Rezension Frank-Lloyd-Wright-Roman: Kein Blick zurück, von Nancy Horan (2007) – 8 Sterne

Oak Park, Illinois, USA, Anfang des 20. Jahrhunderts. Mamah Borthwick verlässt Ehemann und Kinder, um mit einem anderen Mann zu leben. Mutig? Verwerflich? Jedenfalls damals ein Skandal. Nancy Horan schildert den imaginierten historischen Ablauf sehr einfühlsam, spannend, nachvollziehbar, detailliert ohne Übertreibungen (dt. Kein Blick zurück, engl. Titel Loving Frank). Man hat oft das Gefühl, danebenzustehen, fast schon Gedanken lesen zu können.

Damals eine Skandal-Geschichte:

Und Mamah Borthwicks Liebhaber ist Star-Architekt Frank Lloyd Wright, der ebenfalls Frau und Kinder sitzen lässt. Horan erzählt eine wahre Geschichte, ausstaffiert mit erfundenen Details und Dialogen. Man lebt wirklich mit den Figuren, kennt ihre Spleens und ihre Räumlichkeiten, ahnt ihre Reaktionen und Gedanken im voraus. Alles klingt wie eben erst passiert und völlig plausibel.

Oder fast plausibel. Die Briefe und Dialoge wirken manchmal zu geistreich, zu elegant, zu komponiert, aber das steigert den Unterhaltungswert dieses historischen Romans von 2007, bei dem fast jedes Wort perfekt sitzt.

Mitunter packt Horan etwas zu viel Bedeutung in einzelne Gespräche, wenn sie die Gefühle der Hauptperson bloßlegen will; oder in einzelne Ereignisse, wenn Mamah Borthwick sich selbst mit der Gretchen-Figur in einer Faust-Oper vergleicht. Das Thema Frauenbewegung erscheint etwas leitartikelhaft. Freilich, Horan beschreibt zwei hochintelligente, kultivierte, gebildete und zugleich sehr emotionale, kreative Menschen, die sich unerschrocken gegen den herrschenden Komment stellten – ein dankbares Thema für eine interessante Erzählung.

Meisterlich erzählt:

Horan erzählt im Prinzip chronologisch, nutzt aber vor allem in der ersten Buchhälfte viele Gelegenheiten zu schnellen Sprüngen in die Vergangenheit, um dann gegen Ende des (stets kurzen) Kapitels wieder in die erzählte Gegenwart zu schwenken. Das wirkt auf den ersten Blick kurzweilig und elegant, verwirrt aber öfter auch, wenn sie Geschehnisse mischt, die mehrere Jahre auseinanderliegen. Allerdings gibt es fast keine Andeutungen auf noch bevorstehende Ereignisse. Ansonsten wirkt der Roman blendend konstruiert: Dialoge, Gedanken, Zusammenfassungen und Detailschilderungen fließen nahtlos.

Verblüffend, wie Deutschland in diesem Roman erscheint: Bei ihren Berlin-Aufenthalten 1909 und 1910 empfindet Borthwick Deutschland offenbar als toleranten, freigeistigen Platz, in dem auch Exzentriker in der Gesellschaft willkommen sind. Einmal sitzt sie unweit von Kaiser Wilhelm im Hotel Adlon.

Horans Buch verkaufte sich gut in den USA und erhielt gute Besprechungen. Die meisten Profi- und Hobby-Rezensenten diskutieren jedoch vor allem das Leben der Figuren – auch das Ende wird genannt – und gehen kaum auf Qualitäten oder Schwächen des Romans ein.

Das Frank-Lloyd-Wright-Buch von T.C. Boyle:

Aufmerksam wurde ich auf Horans Buch erst durch die Lektüre von T.C. Boyles Die Frauen (engl. The Women), ein historischer Roman, der ebenfalls von Frank Lloyd Wright und seinen Frauen handelt. Offenbar wussten Boyle und Horan nichts voneinander; Boyle wurde zwei Jahre später fertig und las Nancy Horans Version der Geschichte bewusst nicht.

Beide Autoren kamen auf ihr Thema, weil sie täglich Lloyd-Häuser sahen: T.C. Boyle bewohnt ein Wright-Haus in Südkalifornien; Horan lebte in Oak Park, Illinois, das Wohnviertel mit der höchsten Dichte an Wright-Häusern, einschließlich der früheren Wohnhäuser von Wright und Borthwick. Meine englischen Taschenbuchausgaben der beiden Bücher haben ähnliche Titelbilder, die mit dem typischen Stil der Wright-Fenster spielen.

Im Vergleich zu Boyle wirkt Horans Roman reifer, sensibler, er befasst sich etwas mehr mit Wrights Architektur und zielt weniger auf Knalleffekte. Horan schildert weit detaillierter, weil sie einen kürzeren Zeitraum als Boyle behandelt. Sie skizziert auch Nebenfiguren sehr plastisch, aber nicht effektheischend, und sehr intim beschreibt sie die Beziehung zwischen Borthwick und ihren Kindern, die Borthwick zugunsten Wrights verlässt.

Ich habe beide Bücher auf Englisch gelesen und hatte bei Horan weniger Vokabelprobleme, weil sie anders als T.C. Boyle nicht mit Exotikwortschatz prunken will. Meine Loving Frank-Ausgabe von Ballantine richtet sich an Lesezirkel und enthält mehrere kurze Nachworte und ein längeres, interessantes Interview zur Entstehung des Romans. Die Verlags-Internetseite zur englischen Ausgabe zeigt historische Fotos und zwei kurze, halb interessante Videos zur Autorin und zu Oak Park.

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