Rezension Eisenbahn-Weltreise: Basar auf Schienen: Eine Reise um die halbe Welt, von Paul Theroux (1975, engl. The Great Railway Bazaar) – 6 Sterne

Paul Theroux reist per Zug von England nach Japan und zurück. Und noch vor Seite 30, noch vor Istanbul, haben wir schon zwei Männer beim Urinieren erlebt, einen aus nächster Nähe im Schlafwagen.

Auch sonst trifft Paul Theroux auf seiner Zugreise London-Tokio-London viele Banausen:

Jugoslawen sind „Jugs“ (engl. für Krüge), die an Bahngleisen hocken; Türken haben zu viele Haare und Kinder und zudem Kleidung von 1938, dem Todesjahr Atatürks; schlimmer noch die Hippies aus England und Deutschland, die Theroux mit Affen und Gorillas vergleicht; den Tiefpunkt auf der Schiene bieten für Theroux stets australische Backpacker; von den Japanern erwähnt er „their little feet…, their little heads, like flawed clockwork toys“ (ich hatte die englische Ausgabe, The Great Realway Bazaar; deutscher Titel Basar auf Schienen, früher auch Abenteuer Eisenbahn – Auf Schienen um die halbe Welt). Die Russen sind immer betrunken, reden lächerliches Englisch und wenn sie kein Englisch verstehen, nennt Theroux sie mutig „monkey“; verächtlich witzelt er über Sikhs in Indien.

Stolz berichtet Theroux, wie er Unsympathen zurechtweist oder auch mal vor den Kopf stößt. Dabei empfindet er mehr Genugtuung als ich.

Doch während Theroux über Afghanen noch böse schimpft, wird das Bild ab dem Khyber-Pass in Pakistan besser: Immer öfter gibt es jetzt interessante, leicht kauzige, unterhaltsame Dialoge, die das Wesen der Theroux-Gesprächspartner scheinbar treffend skizzieren. In Städten hält er sich nur kurz auf, meist nur, um das nächste Zugticket zu kaufen. Auf Pakistan und Indien folgen alsbald Burma und Thailand, und der Spott wird wieder stärker.

Theroux brauchte Geld:

Die Umstände zwangen Paul Theroux zu dieser beschwerlichen Reise: Seine frühen Afrika-Romane wie Girls at Play verkauften sich nicht so gut, seine Dozentur in Singapur hatte er verloren und war mit Frau und Kindern nach England gezogen. Dort wollte Theroux ein freier Schriftsteller sein. Und um die Familie ernähren zu können, verließ er sie: Theroux entwickelte die Idee eines Zugreise-Buchs und begab sich 1973 unter die Philister, die dieses Fortbewegungsmittel bevölkern; man merkt vor allem im Europa-Teil, wie Theroux leidet, selbst wenn stete Alkoholzufuhr den Zumutungen die Spitze nimmt.

Und Theroux hatte richtig kalkuliert: Basar auf Schienen wurde ab 1975 zum Millionen-Bestseller mit 20 Übersetzungen. Die erfolgreiche Grundidee des Buchs – eine endlose Zugreise um der Zugreise willen – recyclete Theroux noch auf weiteren Strecken weltweit, bis er schließlich sogar die Railway-Bazaar-Route für ein neues Buch wiederholte (Ghost Train to the Eastern Star).

Die Einsamkeit des Langstreckenschreibers:

Theroux wurde als „Reiseautor“ bekannt und erfolgreich, obwohl er viel lieber ein anerkannter Romancier wäre. Doch einige der vielen  Romane Therouxs sind ungenießbar (es gibt auch Perlen wie Kowloon Tong oder The Consul’s File), und selbst die besseren erzielen nicht die Breitenwirkung seiner Reisebücher.

Ich selbst mag keine Reisen mit schnell wechselnden Zielen in unterschiedlichsten Kulturen. Um-die-Welt-Trips kommen für mich gar nicht in Frage. Ist das nicht eine Art von „sleeping around“?

Eigentlich würde ich darum auch Reisebücher meiden, deren Reisestil mir nicht zusagt – denn selbst als privatisierender Millardär ohne Veröffentlichungsgedanken würde man ja niemals Therouxs Reise nachfahren, ebensowenig als Normalverdiener.

Der Trip macht keinerlei Sinn:

Was soll das schon, die ganze Zeit nur im Zug sitzen, bis man am andern Ende der Welt ankommt, und dann gleich wieder zurück. Viel zu oberflächlich. So passiert Theroux zum Beispiel Kalkutta, über das er später einen ganzen Roman schrieb, doch im Railway Bazaar bekommt die faszinierende Bengalen-Metropole nur vier Tage und wenige Seiten. Nicht besser geht es Teheran, Bombay, Colombo, Madras, Bangkok, Vientiane. Singapur gönnt Theroux ein paar leidenschaftlich politische Seiten, weil er hier einst unterrichtete und unter der Politik des Stadtstaats litt. Ein bisschen mehr erfahren wir aus Tokio, allerdings vor allem aus den Amüsiervierteln. Zwei Tage war er wohl in Moskau, aber von dort hören wir gar nichts.

Hier und da nimmt sich Theroux vor, noch einmal in Ruhe wiederzukommen, etwa in Kyoto. Aber genau so möchte ich nicht reisen: An einem Ort ankommen und wieder wegfahren, ohne ihn in Ruhe gesehen zu haben. Dann lieber gar nicht erst hin.

Reise im Zickzack:

Meine englische Taschenbuch-Ausgabe zeigt keine Karte des Reiseverlaufs. Theroux bewegt sich jedoch auch nicht linear über den Planeten, sondern unternimmt in Indien und Südostasien viele Abstecher, die ihn von der eigentlichen Route abbringen: Wo eine Bahnlinie endet, da taucht unvermeidlich Theroux auf – dieses Kriterium für Reiseziele behagt mir gar nicht.

So wird Therouxs Route immer verworrener. Nach ein paar willkürlich wirkenden Etappen im noch nicht komplett kommunistischen Vietnam fliegt Theroux kurzerhand von Saigon nach Tokio – ein Riesensprung ohne Bahn. Auch in Japan nutzt Theroux die Turbozüge nach Nord und Süd, ohne seine große Route direkt weiterzuverfolgen. Gelegentlich denkt man, er wird solange hin und her düsen, bis er die verabredete Menge Reiseabenteuer (gefühlt circa 80.000 Wörter) beisammen hat.

Darum habe ich das Buch trotzdem gelesen:

Gelesen habe ich Basar auf Schienen jedoch trotz aller Vorbehalte gegen den Reisestil: Denn einige mittlere bis späte Theroux-Bücher sind zwar unsympathisch, aber definitiv gut geschrieben; und Railway Bazaar gehört zu den Klassikern der Reiseberichte. Manche sagen gar, Theroux erfand oder reanimierte ein Genre. Auf der Reiseschreiber-Seite Worldhum.com wird er vergöttert.

Und spätestens ab Pakistan erzeugt Railway Bazaar einen Sog, der vielleicht sogar in der Oberflächlichkeit des Reisevorhabens liegt. Es ist wie Zappen: Auf keinen Ort lässt sich Theroux länger ein, nichts wird gründlich erkundet, nirgends muss man sich anstrengen, denn schon wartet der nächste Zug, der nächste Plausch mit einem Kauz in der zweiten Klasse, das nächste Amüsement, wieder einmal tagelanges Verharren mit Büchern und Zufallsbekanntschaften, die den Stoff für Therouxs Reisebericht hergeben, ja, hergeben müssen.

Denn von den Unterhaltungen im Zug lebt das Buch. Allgemeine Landeskunde oder Besuche bei den wichtigsten Sehenswürdigkeiten erspart Theroux seinen Lesern meist (ein paarmal zu oft landet er dafür in Rotlichtschuppen). Und wenn Theroux doch wissenschaftlich wird, unterlaufen ihm kleinere Fehler, wie die New York Times einmal nachwies (ich finde nur noch die allgemeine NYT-Rezension, aber nicht mehr den Artikel über die Ungenauigkeiten).

Manchmal dehnte sich die Lektüre:

Dann wieder verspürte ich Überdruss, wenn ich Great Railway Bazaar neu zur Hand nahm: Was soll man sich auf ein Ziel, auf eine Zugbekanntschaft groß einlassen – zwei oder spätestens vier Seiten weiter spielt die Begegnung ja doch keine Rolle mehr (auch wenn Theroux erkennbar versucht, zumindest einige wenige Motive in ganz unterschiedlichen Reiseetappen wiederkehren zu lassen).

Der größte Teil des Buchs gehört Südasien von der Türkei bis Vietnam (über das der Exil-Amerikaner Theroux wie so oft weit weniger US-patriotisch schreibt als viele seiner Landsleute). In Südasien findet der Autor ganz offenbar die interessantesten Stoffe; die komfortablen, geräumigen, nostalgischen Bahnen in Indien behagen ihm zudem weit mehr als die hektischen Turbozüge in Japan – dort gilt ja eine Minute Aufenthalt schon als großzügiges Verweilen. Für die Strecke Japan-UdSSR-London bleibt Theroux nicht mehr viel Platz; er will nur noch nach Hause und das Buch zu Ende erleben, dem Leser geht es vielleicht ähnlich.

The Great Railway Bazaar ist teilweise leb- und bildhaft geschrieben. Doch der Reisestil und der über Kapitel hin menschenverachtende, übellaunige Ton zusammen mit überflüssigen Rotlichtexkursionen verhindern ungebremsten Genuss.


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