Rezension Feelgood-Bollywood: Dilwale Dulhania Le Jayenge – Wer zuerst kommt, kriegt die Braut (1995, mit Shah Rukh Khan, Kajol; mit Trailer & Tänzen) – 8 Sterne

Zwei Inder aus England karriolen durch die schöne Schweiz. Die Requisite organisiert Kuhglocken und Schneeflocken (kein Alphorn).

Zu fröhlich orientalischen, trotz knapper Elektronik stets sehr gut konsumierbaren Weisen schwingen die gutaussehenden, sympathischen Akteure das Tanzbein auf Schneefeldern und in Einbauküchen. Plausibel ist wenig, aber wir wollen uns ja amüsieren. Und das tun wir auch bestens, sogar wenn ein sauber blaues Hemd urplötzlich durchgeschwitzt erscheint.

Gutgelaunter Heimatfilm – aus zwei verschiedenen Ländern:

Der erste Teil dieses Knüllerfilms (über den es sogar ein gutes Buch gibt) erinnert mit seiner rustikalen Schweizer Kulisse teils an einen europäischen Heimatfilm. Der zweite Teil im Punjab bringt dann viel indisches Ambiente – ersehnte Heimat für einige Hauptakteure, und wiederum hoch atmosphärisch und sehr schmuck ins Bild gesetzt.

Ein Highlight sind die musikalisch schön unterlegten Tänze auf der Dachterrasse und das vor-hochzeitliche orientalische Familientreiben im Palazzo des Bräutigams in spe (Jatin-Lalit haben nie bessere Musik geliefert). Überhaupt präsentieren sich sämtliche Spielorte im Vergleich zur vermuteten Realität ordentlich aufpoliert, wenn auch noch nicht so übertrieben edel wie in späteren Bollywoodfilmen à la Kabhi Khushi Khabie Gham (auch mit Shah Rukh Khan und Kajol) oder Kabhi Alvida Naa Kehna.

Was mich (nicht) begeistert hat:

Im Vergleich zu späteren, auch edler produzierten Erfolgsfilmen wie Khabie Khushi Khabi Ghum oder Fanaa wirkt nicht nur die Produktion von Dilwale Dulhania Le Jayenge (DDLJ) schlicht, unbekümmert und jugendfrisch; auch Khan und Kajol erscheinen geradezu kindlich verspielt, liebenswert und mit niedlichem Babyspeck, von dem Kajol relativ viel zeigt. Kajol fasziniert, ihre Augen glühen aber noch nicht so wie in späteren Filmen.

Auf die brutale, bluttriefende, lüstern ausgewalzte Prügelei ganz zum Schluss hätte ich indes gern verzichtet; sie wirkt abstoßend genug, auch wenn die Fäuste teils erkennbar nur ins Leere hauen. Die Klopperei war noch ein Zugeständnis ans alte Bollywood vor allem der 80er – die Mainstream-Bollies nach DDLJ kamen überwiegend ohne Klopperei aus.

Die Moral ist aber von vorgestern:

Wie in anderen Filmen über indische Auswanderer schwingt auch in Dilwale Dulhania Le Jayenge viel schmachtender Lokalpatriotismus mit, der vielleicht nicht jedermanns Geschmack trifft, speziell bei Engländern. Ebenfalls darf man die Moral von der Geschicht‘ in Frage stellen:

Die zwei weiblichen Hauptfiguren Mutter und Tochter tun und lassen nur, was die beiden Männer, Vater und Verehrer, erlauben oder betreiben. Mutter und Tochter, letztlich auch der Sohn, fügen sich allzeit brav dem Donnervater und sagen höchstens mal lieb „bitte“ – das ist so holzschnittartig wie der grundsätzlich imposante, aber (abgesehen von einem Tanz-Ausbruch) gänzlich eindimensionale, despotische Familienpatriarch Amrish Puri (der wegen seiner brutalen Miene auch gern für Hindi-Horror gecastet wird).

Doch der erfreulich heitere Eindruck einer fetzigen, leicht durchgeknallten Komödie überwiegt sogar im zweiten, indischen Teil – dank dem stets ansehnlichen, lausbübischen Charmeur Shah Rukh Khan und seinem drolligen Paps, Anupam Kher. Viele Kameraeinstellungen sind „sehr kino“ und eindrucksvoll.

Zur Qualität meiner DVD:

Die Bildqualität enttäuschte bei meiner Disk massiv im Vergleich zu anderen Bollywood-DVDs. Das Bild grieselt und die Farben scheinen teils ausgewaschen wie aus einer vergangenen Ära. Diesen Film hätte man gern noch mal ordentlich überspielt.

Die deutsche Tonspur klingt viel besser und auch weniger künstlich als die indische, allerdings unterschlagen die deutschen Untertitel noch mehr als die deutschen Stimmen. Die Musik klingt in beiden Spuren technisch gut.

Wie so oft, bleibt da nur, den Film einmal mit deutschen Stimmen und dann nochmal mit Hindi-Stimmen und deutschen oder englischen Untertiteln zu sehen – das ist kein Problem, denn „Dilwale Dulhania Le Jayenge“ kann man öfter sehen. (Manchmal wünsche ich mir, dass die Originalschauspieler den ganzen Film komplett auf Englisch nachsynchronisieren; auch die Hindi-Stimmen werden ja meist erst nachträglich gesprochen. So könnte man den Film mit den Originalstimmen verfolgen, die stets weit mehr unterhalten als die deutschen Stimmen, ohne auf Untertitel starren zu müssen.)

Neue Erkenntnisse bei den Begleitfilmen:

Wirklich interessant ist das Material auf der Bonus-DVD (bei meiner Ausgabe). Man sieht u.a. die Auftritte der „Dilwale“-Stars bei den Filmfare Awards (den „indischen Oskar-Verleihungen“). Erstaunlich hier – wie auch bei den weiteren Interviews – die Unterschiede zwischen der lebhaften Kajol, dem selbstbewussten Shah Rukh Khan und dem scheuen Regisseur Aditya Chopra. Der erscheint bei den Einzelinterviews erst gar nicht, sondern schickt seinen Vater und Firmenchef vor.

Noch netter als in DDLJ wirkt auf den Begleitfilmen Farida Jalal (Lajjo, Kajols Film-Mutter), während ihr finsterer Film-Gatte Amrish Puri bei seinen kurzen Statements nicht mehr gar so furchteinflößend herüberkommt. Fein auch die Interviews mit enthusiastischen indischen Cineasten in der langen Schlange vorm „Dilwale“-Kino, die den Film Dutzende oder hunderte Male gesehen haben.

Sehenswert zudem die herausgeworfenen Szenen, die teilweise neue Aspekte der Gesamtgeschichte aufzeigen: So erzählt die Film-Mutter in einer nicht verwendeten Sequenz, ihr im Film so angestrengt strenger Gatte habe früher in Indien viel gelacht, man habe es quer über den Fluss gehört, doch dann seien sie von einem Betrüger nach England gelockt worden und nicht mehr fortgekommen; diesen Hintergrund, der die düstere Grundstimmung des Vaters etwas fundiert, bekommt man im Film selbst nicht.

Sehr interessante Hintergründe:

Anupama Chopras dünnes, in flüssigem, leicht lesbarem Englisch geschriebenes Buch „Dilwale Dulhania Le Jayenge: The Brave-Hearted Will Take the Bride“ (BFI Modern Classics) liefert noch viel mehr Hintergründe zum Film und zu Bollywood, auch mit westlichen Lesern im Blick.

Mein Lieblings-Bollywoodfilm über Auslandsinder bleibt aber das raffiniertere, modernere, dabei nicht über-bombastische und im ersten Teil ebenfalls sehr heitere Indian Love Story – Lebe und denke nicht an morgen (2003, Kal Ho Naa Ho), das Karan Johar produzierte. Erfolgsregisseur Johar hatte bei „Dilwale“ bereits Nebenrollen als Schauspieler und Regieassistent.

DDLJ markiert den Übergang von den Prügel-Bollys der 80er-Jahre zu den romantischeren, gefühligeren Hindi-Filmen ab etwa 1995. Ein interessanter Vorläufer zu DDLJ ist Hum Aapke Hain Koun…!“ (1994, mit Salman Khan, Madhuri Dixit, Regie Sooraj R. Barjatya) – dieser Film zeigt bereits viele Elemente von DDLJ und hat Aditya Chopra sehr beeinflusst.

DDLJ zählt zu den ganz großen Bollywoodklassikern seit 1995.



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