Rezension Geschichten, Romane: Nightwatchman’s Occurrence Book and Other Comic Inventions, von V.S. Naipaul – 8 Sterne

In das dicke englische Taschenbuch packte der Picador-Verlag nach V.S. Naipauls Nobelpreis von 2001 drei sehr unterschiedliche Werke, die Jahrzehnte früher unabhängig voneinander erschienen und alle als komisch gelten:

  • The Suffrage of Elvira (1958, dt. Titel Wahlkampf auf karibisch), eine kauzige Wahlkampfsatire aus dem Hinterland von Trinidad
  • Mr. Stone and the Knights Companion (1963, offenbar nicht übersetzt), mild spöttischer Kurzroman über einen 60jährigen Engländer in London
  • A Flag on the Island (1967, offenbar nicht übersetzt), eine Sammlung sehr unterschiedlicher Kurzgeschichten aus Trinidad und England

Die Werke passen nicht gut zusammen, aber man kann natürlich sagen, sie verdeutlichen Naipauls Spektrum. The Suffrage of Elvira ist unterhaltsam, für Naipauls Verhältnisse relativ offen satirisch und wie alle frühen Trinidad-Romane voll niedlichem Pidgin-Englisch (dt. Wahlkampf auf karibisch; ausführliche Besprechung dieses Romans hier). Im Vergleich zu Naipauls anderen frühen Trinidad-Büchern Mystic Masseur, Mr. Biswas und Miguel Street wirkt es geringfügig weniger subtil und an Menschen interessiert.

Zum Roman Mr Stone and the Knights Companion, auch Teil dieses Sammelbands:

Geschrieben im indischen Srinigar, schildert der Roman subtil einen 60jährigen alleinstehenden Bürokraten in London, der sich überraschend als verheirateter Mann wiederfindet. Die Gedankengänge und Kalkulationen beschreibt Naipaul hinterhältig einfühlsam und mild spöttisch in lässig nonchalantem Parlando, nur Rassen- und Standesdünkel prangert er kurz etwas offener an.

Die Charaktere werden perfekt aufgespießt und mit markanten Dialogen vorgeführt. Der Sinn für Sprache ist wie immer exquisit. Ein Satz aus der New York Review of Books zu „Mr Stone“ gibt meinen Eindruck perfekt wieder:

„He is one of those rare novelists – Evelyn Waugh is another – whose every sentence, one feels, has been worked over, re-shaped, fined down until it not only expresses the maximum of meaning in the fewest words but also gives the reader the maximum pleasure to read.“

Ein stilles, meisterliches 120-Seiten-Romänchen, das ich kaum weglegen konnte, auch wenn mich die längere Rückblende kurz vor Schluss irritiert hat.

Und dann die Kurzgeschichten:

Die meisten Kurzgeschichten aus A Flag on the Island haben acht bis 15 Seiten. Da gibt es die aus Naipauls Frühphase bekannten Familiengeschichten aus Trinidad mit kauzigen Tanten, kaputtem Englisch und geschäftstüchtigen Dorflehrern. Ein Highlight ist das skurril-amüsante The Nightwatchman’s Occurrence Book: In einer Pension in London tauschen sich Nachtwächter Charles Ethelbert Hillyard und Manager W.A.G. Inskip via Logbuch über Aufgaben und (eskalierende) Vorkommnisse aus (ein ähnliches Motiv gibt es später in Paul Theroux‚ Hotelroman Hotel Honolulu).

Eine weitere Kurzgeschichte sollte ursprünglich in Naipauls frühem Meisterwerk „Miguel Street“ erscheinen. Sie wurde dort aber – zurecht – gestrichen wurde. Die anderen Geschichten entstanden meist als Zeitschriftenaufträge. Ton und Ambiente variieren stark, es gibt nichts Verbindendes. Über die Entstehung der einzelnen Geschichten erfährt man sehr wenig.

Von Engländern in England:

Mehrere Geschichten schildern die kauzigen, leicht traurigen Vermieter in einem englischen Mietshaus – neben Mr Stone and the Knights Companion weitere Beispiele für die seltenen Naipaul-Stücke, die komplett von Engländern in England handeln. Nicht zurecht kam ich mit dem 90seitigen, konfusen Stück „A Flag on the Island“, wie Naipaul (1932 – 2018) selbst betont eine Auftragsarbeit mit vielen Vorgaben. Die Geschichte spielt auf einer Karibikinsel, der Protagonist landet Naipaul-typisch bald im Puff, doch die Handlung treibt unmotiviert hierhin und dorthin.

Ich habe eine fabrikneue Taschenbuchausgabe bestellt und erhalten. Die Seiten fühlen sich unangenehm staubig an, auch wenn ich keinen Staub sehe.

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