England-Roman: Der Mann am Klavier bzw. The Pianoplayers, von Anthony Burgess (1986) – 5 Sterne

Schnodderiges Parlando

Die ersten zwei Drittel, etwa 140 Seiten, lesen sich gut und sind entspannt erzählt: Es geht um das harte Leben eines armen englischen Klavierunterhalters in den 1920er bis 1940er Jahren; er malträtiert die Tasten in Kinos, Kneipen und Schmierenshows und ist doch eigentlich ein sensibler Beethoven-Freund. Das klingt sehr anschaulich, wirkt oft lustig bis sarkastisch, flüssig und unsentimental erzählt aus Sicht der kleinen Tochter des Klavierspielers. Gar nicht schlecht bis dahin.

Zusammengestückte Handlungen:

Doch dann, bei Seite 140, geht Anthony Burgess der Stoff aus. Also näht er mühsam noch ein paar andere Handlungsfäden an – die sind allein genommen teils nicht übel, passen aber nicht zum restlichen Buch. Weder inhaltlich noch im Ton: Da schwadroniert die Ich-Erzählerin plötzlich schwülstig von der Schule der Liebe, und dann folgen ein paar drastisch makabre (aber für sich unterhaltsame) Seiten. Zum Schluss will Burgess seinen Roman scheinbar nur noch mit Gewalt zu Ende bringen.

Das Buch enthält – wenn auch nicht so aufdringlich wie etwa Devil of a State – die typischen Burgess-Themen: Katholizismus versus andere Religionen; Schuld; Musik ohne Musikinstrument; Ehe; käufliche Liebe. Wer ein Instrument spielt, schätzt den sehr originellen Musikunterricht im dritten Kapitel.

Biografische Elemente:

Und The Pianoplayers enthält Burgess‘ Leben: Die Handlung liest sich wie eine alternative Fassung seiner Autobiografie Little Wilson and Big God: klavierspielender Vater, lieblose Stiefmutter, Ausflüge nach Blackpool, London im Krieg, der Name des Tabakgeschäfts, all das entnimmt Burgess 1:1 seinen Erinnerungen. Und es ist auch wirklich eine romanhafte, filmreife Kulisse. Sogar Burgess‘ späterer Weg nach Südostasien und nach Südeuropa scheint in den Pianoplayers auf.

Auf den ersten 140 Seiten hat es mich wenig gestört, dass hier ein alter Mann eine weibliche Ich-Erzählerin kreiert. Einige Sentenzen im letzten Viertel weckten allerdings mein Unbehagen.

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