Filmbuch: Bollywood: A Guidebook to Popular Hindi Cinema, von Tejaswini Ganti (2004) – 6 Sterne

Mittlerweile gibt es eine Ausgabe von 2013, doch ich bespreche hier die Fassung von 2004 – mit einer Zeittafel bis 2003, alle Interview-Auszüge stammten von Mitte, Ende der Neunziger. Die offenbar indischstämmige Autorin ist Anthropologieprofessorin in den USA und betont selbst, dass sie weniger als Filmkritikerin ans Thema herangehe.

Klar ist: Tejaswini Ganti hat viele andere Veröffentlichungen ausgewertet und auch mehrere Akteure interviewt – ob sie aber ein Bollywood-Fan ist und viele Filme gesehen hat, bleibt innerhalb des Buchs offen.

Wie ist der Eindruck?

Definitiv wirkt das „Guidebook to Popular Hindi Cinema“ wissenschaftlich spröde im Vergleich zu den Büchern der Filmkritikerin Anupama Chopra oder gar zu Lights, Camera, Masala: Making Movies in Mumbai. Aber Ganti bleibt passabel lesbar und hält viele interessante Zahlen und Fakten parat, so etwa die geringe Zahl der Kinos pro Einwohner (bei gleichzeitig jedoch hoher Zahl von Plätzen pro Kinosaal), den hohen Anteil von Muslims in der Bollywood-Industrie (ohne jedoch prominente Namen zu nennen) oder dass die Mehrzahl der Filme pro Jahr nicht in Hindi produziert wird.

Gern liefert Ganti wissenschaftliche Exkurse etwa zur Rolle der Kurtisane, zu den Regionalsprachen oder zur Aufteilung Kolonial-Indiens in mehrere Länder. Bei solchen historischen Rückblicken scheint manchmal ihr Hauptinteresse zu liegen.

Interessante Einblicke:

Es gibt aber auch interessante filmhistorische Momente, so die erste Filmaufführung in Indien (nur für Weiße), den ersten Tonfilm (1931) und – wichtig! – den ersten Film mit Playback-Sängern 1935. Man hat am Ende den Eindruck, die Bollywood-Wurzeln und -Hintergründe wirklich zu durchschauen.

Das Produktionskapitel gibt Einblick in die Abläufe: Die rein mündlichen Filmverhandlungen mit der wichtigen Statusfrage, ob man sich im Haus des Star-Schauspielers oder beim Produzenten oder auf neutralem Gelände trifft; die Integration von Musik; die Übernahme von Stoffen aus existierenden Filmen; die widerstreitenden Interessen von Verleihern und Produzenten zum Beispiel beim Termin für die Fernsehausstrahlung.

Das ist alles wirklich interessant und offenbar gründlich recherchiert; allerdings nennt Ganti selten konkrete Beispiele: so ist nicht klar, ob bei den Verleihern und Produzenten auch Firmen wie UTV, Eros Entertainment oder Moser Baer gemeint sind, mit denen auch europäische Bollywoodendverbraucher zu tun haben.

Die Autorin geht wirklich ins Detail:

Zur Sprache kommen auch typische Usancen der indischen Filmbranche, so die separate Musikpremiere, das Erzählen des Films im Teamplenum oder die wichtige Feier vor Beginn der Dreharbeiten, bei der auch eine Kokosnuss zerschlagen wird – Bräuche, die teils im Meta-Bollywood-Kracher „Om Shanti Om“ wiederkehren (weitere Bollywood-Filme mit Thema Bollywood).

Instruktiv sind die Kurzaufsätze zu wichtigen Regisseuren und Schauspielern seit den 30ern bis Anfang des 21. Jahrhunderts. Zu jedem Akteur nennt Ganti rund sechs oder acht Filme – allerdings gibt es hier keine Bilder, keine konkrete Wertung und nicht immer Genre-Zuordnungen.

Meine Kritikpunkte:

Für einige etablierte Filmfamilien, etwa Kapoor, Mukherji und Chopra, hätte ich mir einen Stammbaum mit Fotos gewünscht (einschließlich Differenzierung der namensgleichen, aber nicht verwandten Akteure). Der wohl bekannteste Filmmusikproduzent heißt bei Ganti durchgehend „Rehman“ statt (A.R.) Rahman.

Einige Superstars der Nuller-Jahre, etwa Kajol, Rani Mukerji oder Karan Johar, fehlen. Dennoch bieten die Seiten eine gute Orientierung. Wer eine Übersicht nach Genres und die Top Ten eines jeden Jahrzehnts sucht, könnte stattdessen The Essential Guide to Bollywood durchblättern.

„Live“-Erlebnisse fehlen: Die Autorin zeigt eigene Fotos von Dreharbeiten, berichtet aber nicht konkret von der Arbeit an einem bestimmten Film. Wir erfahren, dass große indische Kinos bis 2500 Sitze haben und manchmal Wochen im voraus ausgebucht sind

Doch wie ein Kinoerlebnis konkret abläuft, liest man nicht: Wie viele Vorführungen gibt es pro Tag; was passiert in der Pause; wie laut ist es während der Vorführung durch Essen, Reden, Telefonieren; tanzen die Zuschauer wirklich mit; gibt es Vorführungen mit englischen Untertiteln oder gar englischem Ton; wie ist die Klimanlage eingestellt, wenn es denn eine gibt?

Auf rund 35 Seiten stellt die Autorin wichtige Filme seit 1935 einzeln vor. Jeder Film bekommt dabei nur ein bis zwei Absätze und oft ein Schwarzweißbild. Allerdings erzählt Ganti meist nur den Inhalt und sagt kaum etwas zu Qualität oder Genre. Wer konkrete Empfehlungen für die eigene DVD-Sammlung sucht, sieht sich besser woanders um.

Weitere Nachteile:

  • Es gibt nur wenige Bilder, generell in Schwarzweiß. Der Abschnitt über die wichtigsten Schauspieler hat, man denke, gar keine Bilder.
  • Das Inhaltsverzeichnis des 250-Seiten-Buchs nennt knauserig nur die sechs Hauptüberschriften, aber nicht die wichtigen Überschriften 2. Ordnung. Das Stichwortverzeichnis ist ausführlich.
  • Die wichtige Zensurbehörde wird gelegentlich erwähnt, allerdings nicht systematisch vorgestellt – ein Mangel. Und das, wo jeder Film zuerst das Zertifikat der Behörde zeigt. Interessant, dass die interviewten Filmmacher eine Zensur prinzipiell befürworten (als Bollwerk gegen Sittenverfall).
  • Welche Rolle spielte die Einführung von Farbfilm? Die Preis- und Beschaffungsprobleme mit Filmmaterial, auch die staatliche Zuständigkeit für Farbfilmmaterial werden erwähnt. Doch was war der erste bekannte Bollywoodschinken in Farbe, wie reagierte das Publikum?

Bollywood-Empfehlungen auf HansBlog.de:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.