Filmbuch: Bollywood: Popular Indian Cinema, von Lalit Mohan Joshi (2001) – 6 Sterne

Der kiloschwere, englischsprachige, prächtig illustrierte 350-Seiten-Band wurde 2001 erstmals und dann 2002 erneut gedruckt. Viele der heute besonders erfolgreichen Musiker, Produzenten und Regisseure tauchen also kaum auf.

Die acht Aufsätze stammen überwiegend von BBC-Redakteuren mit indisch klingendem Namen. Das Kapitel zur Musik lieferte allerdings niemand anders als der renommierte Dichter und Drehbuchautor Gulzar; ein anderes Kapitel verfasste der Regisseur Shyam Benegal.

Mängel:

Der Prachtschmöker hat mehrere Lektoren und Lektoratsberater. Um so unglücklicher wirken da diverse Tippfehler vor allem im Aufsatz von Lalit Mohan Joshi, der auch den Gesamtband betreute.

Einige indische Filmtitel weichen von der üblicheren Schreibweise ab, so dass weiter gehende Internetrecherchen schwerer fallen. Der Musik-Artikel erwähnt die „eunuchs“ im indischen Alltagsleben, ohne zu erklären, was es damit auf sich hat; auch die nicht weiter erklärten Begriffe „raakhi“ und „crore“ werden beim Leser vorausgesetzt. Seite 23 zeigt nebeneinander ein Filmplakat mit Devanagari-(Hindi-)schrift und ein englisch beschriftetes; erklärt wird nur das englische Plakat.

Gulzars Musik-Aufsatz wirkt unpassend schwärmerisch, zudem unvollständig. In seinem Beitrag „Making Movies in Mumbai“ springt Regisseur Benegal kaum verständlich zwischen seinen verschiedenen Filmen hin und her und befasst sich vor allem mit der Geldbeschaffung, aber nicht mit dem Filmen selbst.

Speziell Benegals Einstieg ist wegen fehlender Fokussierung auf ein Thema nicht zu verstehen. Dieser Regisseur produziert auch nicht immer bollywood-typisch, mit ungewöhnlichen Geldgebern und teils fürs Fernsehen; damit passt er nicht gut in ein Bollywoodbuch – der Aufsatz interessiert, wenn überhaupt, nur spezielle Benegal-Freunde. Weit interessanter und aktueller über Bollywood-Produktionsmethoden berichtet ein neueres, empfehlenswertes Buch, das sogar den gleichen Titel trägt wie Benegals Bericht: Lights, Camera, Masala: Making Movies in Mumbai.

Themen:

Der Beitrag über 100 Jahre Bollywood legt viel Wert auf Qualitätsfilme mit sozialkritischer Aussage. Die zwei größten Kassenerfolge überhaupt, Sholay  (1975) und Dilwale Dulhania Le Jayenge – Wer zuerst kommt, kriegt die Braut  (1975), erscheinen in diesem Aufsatz gar nicht.

Man trifft sie jedoch in den späteren Texten wie „All Time Greats“ oder in „The Classics and Blockbusters“. In letzterem Artikel erzählt Pratik Joshi die Handlungen so liebevoll nach, dass man sich in den Film versetzt fühlt, und er erwähnt besonders bewegende Momente. Den Ausgang der Handlung verrät der Autor ungerührt.

Die Themen der Aufsätze überschneiden sich dabei teilweise: Einer behandelt die größten Schauspieler, ein anderer die größten Kassenerfolge, ein dritter befasst sich exklusiv mit „Villains and Vamps“, der erste mit 100 Jahre Bollywood, der letzte mit „Bollywood: The Next Generation“. Insgesamt bekommt man jedoch eine brauchbare Übersicht bis zum Jahr 2000 und viele klare Empfehlungen – wenn auch frei von Systematik.

Nicht immer erscheinen Bilder und der zugehörige Lauftext auf einer gemeinsamen Doppelseite. Eine kompaktere und wissenschaftlichere, aber karg illustrierte und fast wertungsfreie Darstellung der Bollywood-Geschichte liefert Bollywood: A Guidebook to Popular Hindi Cinema. Keins der hier genannten Bücher erklärt die aktuelle Arbeit der Zensurbehörde systematisch.

Bilder:

„Bollywood – Popular Indian Cinema“ ist so groß, schwer und scharfkantig, dass man das Buch ungern auf Knien hält, zu Spaziergängen, Bahnfahrten oder in die Badewanne mitnimmt. Der Schmöker beeindruckt auf Anhieb durch viele schmucke, großformatige Bilder – eine Einzelseite misst immerhin rund 38×23 Zentimeter, und eine schöne Helen oder Urmila bekommt gern auch eine Farbdoppelseite.

Man sieht zahlreiche emotionale Filmszenen und Tänze, viele Filmplakate und ein paar Glamourfotos aus dem Fotostudio; nicht gestellte Schnappschüsse der Stars oder Arbeitsfots von den Dreharbeiten gibt es kaum. Die Bildtexte nennen den Filmtitel stets in Majuskeln, jedoch fehlt daneben die Jahreszahl.

Wo möglich, erscheinen die Bilder in Farbe. Freilich ist die Bildqualität, bedingt durch das Alter der vorgestellten Produktionen, oft schlecht. Speziell die adrett posierenden Darsteller der 70er und 80er Jahre beeindrucken enorm. Die Bilderpracht hilft – so wie einige Texte – beim Zusammenstellen des nächsten DVD-Auftrags. (Aber nicht vergessen: Die Bildqualität bei Standfotos von 60er-, 70er- und 80er-Bollies ist oft weit größer beim Film selbst.)

Fazit:

Insgesamt passt dieser stolze, opulente Auftritt prächtig zu Bollywood – trotz durchwachsener Texte.


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