Rezension Deutschland-Türkei-Spielfilm: Auf der anderen Seite (2007, Regie Fatih Akin) – mit Trailer & Making-of – 8 Sterne

Sechs Menschen aus der Türkei und aus Deutschland wechseln das Land, verändern ihr Leben, ohne dass sie es erwarteten. Der Film spielt in beiden Ländern. Zu den Themen gehören auch Kriminalität, Terrorismus, Zweistaatlichkeit.

Mehrfach gehen Filmfiguren, die schon lange nach einander suchen, achtlos aneinander vorbei, weil sie sich nicht erkennen – stets packend, aber nicht effektheischend inszeniert. In einigen Teilen des Films wird Türkisch oder Englisch gesprochen, dann gibt es Untertitel.

Der vielfach gelobte und ausgezeichnete Film fesselt fast über die vollen 1:55 Stunden. Einige Elemente des Cannes-prämierten Drehbuchs sind freilich weit hergeholt, der Ablauf mit den Wechseln zwischen den Ländern wirkt etwas schematisch. Wichtige Ereignisse kündigt Autor und Regisseur Fatih Akin durch Zwischentitel lange im Voraus an.

Gut gefilmt:

Auf der anderen Seite zeigt starke Bilder vor allem aus der Türkei, oft in Erdfarben, die aber nicht digital getont wirken. Gelegentlich macht die Kamera elegante, langgezogene Halbkreise, sonst bleibt sie ausgesprochen ruhig. Es gibt viele Außenaufnahmen, Behörden, Flughäfen, sogar die Pferderennbahn, und jeder Drehort wirkt stark und authentisch.

Den Mai-Umzug in Bremen oder auch das Publikum auf der Pferderennbahn filmte Akin direkt vor Ort, ohne Komparsen. Laut Kommentar auf der DVD dreht er gern an Originalorten mit echten Menschen, „da kann man nicht viel falsch machen“. So soll es sein.

Recht echt wirken auch die Darsteller. Die jüngeren Frauen spielen oft betont schroff, Hannah Schygulla ist deutlich weicher. Nebenbei läuft gute türkische Musik.

Parallelen:

Auf der anderen Seite (engl. The Edge of Heaven, türkisch Yaşamın Kıyısında) erinnert in seiner Struktur deutlich an den Film Babel (2006): Die Geschichte umfasst jeweils mehrere Erdteile und Gruppen von Hauptfiguren; das Leben der Akteure überschneidet sich wenig, aber in entscheidenden Punkten. Ein Grund für diese Ähnlichkeit: Bei beiden Produktionen arbeitet der mexikanische Autor Guillermo Arriaga mit.

Beide Filme sind übrigens auch Teile einer Trilogie: Auf der anderen Seite gehört als Teil 2 zu einer Reihe, die Fatih Akin 2004 mit Gegen die Wand begann und mit The Cut 2014 abschloss.

Randbemerkungen:

  • Sehr „akin“ am Film ist auch, dass es wieder Vulgarität, Zigaretten, derbe Sprache und wilde Kneipen gibt. Im Vergleich zu Trilogie-Teil 1 wirkt Teil 2 jedoch moderat.
  • Auf der anderen Seite hat einen exzellenten, gut geplanten Abspann. Fast auf einer Stufe mit dem Abspann von Nader und Simin.

Meine Einzel-DVD enthält noch:

  • eine ganze Kette von Trailern,
  • Fatih Akins Kommentar in voller Filmlänge (interessant, aber unvorbereitet und unruhig gesprochen)
  • etwa dreiminütige Statements aller Hauptakteure und des Regisseurs.

Gesprochen wird in den Statements weniger über Details der Produktion, sondern allgemeiner über Filmemachen, Religion, Gewalt, Tod. Akin hat allerdings eine interessante Erklärung zum Soundtrack.

Weitere Filme:

Mit-Produzent NDR drehte noch eine 50minütige Doku zum Film unter der Regie von Fatih Akins Frau. Dieser sehenswerte Bericht findet sich nicht auf meiner Einzel-DVD. Hier ist er:

Ebenfalls nicht auf meiner DVD war der Kurzfilm Das schwarze Meer – ursprünglich ein Teil von Auf der anderen Seite, dann jedoch herausgekürzt und als eigener Kurzfilm vertrieben. Akin meint in der o.g. Doku, die Szenen aus diesem Kurzfilm zählten zum Besten, das er bis 2006 überhaupt inszenierte.

Der Kurzfilm erzählt noch etwas mehr von Nejat, dem türkischen Germanistikprofessor, und seiner Reise ins türkische Hinterland am Ende des Hauptfilms. Hier ist der herausgetrennte Kurzfilm:


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