Filmkritik: Unser Mann in Havanna, mit Alec Guiness (1958) – 6 Sterne – mit Video & Links

Die Romanverfilmung unterhält gepflegt und liefert ein paar interessante Variationen zum zugrunde liegenden Buch von Graham Greene, aber auch viele dicke Kuba-Klischees. Die Schwarzweiß-Bilder wirken teils gefällig, aber nie auffällig gut.

Die Hauptfigur Wormold (Alec Guiness) erscheint deutlich lässig-ironischer und weniger sauertöpfisch als im Buch. Seine schon im Roman bizarre, 17jährige devot materialistisch-katholische Tochter Milly wird von der etwa 20jährigen, aber älter aussehenden Jo Morrow gespielt – ein Riesenbaby. Die Liebesbeziehung zwischen Wormold und seiner Geheimdienstsekretärin Beatrice (Maureen O’Hara) erscheint völlig unmotoviert. Weitere Darsteller Noël Coward, Ernie Kovacs; Drehbuch Graham Greene, Regie Carol Reed.

Trotz oder wegen der unvermeidlichen Kürzungen gegenüber dem Roman von 1958 schienen mir manche Filmdialoge und Entwicklungen unverständlich für Betrachter, die das Buch nicht kennen – wie so oft bei Literaturverfilmungen. (Ich konnte nur die deutsch synchronisierte Fassung sehen.) Zudem fehlen dem Film viele im Buch ausformulierte Gedankengänge und komische Beobachtungen, die dem Roman erst ihren Pep geben – das Buch hat also deutlich mehr Esprit. Die distinguierten britischen Geheimdienstler erscheinen im Drehbuch ihres Ex-Kollegen Graham Greene noch volltrotteliger als in seinem Roman.

Bei der Romanlektüre dachte ich auch an flotte Screwball-Komödien aus den 1940er und 1950er Jahren, und damit an Cary Grant, der Unser Mann in Havanna gelesen haben soll – aber der fertige Film geht nicht in diese Richtung, auch weil die Liebesgeschichte nicht im Vordergrund steht und weil es in Havanna spielt.

Der Roman Unser Mann in Havanna erinnert zudem teilweise an James Bond – eine Figur, die der Greene-Bekannte und Ebenfalls-Ex-Geheimdienstler Ian Fleming ab 1952 erfolgreich in Romanen vorstellte. An frühe James-Bond-Filme wie etwa Dr. No erinnern im Roman Unser Mann in Havanna nicht nur die soignierten Herrenrunden in tropischer Kulisse, sondern auch die kurzen, aber regelmäßigen Szenen in der Londoner Geheimdienstzentrale und das Ende. Doch mit den Bond-Kinofilmen ab 1964 hat der Film Unser Mann in Havanna nichts gemeinsam.

Unser Mann in Havanna spielt im vorrevolutionären Kuba und wurde 1959 vor Ort kurz nach der Castro-Revolution gedreht. Regime-Aufpasser änderten das Drehbuch und sorgten dafür, dass Kuba nicht zu verderbt erscheint. Fidel Castro besuchte Drehorte zu Plaudereien mit den Machern, darunter sein Freund Greene, der schon vor der Revolution mit den Umstürzlern sympathisierte und für sie unter Gefahr Kleidung transportiert haben soll.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.