Rezension Geistreicher London-Roman: The London Embassy, von Paul Theroux (1983) – 8 Sterne

Der Ich-Erzähler arbeitet Anfang der Achtziger in der US-Botschaft in London. Das Buch besteht aus 18 sehr lose bis gar nicht verwobenen Episoden. Die meisten Geschichten haben nicht viel mit der Botschaft zu tun: Der Ich-Erzähler lernt zum Beispiel jemanden bei einem Empfang kennen, fühlt sich zu einem Besuch vor Ort bemüßigt, der Rest spielt dann in entlegenen Stadtteilen.

Starke Dialoge, schwächeres Gesamtgerüst:

Milde Käuze aus allen, oft aber gehobenen Gesellschaftsschichten stehen im Mittelpunkt, einige wenige Erzählungen handeln auch von Liebesbeziehungen. Das Buch ist voll funkelnder, unterhaltsamer, gebildeter Dialoge; Engländer werden als exotische Wesen vorgeführt. Doch während einzelne Seiten, Szenen und Charaktere oft hinreißen, wirken manche Geschichten insgesamt schwach konstruiert, ebenso wie das Gesamtbuch. Man hat den Eindruck, dass Paul Theroux die Eindrücke oder Zeitungsberichte aus seinen Londoner Jahren etwas mühsam in die Konstruktion mit einem Diplomaten zwängte.

Der selbe Ich-Erzähler agierte schon in The Consul’s File (1977). Dort schildert er seine Zeit in einem malaysischen Provinzkaff. Im Schreibstil und in der Konstruktion ähneln sich die Bände sehr, das Ambiente unterscheidet sich dagegen massiv. Es gibt praktisch keine inhaltlichen Verbindungen zwischen den Bänden.

Gemeinsamkeiten der zwei Diplomaten-Bücher:

  • Der Erzählton ist ähnlich: Der Botschaftsangehörige erzählt ruhig, etwas distanziert in sehr lose verwobenen Kurzgeschichten und gibt wenig von sich preis (ähnlich zurückgenommen der Ich-Erzähler in Theroux‘ Roman Hotel Honolulu).
  • Trotzdem ist der Erzähler immer neugierig und bereit, seine schicke Residenz zu verlassen und den Dingen vor Ort auf den Grund zu gehen; ich weiß ja nicht, ob leibhaftige Botschaftsmitarbeiter or Konsulatsangestellte ähnlich engagiert sind (andere Autoren hätten vielleicht einen Journalisten oder Detektiv beschrieben).
  • Ebenso lebhaft, wie Theroux in The London Embassy das Bild eines schicken, turbulenten und geistreichen Gesellschaftslebens in der englischen Hauptstadt zeichnet, schildert er in The Consul’s File eindrucksvoll dicht das stickig heiße, tropfend schwüle und hoffnungslos provinzielle malaysische Hinterland.
  • Auch in The Consul’s File spielen die meisten Episoden nicht innerhalb der Konsulatsmauern: Der Diplomatenposten ist eher Vorwand für Ausflüge in unterschiedlichste Regionen und Gesellschaftsschichten.
  • Die Gesamtkonstruktion überzeugt weniger als einzelne Dialoge und Szenen.

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