Rezension Frank-Lloyd-Wright-Roman: Die Frauen, von T.C. Boyle (2009) – 7 Sterne

Erfolgsautor T.C. Boyle fiktionalisiert das Leben des Erfolgsarchitekten Frank Lloyd Wright (1867 – 1959) – mit seinen Frauen und Katastrophen.

Zwei seiner typischen Merkmale bringt T.C. Boyle in diesem Roman von 2009 zusammen:

  • teils fiktive Biographie eines wohlhabenden Exzentrikers, den es tatsächlich gab, gern etwas egomanisch
  • wortreiche, detailgenaue Beschreibung, die sehr lebhafte Vorstellungen  erzeugt

So schrieb Boyle bereits über einen historischen Afrika-Forscher (Water Music), den Corn Flakes-Erfinder Kellogg (Road to Wellville), einen seelenkranken Millionär (Riven Rock) und Sexforscher Kinsey (Dr. Sex). In Die Frauen (engl. The Women) geht es um Frank Lloyd Wright, den amerikanischsten aller Architekten, und um seine Frauen.

Bedenken beim Stil:

Die meisten Boylebücher fand ich hinreißend (darunter auch Grün ist die Hoffnung, América, Samurai von Savanah), von allen Romanen sagte mir nur World’s End nicht zu. Die Beschreibungen in Die Frauen (engl. Original The Women) erscheinen mir diesmal jedoch zu genau, zu wortreich, mitunter zu bombastisch effektheischend formuliert, einfach teils überflüssig, all diese Details braucht kein Mensch. Und ich vermisste gleichwohl jene makrofotografische Präzision, die etwa in T.C. Boyles América so exakte Vorstellungen erzeugt.

Weil ihm der Lauftext nicht ausreicht, packt Boyle weitere Beschreibung in Fußnoten. Und wenn ihm hier nichts einfällt, dann heißt es in einer Fußnote über eine völlig unwichtige Nebenfigur ohne Nachname auch einmal (S. 74 im Penguin-Taschenbuch):

„No surname available. No one seemed to recall anything about him, except that he was called Mel.“

Wird Boyle pro Wort bezahlt? In einer anderen Fußnote nennt er lediglich eine Jahreszahl – vier Ziffern. Die passten nicht in den Lauftext?

Boyle schreibt nicht chronologisch:

  • Der erste Teil zeigt – mit vielfach wechselnder Perspektive – den Übergang von Miriam zu Ogilvanna, also von Dame 3 zu 4.
  • Danach kommt die Annäherung an Dame 3 (an Miriam).
  • Danach die Annäherung an und die Beziehung zu Dame 2 (Mamah).
  • Das tragische Ereignis auf Wrights Anwesen wird erst nur angedeutet und viel später erneut aufgegriffen;
  • vom Wrights Leben mit der ersten Ehefrau (Dame 1) und Mutter seiner sechs Kinder erfährt man nur das Ende.

Die umgekehrte Chronologie erinnerte mich an Harold Pinters vergnügliches Theaterstück Betrayal (Betrug; die Verfilmung ist schwach). Auch Betrayal läuft rückwärts ab und das führt zu vielen verblüffenden Pointen. In The Women bringt die umgekehrte Chronologie nicht so viel; sie erlaubt es dem Autor lediglich, ein besonders dramatisches Stück aus Wrights Leben am Ende zu platzieren.

Unübersichtlich:

In einem Fall erleben wir das Werben um eine Frau, nachdem wir viele Seiten zuvor schon das Scheidungsdrama durchgemacht und ihre unangenehmen Seiten kennengelernt haben. Die Rückwärtserzählweise soll den Roman wohl lediglich interessanter machen, so wie auch die Fußnoten. Auch Boyle selbst sagte, so sei es für ihn und den Leser ungewöhnlicher. Boyle sagte auch in Dutzenden Interviews zum Roman immer wieder, dass er gern über historische Egomanen schreibt, wie schon bei Kellogg und Kinsey, und wie bei Kinsey lässt er in Die Frauen die Handlung von einem Assistenten vortragen.

Definitiv macht die Rückwärtserzählweise den Roman unübersichtlich, und sie wurde von den meisten Kritikern nicht gelobt, ebensowenig wie der Fußnotenfimmel. Es schadet also nichts, sich im Internet vorab Wrights Leben durchzulesen und einige Häuser anzusehen, auch seinen Wohnsitz Taliesin, der im Buch eine große Rolle spielt.

T.C. Boyle selbst lebt in einem attraktiven Wright-Haus in Südkalifornien:

Seine Frau suchte das Gebäude aus, und so kam Boyle auf sein Romanthema. Schön illustrierte Home stories mit Boyle und seinem Wright-Haus haben das Wall Street Journal und die L.A. Times  ins Netz gestellt (hier weitere Bilder der L.A. Times; weitere Abbildungen und Informationen zu Boyles Wright-Haus hier und hier). Auf Architectural Digest erzählte Boyle genauer, wie der Kauf zustandekam und wie er sich mit Renovierung, Erdbeben- und Brandschutz aufreibt.

Ich hab’s auf Englisch gelesen. Boyle schreibt recht gebildet mit reichem Wortschatz und für mich relativ viel unbekannten Vokabeln (skein, onerous, abrasive, cloven, goad, ornery, slugabed, appurtenance), aber auch eigentümlich zahlreichen deutschen Vokabeln innerhalb des Erzähl-Englisch („verboten“, „Schadenfreude“, „Hausfrau“, die wohlgemerkt nicht im kurzen Deutschlandteil des Romans auftauchen).

Spannende Sache:

Nach ca. 200 Seiten hatte mich Die Frauen gefesselt, aller Phrasen- und Fußnotenhuberei zum Trotz. Aus dem Roman bin ich – ähnlich wie bei Boyles América – etwas erschöpft und abgekämpft herausgekommen. Beide Bücher werde ich noch lange „in den Knochen spüren“.

Beide Romane sind immerhin sehr lang, strapazieren Sensible mit wilden Ereignissen, Hauptdarstellern am Rand des Nervenzusammenbruchs und filmreifem Riesendrama am Ende.

Wen knöpft sich T.C. Boyle als nächsten vor? Rockefeller? Bill Clinton? Boris Becker? (Die L.A. Times tippt in ihrer Rezension auf Donald Rumsfeld.)

Zu Frank Lloyd Wright gibt es nicht nur zahlreiche Bio- und Monografien, sondern neben The Women auch mindestens zwei weitere Romane. Teils erscheint Wright darin nicht unter eigenem Namen, doch Nancy Horan nennt in ihrem Kein Blick zurück (2007; engl. Original Loving Frank) alle Figuren beim Klarnamen. Das exzellente Buch schildert sehr sensibel nur eine von Wrights Beziehungen, die Verbindung mit der freigeistigen, intellektuellen Mamah Borthwick Cheney; sie ließ für Wright Ehemann und Kinder zurück. Boyle und Horan schildern Borthwick in etwa vergleichbar, Horan ist jedoch weit detaillierter und einfühlsamer, weil sie nur eine von mehreren Beziehungen behandelt.

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