrolle als Superermittler und Freund der ehrlichen Bollywoodstars.

Ghote lässt sich naiv von Verdächtigen immer wieder auf falsche Fährten lenken, glaubt einem erwiesenen Lügner und möglichen Täter sogar noch die zweite mögliche Lüge. Ghote besucht einen reichen Verdächtigen, meldet sich als Polizist an und sitzt brav zehn Minuten im Wartezimmer, bis er vorgelassen wird. Sogar Ghote selbst überlegt sich, dass sein Verhörkandidat in spe mittlerweile flüchten oder ein Alibi für den Tatmorgen konstruieren könnte.

Spannung bleibt Mangelware:

Insgesamt: wenig realistisch, bis auf die letzten 30 Seiten nie richtig spannend. Man beobachtet Ghote langwierig bei Untersuchungen, die letztlich allesamt im Nichts enden.

Dass man dennoch weiterliest, schuldet sich dem Glauben ans Krimi-Genre: schließlich und endlich muss der Übeltäter gefunden werden. Am Anfang war die Leiche, am Ende kennen wir den Mörder. Oder? Mich hat das Ende, das dann kommt, ziemlich enttäuscht.

Aber stimmige Atmosphäre:

Die Filmstudio-Atmosphäre schildert Keating immerhin sehr lebendig. Man schwitzt mit den Kabelträgern in den nicht klimagekühlten Teilen der Studios, schüttelt den Kopf über die gefährliche Arbeit der Beleuchter auf ihren Gerüsten und geht in die Knie ob der überzeugend selbstherrlichen, filmi filmi Superstars: Die empfangen Polizisten im Bett und drehen bei lästigen Fragen das Radio laut und den Kopf weg.

Das Buch, erschienen 1976, verwendet erfundene Darstellernamen und Filmtitel. Freilich klingt der Buch-Name Nilima wie Hema Malini und der Buch-Name Ravi Kumar erinnert an Raj Kumar.

Die englische Version scheint nicht sonderlich ambitioniert geschrieben, so dass man sie meist leicht lesen kann, einschließlich dem eigenwilligen Englisch in der wörtlichen Rede der Inder.

Interessantes Geständnis im Vorwort:

Die deutsche Ausgabe, die schon aus dem Fenster gesegelt war, habe ich dann doch wieder hereingeholt. Denn ich wollte – aber erst nach Lektüre des englischen Romans – Keatings 2004er-Vorwort aus der deutschen Ausgabe lesen.

Außerdem listet der Unionsverlag auf den letzten Seiten viel weitere sog. „Spannungsliteratur“ von exotischen Schauplätzen und Verfassern auf. Klingt nach interessantem Hot Country Reading, man muss sich nur über die Qualität der Übersetzung informieren.

Im Vorwort der deutschen Ausgabe berichtet Keating, dass ihm der indische Filmstar Dev Anand die Bollywoodpforten öffnete. Die Party im Hotel Taj Mahal und die Unterredung mit dem pompösen Filmproduzenten entstammen offenbar unmittelbar Keatings eigenem Erleben.

Andere Fälle der Ghote-Reihe sind weniger authentisch recherchiert: Der erste Ghote-Band erschien 1964, doch erst zehn Jahre später kam Keating erstmals nach Indien. (Karl May war ja auch nie im „Wilden Westen“.) Laut Vorwort ist „Filmi, filmi Inspector Ghote“ Keatings zehntes Ghote-Buch von insgesamt 24. Im Vorwort entschuldigt sich Keating etwas umständlich selbst für die weniger überzeugende Konstruktion des Buchs.


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