Rezension England-Roman: Bordeaux: Ein Roman in vier Jahrgängen – The Irresistible Inheritance of Wilberforce, von Paul Torday (2008) – 8 Sterne

Ein sehr überzeugender Roman mit stets durchgehaltenem, gutem Momentum, wenn man bedenkt, dass es in großen Teilen nur um einen unsympathischen, blassen Alkoholiker und Computerfex geht und dass wenig passiert. Es fiel mir schwer, die Lektüre zu unterbrechen.

Reizvoll, wie der Ich-Erzähler seine Weinsucht ummäntelt, negiert, mit immer neuen Erklärungen und Ausflüchten; ganz lässig – literarisch sehr nonchalant – leert er Glas um Glas, Flasche um Flasche, und das schon vor dem Abendessen. Gut geschrieben.

Gute Einblicke:

Auch andere Personen schildert Autor Paul Torday sehr markant und mit treffendem Tonfall, vor allem den versnobten englischen Landadel, der sich auf seinen Anwesen amüsiert, gepflegtes Parlando und britisches Understatement zelebriert. Das endlose, monotone Weingut-Namedropping entnahm Torday bei den Wein-Monographien Robert Parkers.

Doch es geht nicht nur um Rebensaft und um Sucht, sondern auch um Selbsttäuschung und um englische Gesellschaftsschichten (darum passt Bordeaux als Titel der deutschen und US-Ausgabe weit weniger als der britische Titel The Irresistible Inheritance of Wilberforce). Das Leben des Start-up-Unternehmers in jungen Jahren und Wilberforce‘ angebliches Talent für Zahlen erscheinen im Roman weniger konturiert.

Kleinere Schwächen:

  • u.a. die zu ausführliche Schilderung der Raufußhuhnjagd – sie klingt wie eine allgemeine Reportage oder wie ein privates Erlebnis, das Torday irgendwie unterbringen wollte;
  • einen betulichen Suchttherapeuten karikiert Torday zu drastisch;
  • unverständlich bis zum Schluss, warum Wilberforce seinen Vornamen zumeist verschweigt (die gelieferte Begründung überzeugt nicht);
  • die mehrfach wiederholte Bogotà-Medellin-Episode bleibt Fremdkörper.

Dass der Roman in vier „Jahrgängen“ rückwärts erzählt wird, ist ok, stört nicht – bringt aber auch nicht viel, da die Rückwärtsbewegungen keine überraschenden neuen Tatsachen erschließen und wichtige Details der frühen Jahre schon zu Anfang anklingen (anders als in Harold Pinters Drama Betrogen, ebenfalls chronologisch rückwärts, bei dem jede Rückblende neue Einsichten liefert).

Ich hab’s auf Englisch gelesen und hatte wohl noch nie so einen leicht verständlichen Roman auf Englisch, einzig das Wort grouse musste ich nachsehen.

Stringenter, stärker als Tordays Roman Lachsfischen im Yemen.

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