Doku-Kritik: Betrug (2018, von David Spaeth) – 8 Sterne – mit Video

Diese Dokumentation fasziniert inhaltlich und gestalterisch. Sie berichtet von einem Eltern-geführten Kindergarten im reichen München-Schwabing; ein neu hinzugekommener Vater wird Kassenwart und stiehlt tausende Euro. Die anderen Eltern merken es erst, als er sich selbst offenbart – und fast muss der Kindergarten schließen.

Es ist eine dieser Langformat-Dokus mit Kino-Ambitionen, in denen keine Stimme aus dem Off die Hintergründe erklärt; man hört nicht einmal Fragen des Interviewers. Fünf, sechs Elternpaare auf ihren Sofas und der  Betrüger – ebenfalls auf seinem Sofa – reden in die Kamera. Der Betrüger, „Basti“, wirkt dabei ehrlich, betroffen und reflektiert. Die Elternpaare erscheinen ebenfalls reflektiert, kaum empört, und ähneln sich scheinbar: zurückgenommene Gestik, unaufdringlich gutsituiert, geschmackvoll in gedeckten Farben gekleidet und möbliert, mild urban, liberale Schwabinger Bürgerbohème.

Der Film ist so perfekt geschnitten, dass die vielen knappen Interview-Auszüge fast eine Diskussion im großen Kreis ergeben. Die völlig unbewegliche Kamera zeigt die Elternpaare frontal, sie blicken fast direkt in die Kamera, die Sprecher erhalten damit starke Präsenz. Ganz am Ende kommen ein paar Bilder aus dem Gerichtsgebäude. Es gibt keine Privatfotos oder -videos etwa von Festen, auch keine Zeitungsausschnitte oder andere Medienexzerpte. Keine Spielszenen, keine Hintergrundmusik, keine Zooms oder unnötige Dramatisierung – alles sehr streng.

Schade, dass Regisseur David Spaeth (selbst Geschädigter) unpassende, wunderliche Zeitlupen-Traumszenen von einem ausuferndem Sommerfest einfügt; er scheint seinen Doku-Bildern allein nicht zu trauen.

Typisch für eine Doku ohne Erzähler, ohne Interviewer, nur mit den Stimmen der Betroffenen: Man kommt den Figuren sehr nah, doch Fragen bleiben offen. Darum erscheinen im Abspann erklärende Texttafeln – Beweis einer Schwäche des Films? Selbst die Texte beantworten aber nicht alle verbliebenen Fragen: Muss/will der Betrüger den Schaden ersetzen? Haben die Eltern die Selbstverwaltung geändert oder gar die Institution gewechselt? Wie hoch war der Monatsbeitrag? M.E. hätte der Autor die seltsamen Traumszenen entfernen und durch erklärende Texttafeln ersetzen sollen, die Doku wäre noch fokussierter.

Trotzdem, ein dramatischer Film nah am Leben mit spannenden sozialen und kriminalistischen Einblicken. TV vom Feinsten. Keine Sekunde zu lang. Das deutsche Feuilleton liebte den Film, die Grimme-Jury auch.

Einige Kritiker meinten, der Betrüger verdiene vielleicht keine Strafe: die betrogenen Eltern seien so naiv gewesen und schließlich auch so reich, dass sie den Schaden durch eigene Mittel ausgleichen konnten. Diese Meinung ist absurd.

Assoziationen:

  • Spaeths Film erinnert natürlich an die 2007er-Doku Die Hochstapler, bezwingt aber dank seiner Konzentration noch mehr.
  • Auch Erinnerungen an Blütenträume, die Biografie eines einsamen Kölner Geldfälschers, wurden wach.
  • Ich dachte zudem an Herlinde Koelbls Bildband Das deutsche Wohnzimmer; er zeigt  ebenso wie der Betrug-Film eine Reihe von Wohnzimmern; bei Koelbl sieht man freilich ein weit größeres gesellschaftliches Spektrum weniger einheitlich inszeniert.


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