Filmkritik: Das blaue Zimmer (Frankreich 2014) – 6 Sterne – mit Video & Pressestimmen

Die Simenon-Verfilmung wirkt optisch sehr edel, die beträchtliche Erotik nicht viel zu schwülstig, und nach 71 Minuten im Format 4:3 ist alles vorbei. Doch der Streifen wechselt fast im Sekundentakt die Zeitebene – mal vor, mal nach der Tat, ganz klar wird das Geschehen bis zum Schluss nicht. Die meisten Figuren außer Hauptdarsteller, Ko-Autor und Regisseur Mathieu Amalric wirken blass bis leblos, speziell die beiden Frauen um Amalric, Léa Drucker und Stéphanie Cleau.

Vieles erinnert deutlich an Georges Simenons gleichnamigen Roman von 1964 – die Geschichte bis in die Dialoge, die vielen Zeitwechsel, die Unklarheit über die wirklichen Ereignisse. Simenons Vorname wird allerdings in den Titeln ohne s geschrieben, und die Namen der Hauptfiguren sind geändert; ein paar Nebenfiguren wie der Bruder der Hauptfigur fehlen. Der Film spielt statt in den frühen 60ern in den 2010er Jahren in einer höheren Gesellschaftsschicht (was gelackt edle Bilder erlaubt). Die mexikanisch-spanische Literaturverfilmung La Habitación Azul erschien bereits 2002 (beide Trailer unten).

Pressestimmen:

Die Zeit:

…wunderschön inszeniert… So unüblich rasch der Film mit seinen 76 Minuten Spielzeit vergeht, so viel Raum lässt er den einzelnen Szenen. Jede dauert ein wenig länger, als man erwartet, mitunter schafft das Intimität, in anderen Momenten verstärkt es das Unbehagen… Amalrics Texttreue und seine der Roman-Atmosphäre angemessene, bedächtige Bildsprache verleihen der Kinofassung ein seltsam altmodisches, zugleich überaus sinnliches Flair. In 4:3 ist die Geschichte umgesetzt, nicht im heute üblicheren Breitwandformat. Dieser Kniff irritiert die etablierten Sehgewohnheiten. Das blaue Zimmer wirkt gestaucht, beengt, zugleich kommt der Film seinen Figuren auf diese Weise nahe. Überhaupt sind die einzelnen Einstellungen die heimlichen Stars. Der Film bietet Bildausschnitte zum Niederknien, die man sich gerahmt an der Wohnzimmerwand wünscht. Manche der statischen Tableaus nehmen ganz konkret Bezug auf Motive der Kunstgeschichte.

Der Spiegel:

Julien öffnet die Fensterläden, lässt die Biene frei – und erblickt auf dem Platz vor dem Hotel seine heraneilende Frau ((nein, den Mann seiner Liebhaberin)), die von seinem Schäferstündchen zu wissen scheint… Hauptdarsteller Mathieu Amalric gelingt es, Simenons kriminalistisches Rätsel in eine nicht völlig rekonstruierbare Amour fou zu wenden. Die großen französischen Regisseure Eric Rohmer und François Truffaut, stets beschäftigt mit den Diskrepanzen der Lust, haben darin ihre Spuren hinterlassen… eine eigene, nicht immer durchdringbare Welt aus Licht und Schatten

Frankfurter Allgemeine Zeitung:

Vor Amalric haben schon Claude Chabrol und Maurice Pialat versucht, den Roman zu verfilmen – und es dann bleibenlassen. Wenn man „Das blaue Zimmer“ sieht, versteht man, warum. Bei Simenon geht es selten darum, herauszufinden, wer der Täter ist; es geht um Stimmungen, atmosphärische Nuancen… sobald sich Julien und Esther außerhalb des Hotels begegnen, stimmt zwischen ihnen gar nichts mehr, und diese Schieflage überträgt sich auf alles, was der Film sonst noch erzählt. Eine tödliche Liebesgeschichte wie diese braucht zwei Schauspieler, die zu allem entschlossen sind, auch dazu, sich eher zu blamieren, als den Gefühlsrausch ihrer Figuren herunterzudimmen. Amalric und Stéphanie Cléau dagegen spielen nur mit dem Wahnsinn, sie spielen ihn nicht aus.


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