Erster Eindruck Biografie: Ludwig I. von Bayern, Königtum im Vormärz, von Heinz Gollwitzer (1986) – mit Ausgabenvergleichen

Dieses Buch habe ich nur in Stichproben gelesen. Schon im Vorwort bedauert Autor Heinz Gollwitzer, er könne aus Zeitgründen „nicht ((…)) das Optimum einer Biographie“ (S. 11) abliefern. Keine gute Prämisse.

Heinz Gollwitzer (1917 – 1999) schreibt nicht streng chronologisch, sondern liefert Ketten historischer Aufsätze, Übersichten und Analysen. So lauten etwa die Überschriften ab S. 229: Staatspolitik, Kirchenpolitik, Haushaltspolitik. Die Überschriften ab Seite 349 lauten: Stämme und Geschichtslandschaften, Altbayern, Franken, Pfalz, Staatsräson und regionaler Anspruch. Am Schluss geht Gollwitzer über Ludwigs letzte 20 Jahre rasch hinweg, extemporiert stattdessen über König und Künste.

Menschliches interessiert den Geschichtsprofessor ausdrücklich weniger. An Lola Montez kommt Gollwitzer indes nicht vorbei, wie er zähneknirschend eingesteht, und er überzieht sie mit verächtlichen Adjektiven.

Oft hatte ich bei Gollwitzer den Eindruck, dass er auf hohem Niveau Dinge kommentiert, die er als schon bekannt voraussetzt, die ich aber nicht kenne – so das unentwegt aufscheinende Wort „vormärzlich“ und viele andere historische Zusammenhänge.

Sprache:

Gollwitzer begann die Biografie im Jahr seiner Emeritierung 1982. Er schreibt Dativ-e (z.B. S. 673, „im Mittelpunkte“) und streut kleine scharfe Urteile ein, die den Text entwerten, z.B. „der charakterlose Berks“ (S. 685) oder „Ein Trauerspiel!“ (S. 688). Er pflegt Substantivierung, Passiv und allgemein spröde Sprache wie z.B. dieser Satz auf S. 697:

Dieser hatte mit seiner Frau nach der in Anwesenheit Reisachs erfolgten Primiz eines seiner Söhne dem Erzbischof einen Höflichkeitsbesuch abgestattet.

Gelegentlich bringt Gollwitzer französische oder lateinische Sätze unübersetzt (z.B. S. 675). Die Absätze sind lang, manchmal länger als eine Seite (z.B. S. 691). Die Sprache gleitet so ohne Anfasspunkt an mir vorbei, ohne viel O-Ton (obwohl Gollwitzer Ludwigs Tagebücher einsehen konnte), Präteritum statt Präsens, die erforderlichen Vorkenntnisse fehlen mir, und drum habe ich das schwere Buch nach einigen Stichproben wieder weggelegt. Dass man den Band vielfach für wenige Euro gebraucht bekommt, signalisiert m.E., dass r. nicht sonderlich beliebt ist.

Meine 1986er-Ausgabe hat außer Titel und Frontispiz keinerlei Abbildung. Die 2. Auflage von 1997 kenne ich nicht.

 Vergleich der Ludwigografien von Corti (1937) und Gollwitzer (1986):

Egon Caesar Conte Corti legt explizit „das Hauptgewicht ((…)) auf die menschliche Figur des Königs“ (S. 4 der ungek. 1937er-Ausgabe, Hervorhebung von Corti). Heinz Gollwitzer liefert dagegen schon laut Untertitel „eine politische Biographie“ und postuliert: „Das Privatleben des Königs ist nicht der Gegenstand dieser Biographie“ (S. 668 Ausg. Südd. Verlag 1986).

So klingt Cortis Buch teils wie ein Roman, immer an der Person orientiert, mit vielen lebendigen Zitaten, teils dialogisch angeordnet, man fühlt sich nah dran am König. Zugleich wertet Corti nur vornehm zurückhaltend.

Gollwitzer schreibt politisch-historisch mit weit weniger Zitaten. Er klingt spröder, liefert dabei weit mehr Fakten und viele Zusammenfassungen und Übersichten – und schildert darum die letzten 20 Jahre Ludwigs, nach der Abdankung, weitaus kürzer als Corti, erwähnt anders als Corti den Märchenkönig Ludwig II. kaum. Gollwitzer flicht häufig scharfe Wertungen ein.

Kein Buch zeigt auch nur eine einzige Landkarte. Der Corti von 1937 hat 69 Abbildungen und eine Stammtafel. Gollwitzer bietet in meiner Ausgabe außer Umschlag und Frontispiz kein Bild und keinen Stammbaum, aber den weitaus größeren wissenschaftlichen Apparat.

  • Seiten: 950
  • Gewicht: 1050 g

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